Montag, 15. August 2022

Und unser lieben Frauen Traum

Our Lady of Mariapocs

Wieder geht es um ein Lied, das aus den Liederbüchern ausgewandert ist, in diesem Fall nicht nur in den Konzertsaal, sondern in die berühmte Liedersammlung der Wandervogelbewegung, den "Zupfgeigenhansel". Es stammt aus Nikolaus Beuttners "Catholischem Gesangbuch" von 1602, wo es folgenden Wortlauf hat.

  1. Und unser lieben Frauen / der traumet ihr ein Traum / wie unter ihrem Herzen / gewachsen wär ein Baum / Kyrie eleison
  2. Und wie der Baum ein Schatten gab / wohl über alle Land / Herr Jesu Christ der Heiland / also ist er genannt / Kyrie ....
  3. Herr Jesu Christ der Heiland / ist unser Heil und Trost / mit seiner bittern Marter / hat er uns all erlöst. / Kyrie ... .
In der Originalversion scheint das Lied ab dem vierten Vers noch einmal neu zu beginnen. "Und unser liebe Frauen / die trug ein Kindelein ... ." es schließen sich dann 13 Verse an, die offenkundig den Charakter eines Wallfahrtsliedes haben: "Kommt er dann auch gen Kirchen / zu unser Frauen Haus / beicht er sein Sünd / hat Reue / so geht er ledig draus."

Beuttner hat die Lieder, die er in seinem Buch wiedergeben hat, meist schon vorgefunden, und in diesem Fall kann es sein, daß er zwei Lieder vorgefunden hat, die er entweder selbst zusammengesetzt hat, oder die schon in dieser Form vorlagen. In der dreistrophigen Version haben wir eine in den Advent einzuordnende "Leise", in der langen ein Wallfahrtslied, in der allerdings die dritte Strophe "stört". In der weiteren Rezeption finden sich deshalb meist zwei verschiedene Versionen, entweder die Version mit ersten drei originalen Versen - wie sie Max Reger verarbeitet hat - oder in einer Version, die die dritte Strophe ausläßt und mit der vierten weitergeht.

Auch die Melodie funktioniert nach dem "Copy and Paste"- Verfahren, die ersten zwei Zeilen haben die selbe Melodie wie "Es flog ein Täublein weiße", die sich dann etwas anders fortsetzt.

Max Reger hat eine ganz neue Melodie komponiert und eine wunderschöne Motette geschaffen. Beide Melodien kann man sich übrigens bei der "FAZ" anhören.

Samstag, 13. August 2022

Warum ich den "Alten" Rosenkranz bete.

Übergabe des Rosenkranzes an St. Dominicus

 Das erste, was ich nach meiner Aufnahme in die katholische Kirche besorgt habe, war die Anschaffung eines Rosenkranzes. Aber wie den Rosenkranz beten?

Um das Rosenkranzgebet und seinen Sinn zu verstehen, muß man die Wurzeln des Gebets kennen. Die Wurzel ist das Psalmengebet der Mönche, die seit mehr als einem Jahrtausend die 150 Psalmen beten, verteilt über die 56 Horen des Stundengebets. Schon sehr früh, wahrscheinlich ab dem achten Jahrhundert, entstanden verkürzte Psalmengebete für Laien, die nicht des Schreibens und Lesens kundig waren, anstelle der Psalmen wurden zunächst Vaterunser gebetet, die dann allmählich durch das Ave Maria ersetzt wurden. Es bleibt beim "Psalter", Knotenschnüre mit 150 Knoten, später Perlenschnüre an denen man die Gebete abzählen kann, existierten schon vor der "Übergabe des Rosenkranzes" an St. Dominicus im Jahre 1208. 

Dominicus, so die Überlieferung, erscheint während der Zeit der Albigenserkriege, nachdem er drei Tag gefastet und gebetet hat, die Gottesmutter, die ihm das Rosenkranzgebet übergibt. Der Ort dieser Übergabe ist bekannt, das 1206 gegründete Kloster der Dominikanerinnen in Prouilhe/Frankreich. Dominicus predigte und kämpfte damals gegen die manichäische Sekte der Katharer, hatte aber zunächst wenig Erfolg. Enttäuscht und ermüdet zog er sich 1208 zurück, fastete und betete 3 Tage. Am 3. Tag erschien ihm die Gottesmutter, die ihm den Rat gab, ihren Psalter als Waffe im Kampf einzusetzen. 

Wundere Dich nicht, daß Deine Arbeit so wenig Frucht getragen hat, denn Du hast auf einem unfruchtbaren Acker gesät, der noch nicht mit dem Tau der göttlichen Gnade gewässert war. Als Gott das Antlitz der Erde neu machen wollte, begann er damit, daß er den fruchtbaren Regen des Engelischen Grußes herabsandte. Deshalb predige meinen Psalter, der aus 150 engelischen Grüßen und aus 15 Vaterunsern besteht. und Du wirst reiche Ernte halten.

Den Psalter predigen, bedeutet, das Geheimnis des Glaubens mit diesem Gebet zu verbinden, und so geht nicht nur der Rahmen des Gebets, sondern auch die über viele Jahrhunderte damit verbundenen Geheimnisse des freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen "Rosenkranzes" auf diese Offenbarung zurück. Es passt einfach zu perfekt zu der Situation, die Dominicus vorfand, als daß es anders sein könnte, denn die Geburt aus der Jungfrau, die Selbsthingabe am Kreuz, die Auferstehung und Himmelfahrt widersprechen den elementaren Überzeugungen der zur Zeit Dominicus mächtigen Sekte der Albigenser. Die glaubten nämlich an den (pseudochristlichen) "Lichtgott", den nichts mit der Materie verbindet, der also nicht geboren werden kann, der nicht stirbt und also auch nicht auferstehen kann.

Den "Durchbruch", wie man heute sagen würde, erreicht Alanus de Rupe, der wiederum nach einer Vision, bei der ihm die Gottesmutter erscheint, das Rosenkranzgebet - noch immer ist die Rede vom Psalter - bekannt macht. Alanus, Mönch des Predigerordens, sorgt ab 1464 für die Verbreitung der Legende von der Übergabe des Rosenkranzes an Dominicus, reguliert den Rosenkranz in der heute bekannten Form mit insgesamt 150 Ave-Gebeten und 15 Paternostern und den damit verbundenen Meditationen über Geburt, Passion und Auferstehung des Herrn, gründet auch die erste Rosenkranzbruderschaft unter der Bezeichung " Confratria D.N. Psalterii Jesu Christi et Mariae Virginis, nach wie vor ist also vom "Psalter" die Rede

1569 befaßt sich erstmals ein Papst, nämlich  der Dominikaner-Papst Pius V mit dem Rosenkranzgebet, in seinem breve "consueverunt Romani Pontifices" lesen wir:

Und so sah Dominicus diesen einfachen Weg, um zu Gott zu beten und ihn zu bestürmen, zugänglich für alle und ganz gottesfürchtig, den man den Rosenkranz nennt oder den Psalter der Gebenedeiten Jungfrau, in welchem Gebet wir die Allerseligste Jungfrau mit dem engelischen Gruß verehren, der einhundertfünfzig Mal wiederholt wird,  entsprechend der Zahl der Psalmen Davids, ergänzt um das Gebet des Herrn vor jeder Dekade. Eingefügt in dieses Gebet sind gewisse Meditationen, in denen wir das ganze Leben unseres Herrn Jesus Christus betrachten, wodurch wir die Methode des Gebets vervollständigen, die von den Vätern der Heiligen Römischen Kirche geschaffen wurde.

Die Rosenkranzbruderschaften breiten sich aus, dem Rosenkranzgebet schreibt die Kirche 1571 den Sieg bei Lepanto zu. Wieder wird das Rosenkranzgebet zur Waffe im keineswegs nur geistlichen Kampf.

In der Zeit nach dem tridentinischen Konzil wird der Rosenkranz ergänzt durch ein "Credo-Kreuz", das Glaubensbekenntnis wird vor dem eigentlichen Rosenkranz gebetet, später kommen dann drei weitere Ave-Perlen dazu für die drei göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe.

1917  wird der Rosenkranz noch einmal ergänzt, auf das Gloria folgt nun das Stoßgebet "O mein Jesus ... "

Auch die neuzeitlichen Päpste haben sich mit dem Rosenkranz auseinandergesetzt. Leo XIII hat allein 12 Enzykliken über das Rosenkranzgebet veröffentlicht, beginnend mit dem 25. Jahrestag der Erscheinung von Lourdes 1883, Leo empfahl ausdrücklich, wieder in einer Zeit der Not und Bedrängnis der Kirche, das öffentliche Rosenkranzgebet vor allem während des Rosenkranzmonats Oktober gemeinsam mit der Lauretanischen Litanei.

Das Paul VI das eher anders sieht, war zu erwarten. Pauls Intention war es nicht gerade, die Marienverehrung zu fördern, auch wenn er in Marialis Cultus das Gegenteil behauptet. Der Rosenkranz wird in Marialis Cultus eher stiefmütterlich behandelt. So wird der eben gerade nicht ausschließlich christologische Charakter betont, das Gebet des Rosenkranzes während der Messe ausdrücklich verboten und ganz im Gegensatz zu Leo XIII das Gebet vorwiegend für den privaten Gebrauch empfohlen. Dies ist, nun der Papst, der Mariä Lichtmeß und Mariä Verkündigung "christologisch" umbenamst hat, also zu Herrenfesten umdefiniert hat, und die Marienverehrung mit vielen weiteren Maßnahmen eher gemindert als gemehrt hat.

Auch Johannes Paul II hat sich mit dem Rosenkranz befasst, den er im übrigen häufig selbst gebetet hat, aber auch er will um jeden Preis das marianische Gebet nicht nur "christologisch" definieren, sondern noch zusätzlich christologisch "verdeutlichen". So schreibt er in  "Rosarium Virginis Mariä"

Von den vielen Geheimnissen des Lebens Christi führt der Rosenkranz, so wie er in der allgemeinen Frömmigkeitspraxis entstanden ist und von der kirchlichen Autorität bestätigt wurde, nur einige an. Diese Auswahl ist durch die ursprüngliche Gebetskette vorgegeben, die sich basierend auf der dem Psalterium entsprechenden Zahl 150 herausgebildet hat.

Um den christologischen Gehalt dieses Gebetes deutlicher zu machen, halte ich es für angebracht, eine angemessene Ergänzung vorzunehmen, die auch die Geheimnisse des öffentlichen Lebens zwischen der Taufe und dem Leidensweg Christi einbezieht, wobei ich es den einzelnen und den Gemeinschaften überlasse, davon Gebrauch zu machen

 Nein, nein, nein, nein und nochmals nein. Es sind insgesamt fünf Argumente, die gegen diese "Reform" sprechen:

  1. Johannes Paul der Zweite erwähnt selbst die enge Beziehung zwischen den 150 Aves des Rosenkranzes und den 150 Psalmen Davids. Eine Erhöhung der Zahl auf 200 zerreißt diese Verbindung.
  2. Bei den 15 Gesätzen des ursprünglichen Rosenkranzes steht in 7 Maria im Vordergrund (1-5 "Den Du, o Jungfrau ...; 14 und 15 "Der Dich o Jungfrau"), fügt man dem 5 weitere Gesätze hinzu, die den "christologischen Gehalt deutlicher machen" sollen, wird diese Balance verändert,.
  3. Nimmt man die Überlieferung ernst, daß die Jungfrau selbst Dominicus - und Alanus de Rupe - diesen Rosenkranz "übergeben" hat, und keinen anderen, haben wir ein Autoritätsproblem, denn wem also sollen wir dann folgen, der Gottesmutter selbst oder dem Papst, der die Überlieferung wie Paul VI und entgegen Pius V und Leo XIII übrigens nicht einmal erwähnt.
  4. Die zeitliche Ordnung der Gebete gerät in Unordnung. Bis zu JPIIs Intervention wurde der freudenreiche Rosenkranz am Montag und Mittwoch, der schmerzhafte am Dienstag und Freitag, der glorreiche am Mittwoch und Samstag gebetet, beginnt man nun mit dem freudenreichen am Donnerstag, landet der "lichtreiche" auf dem Samstag, wo er - JPII sieht es selbst - nicht hingehört. Also haben wir nun ab Donnerstag die von der zeitlichen Ordnung her unsinnige Abfolge Leben Jesu (Licht), Tod Jesu (Schmerz), Geburt Jesu (Freude), Auferstehung, Himmelfahrt (Glorie)
  5. Leo XIII hat in den drei Rosenkranzgruppen eine sinnvolle Ordnung erkannt. Der freudenreiche zeigt uns das Leben Jesu in der Verborgenheit - gegen die Eitelkeit der Welt; der schmerzhafte Rosenkranz bringt uns Schmerz und Tod in Erinnerung, die uns jeden Tag umgeben und die wir nicht verdrängen dürfen; der glorreiche Rosenkranz erinnert uns an das Ziel, dem wir zustreben und nach dem wir unser Leben ausrichten sollen, das Himmelreich.
JPII selbst hat es den Gemeinschaften ausdrücklich überlassen von seiner Anregung Gebrauch zu machen. Ich bedanke mich und bete jedenfalls den "Alten" Rosenkranz, so wie er jahrhundertelang gebetet worden ist. 

Johannes Paul II bietet davon abgesehen gute Argumente für den Rosenkranz, und seine eindringliche Bitte, auch die Stille des Gebets, vor allem nach der Ankündigung der Geheimnisse nicht zu vergessen, nehme ich mir gerne zu Herzen.



Mittwoch, 3. August 2022

Aus hartem Weh die Menschheit klagt


Nicht erst aus dem Barock, sondern schon aus der Renaissance stammt dieses Lied, daß zuerst in einer Handschrift auftaucht, die man auf das Jahr 1524 datieren konnte. Eine weitere Spur findet sich im allerallerersten katholischen Gesangbuch von Michael Vehe 1537, und in der Folge wird es immer wieder in katholischen Gesangbüchern abgedruckt, allerdings mit absteigender Tendenz, daß es heute noch häufig gesungen wird, ist zu bezweifeln.

"Aus hartem Weh klagt menschliches Geschlecht, es stund in großen Sorgen" beginnt es leicht holpernd in Nikolaus Beuttners Werk "Catholisch Gesangbuch" erstmals erschienen im Jahre 1602 und bis 1718 in immer neuen Auflagen nachgedruckt. "Aus hartem Weh klagt menschlichs Gschlecht, es stund in großen Sorgen / wann kommt der uns erlösen möcht " so lautet der Liedanfang in David Corners "Groß Catolisch Gesangbüch" 1625.

Die Liedtexte variieren, Heinrich Bone dampft die 9. Strophen Corners auf nur noch vier ein, doch die Struktur des Textes - ein Gespräch zwischen den drei göttlichen Personen und dem Erzengel Gabriel - bleibt erhalten. Unverändert bleibt auch die Melodie, die in einer besonders dunklen, traurigen, mysteriösen Kirchentonart, der phrygischen, gehalten ist. Ein Klagelied, nicht nur vom Text, sondern auch vom Klang.

"Gott Vater hört das Klaggeschrei der schwerbedrängten Kinder" - Heinrich Bone, sonst eher geneigt, die barocken Emotionen zu dämpfen, hat hier sogar noch eine Schippe draufgelegt. Seine überarbeitete Version bringt den wesentlichen Inhalt auch in der Verkürzung auf 4. Strophen:

  1. Aus hartem Weh die Menschheit klagt / Sie stand in großen Sorgen / Wann kommt, der uns ist zugesagt / wie lang bleibt er verborgen? / Oh  Herr und Gott sieh an die Not / zerreiß des Himmels Ringe! / Erwecke uns Dein ewig Wort / und laßt herab ihn dringen / den Trost ob allen Dingen.
  2. Gott Vater hört das Klaggeschrei der schwerbedrängten Kinder / der Heil´ge Geist voll Lieb und Treu / will Gnade für die Sünder. / Gott Sohn der spricht. "Ach Vater mein / den Jammer laß und enden! / Soll denn der Mensch verloren sein? / mich selber wollest senden / sein Elend abzuwenden.
  3. Gott Vater das mit Huld vernahm / der Sohn verlangt zur Erde / der Heilge Geist herniederkam / damit das Wort Fleisch werde. / Maria, die erkoren war, hat Gottes Sohn empfangen / durch ihn ist uns das Heil gebracht / zu Ende ist das Bangen / erfüllt der Welt Verlangen.
  4. Drum singen wir mit Freuden all / von dieser Jungfrau reine / und preisen mit dankreichem Schall / ihr Kindlein allgemeine / und bitten, daß sie bei uns sei / wenn einst es kommt zum Sterben /daß wir durch ihre Fürbitt treu / den Trost des Heils erwerben / und ew´ges Leben erben.
Mit dem Urtext hat das nur noch wenig gemein, es handelt sich vielmehr um eine völlige Neudichtung, viel von der Farbe und der Tiefe des alten Textes ging dabei verloren, 

Das Bild, daß der Herr den Himmel zerreißen und herabsteigen möge, geht auf Jesaja 63, 19 zurück "Wir sind geworden wie die, über die du nie geherrscht hast, über denen dein Name nie ausgerufen wurde. Hättest du doch den Himmel zerrissen und wärest herabgestiegen, sodass die Berge vor dir erzitterten".
"O Heiland reiß die Himmel auf" - auch Friedrich von Spee bezieht sich auf die flehentliche Bitte des jüdischen Volkes, der Herr selbst möge die Himmel zerreißen und herabsteigen.

Das Lied hört zu den Einheitsliedern, die von den deutschsprachigen katholischen Bistümern vereinheitlich und in allen Gesangbüchern veröffentlich wurden. Es wird noch in das Gotteslob 1975 aufgenommen, verschwindet jedoch mit dem Gotteslob 2013 in den einen oder anderen Anhang, oder auch ganz.

Klagelieder im Advent mag man nicht mehr hören? Der Advent ist, so scheint es, von einer Zeit der Besinnung, der Erwartung, der flehentlichen Bittgesänge, des Fastens und Gebets zur "Vorweihnachtszeit" geworden, zum "lieben Advent". 

Die lateinische Kirche hat schon seit jeher die Adventszeit eher stiefmütterlich behandelt. Die ursprünglich 6-wöchige Adventszeit wurde auf vier Wochen verkürzt, Fastengebote wurden 1917  ganz abgeschafft. Daß dann der Advent zu einer Art Vorfeier der Weihnachtszeit geworden ist, braucht niemanden zu wundern, auch daß traurige Gesänge nicht mehr so gefragt sind. 

Die Aufnahme gefällt mir nicht sooo gut (expressiv düdelnde Organisten kann ich nicht leiden) aber man kann jedenfalls ahnen, wie das Lied klingen könnte.

Samstag, 30. Juli 2022

Es flog ein Täublein weiße


Manche Kirchenlieder haben, nachdem ihr erstes Leben, das in den Gesangbüchern und im Gemeindegesang beendet ist, noch ein zweites, ein Leben in den Konzertsälen. Vieles spricht dafür, daß der Exodus aus den Gesangbüchern nicht an der Qualität, auch nicht an der Beliebtheit des Liedes gelegen haben kann, sondern vielmehr daran, daß wohlmeinende Kompilatoren dem Corpus musicus/poeticus zu Leibe rückten. Das Neue Geistliche Lied, anschließend kirchenamtlich verordnet, stirbt alsobald eine stillen Tod.

Die Methode ist seit der Aufklärung stets dieselbe. Unter dem Vorwand der besseren Singbarkeit werden Melodien "vereinfacht",  die lebendigen, synkopenreichen barocken Rhytmen, vorwiegend im ¾-Takt, werden in braven Viervierteltrott umgewandelt, Melismen ausgerodet, an die Stelle der nach heutigem Geschmack mystisch und traurig klingenden "Kirchentonarten" tritt ein heiteres aber auch banales Dur. Vermeintlich unverständliche Texte werden in Theologendeutsch "übersetzt", die mystische Dimension allzumenschlich allzuirdisch verflacht, bis daß das resultierende Produkt den Reiz eines frischgebügelten Liebestöters versprüht.

Dem "Täublein weiße" ist es so ergangen. Zum ersten Mal findet sich das "Täublein" in Beuttners "Catholisch Gesangbuch" von 1602, dort hat es noch folgenden (der heutigen Schreibweise angepassten) Wortlaut:

  1. Es flog ein Täublein weiße vom Himmel herab / Im Engelischen Kleide / zu einer Jungfrau zart / es grüßet sie so hübsch und säuberlich / ihr Seel ward hochgezieret / gesegnet ward ihr Leib / Kyrie eleison
  2. Gegrüßet seist ein Königin / der Herr der ist mir dir / du wirst ein Kindlein gebähren / das sollst du glauben mir / sie antwort ihm dem Himmelischen Bot / Hab ich mein Keusch versprochen / dem Allmächtigen Gott / Kyrie eleison
  3. Hast du dein Keusch versprochen / dem Allmächtigen Gott / so wird er zu dir kommen / wohl durch das Göttlich Wort / er kommt zu dir wohl so gar ohn arge List / ein Magd wirst du bleiben / die immer und ewig ist / Kyrie eleison
  4. Gscheh mir nach deinen Worten / und nach dem Willen Gott / so geb ich meinen Willen / weil ich gebähren soll / Sie schloß wohl auf ihres Herzens Fensterlein / wohl zu der selben Stunde / der heilig Geist ging ein / Kyrie eleison
  5. Da wohntens beieinander / die Magd und Jesus Christ / bis auf den Weihnachts-Morgen / da er geboren ist / der wahre Gottes-Sohn / die Menschheit an ich nahm / des sagen wir armen Sünder / ihm ewig Lob und Dank / Kyrie eleison
  6. Da ward er uns geboren / der wahre Gottes Sohn / der uns zu Trost ist worden / den Sündern allesamt / Ach Gott warum tat er aber das / er her wiederum bringen / was Adam und Eva verbrach / Kyrie eleison
  7. Die Eva hat zerbrochen / und Adam das Gebot / Maria hat Gnad gefunden / hat uns Heil wiederbracht / wohl durch ihr Frucht des Leibs Herrn Jesum Christ / das Heil ist uns entsprungen / der Himmel-Aufschließer ist / Kyrie eleison
  8. Der Himmel ward aufgeschlossen / wohl durch den Schlüssel klar / Maria ist der Garten / da der Schlüssel gewachsen war / der Heilig Geist den Garten besäet hat /gar schön ist er gezieret / mit göttlicher Majestät / Kyrie eleison
  9. Also hat auch der Ruf ein Ende / wohl hie zu dieser Stund / so wolln wir Gott nur bitten / aus unsers Herzen Grund / daß er uns allen wohl genädig sein / er woll uns auch behüten / von der heissen Höllen Pein / Kyrie eleison

Die Melodie folgt - wie meistens - einem populären Volkslied. Woher das Lied stammt, ist unbekannt, Beuttner hat es vorgefunden und in Druck gegeben. Das Lied ist teilweise poetisch etwas ungelenk, aber das innige Bild vom "Täublein", gewissermaßen als jüngstes Kind der Trinität, hat offenbar die Herzen ergriffen.

David Gregor Corner nimmt wenige Jahre später in seinem tausendseitigen Opus magnum "Groß Catholisch Gesangbüch" nur geringe Änderungen vor

  1.  ... , gegrüßet seist du, wunderschöne Magd / dein Seel ist hochgezieret, gesegnet ist dein Leib"

steigt also gewissermaßen direkt in den Dialog zwischen Gottesmutter und Engel ein. Statt besäet hat heißt es allerdings in Vers 8 "bessert" hat. 

Den Gesangbuchredakteuren des 19. Jahrhunderts hat dieses innige und farbenfrohe Barocklied offenbar nicht gefallen. Sie dichten es brutalstmöglich um:

  1. Maria war alleine, versunken im Gebet / "Emmanuel erscheine, dich kündet der Prophet" / O Davids Sohn, wie gern möcht ich dich schaun / und dienen deiner Mutter / der Königin der Frau´n etc. pp.

Die Dözesangesangbücher beschuldigen Heinrich Bone, andere Joseph Mohr. Nun liegt mir ein Druck von Joseph Mohrs "Cantate" von 1899 vor in dem das Lied fehlt, so daß ich eindringlich auf Freispruch plädiere. Das Lied stirbt einen stillen Tod, in das Gotteslob 1975 wird es nicht mehr übernommen.

Nur das katholische Gesangbuch der Schweiz versucht, das Täublein wiederzubeleben:

  1. Es flog ein Täublein weiße vom Himmel herab / in Gabriels Geleite zu einer Jungfrau zart usw.

Der Text soll auf David Corner (1631) zurückgehen, die Melodie ebenso. Beides ein eklatanter Verstoß gegen das 8. Gebot, denn weder der Text noch die Melodie entspricht dem "Groß Catholisch Gesangbüch", der Text ist bis auf die erste Zeile völlig umgestaltet, die Melodie ist - vermutlich wegen der "Singbarkeit" - stark vereinfacht. Der wahre Autor ist vielmehr Huber Sidler, gemeinsam mit Markus Jenny Redakteur des mißratenen Gotteslobes 1975 und Mitglied der AöL, der "Arbeitsgemeinschaft ökumenisches Liedgut". 

Ökumene, Ökumiste.

Überlebt hat das Lied, arrangiert durch u.a. Johannes Brahms, im Konzertsaal. Brahms greift auf den Urtext bei Beuttner zurück, abgesehen von Corners wunderlichem "besseren" Garten. Das Lied ist auf drei Strophen verkürzt, auf die erste, und die beiden letzten. So könnte man sie, gemeinsam mit der von Brahms nur leicht veränderten Melodie, in ein Gesangbuch übernehmen - wenn sich einer noch traut.

Johannes Brahms, "Es flog ein Täublein weiße".


Montag, 25. Juli 2022

Schönster Herr Jesu

 

Jesus Pantokrator (Hagia Sophia)

Manchmal begegnen uns Lieder, die so perfekt sind, daß sie der katholischen Umdichtungs-Macke entgehen (könnten). Ihre Güte und ihren Wert zeigen sie uns dadurch, daß sie über die Jahrhunderte immer wieder in katholischen Gesangbüchern abgedruckt werden, und mit Begeisterung gesungen werden.

An diesem Lied jedenfalls gab es eigentlich kaum noch - außer der Anpassung an die heutige Schreibweise - etwas zu verbessern, oder?

  1. Schönster Herr Jesu, Herrscher aller Herren / Gottes und Marien Sohn / Dich will ich lieben Dich will ich ehren / Meiner Seele Freud und Wonn´
  2. Alle die Schönheit Himmels und der Erden / Ist gefaßt in Dir allein / Keiner soll immer lieber mir werden / Als Du Jesu Liebster mein
  3. Schön ist der Monde / Schöner ist die Sonne / Schön sind auch die Sterne all / Jesus ist feiner, Jesus ist reiner / Als die Engel allzumal. 
  4. Schön ist das Silber / Schöner sind die Perlen / Schöner doch des Goldes Glanz / Dies heut nur scheinet, morgen verschwindet / Jesu glänzt in Ewigkeit
  5. Schön sind die Blumen / schöner sind die Menschen / in der frischen Jugendzeit / Sie müssen sterben, müssen verderben / Jesus bleibt in Ewigkeit
  6. Liebster Herr Jesu, hie bist gegenwärtig / Im Hochheilig Sakrament / Jesu Dich bitt ich, sei du genädig / Jetzt und auch am letzten End.

So jedenfalls die allerälteste Fassung, die in einer Handschrift aus dem Jahr 1660 entdeckt wurde. Bereits der erste Druck im Münsterisch Gesangbuch enthält gravierende Änderungen. Die 4. Strophe entfällt - und wird in der weiteren Entwicklung nicht mehr gesehen - und in der 3. Strophe sollen sich nun die Sonne, Mond unst Sterne schämen, alldieweil Jesus viel reiner und feiner ist. 

 Die folgenden Herausgeber, Neu-Dichter und Kompilatoren können sich zum Glück nicht damit abfinden und kehren zur alten Fassung zurück. Oder auch nicht. 

Wie so manches hochemotionale barocke Kirchen-Lied verschwindet der Schönste Herr während der Aufklärung als Bückware unter der Ladentheke. Ausgerechnet Hoffmann von Fallersleben, bekanntlich - to say the least - keineswegs ein Freund des Katholischen, holt es wieder hervor, streicht - wie sollte es anders sein - den Bezug auf das Hochheilig Sakrament in der letzten Strophe, ergänzt das Lied mit einer Feld-Wald-Wiesen Strophe, tilgt dafür das "Sterben und Verderben" und landet mit den Lied, das auch noch zusätzlich mit einer gefälligeren Melodie in heiterem Dur unterlegt wird, einen echten Kassenerfolg. Mit dem "Herrscher aller Herren" hat es der nationalliberale Herr von Fallersleben übrigens nicht, "Herrscher aller Erden" scheint im commoder.

In der Folge findet das Lied Eingang in fast alle evangelischen Gesangbücher und breitet sich, wiederum mit einem neuen Text versehen, bis in die Niederlande, Dänemark und Schweden aus.

1847 erbarmt sich Heinrich Bone im Bemühen, den postbarocken Aufkläricht wegzuputzen, und rekonstruiert das Lied für die katholischen Gesangbücher. Er unterlegt es wieder mit der expressiven Barockweise, und schafft einen ziemlich neuen Text, der bedauerlicherweise das barocke Drama samt aller seiner expressiven Stilmittel erbarmungslos niederbügelt. Aus der Tautologie "Freud und Won(n)" wird "Freudenthron" (was meint das, hätte mein Soziologieprofessor gefragt), aus "Jesu Liebster mein" "o Jesu mein", Reime werden getilgt (reiner und heller, statt reiner und feiner; hinsterben statt sterben/verderben), der Mond wird zum Mondlicht versachlicht und schließlich wird am Schluß das persönliche Gebet an den leiblich gegenwärtigen Jesus "hie bist gegenwärtig im hochheilgen Sakrament" abstrahiert. Statt des innigen Gebets steht die abstrakte theologische Aussage "und gegenwärtig ist er wahrhaftig im hochwürd´gen Sakrament".

Viel besser wird es dann in den "Einheitslieder", zu denen dieses einst innige Gebet hinzugefügt wird, auch nicht. "Du bist gegenwärtig" statt hie! jetzt! Und "Freud und Kron" (wiederum: was meint das, um Himmelswillen!) statt Freud und Wonn´ und aus Jesu Liebster mein, liebster Jesu mein.

Etikettenschwindel ist ja vor allem in katholischen Gesangbüchern eine ganz gewiß lässliche Sünde. So heißt es denn frech im Gotteslob 2013 Text und Melodie seien in "Münster in Westfalen" entstanden. Für die Melodie richtig, für den Text ... . Vielmehr wird die letzte Strophe gleichsam mit der Abrißbirne traktiert. "Schönster Herr Jesus, bei uns gegenwärtig durch dein Wort und Sakrament". Damit verschwindet nun die innige Szene des Beters vor dem Tabernakel, notabene vor der Monstranz völlig in den Schwaden einer neokatholischen Nebelgranate. Die Gleichsetzung Tisch des Wortes/ Tisch des Herrn ist im übrigen eine der Planierungsmaßnahmen, der wir das fast völlige Verschwinden urkatholischer Substanz zu verdanken haben.

Der Täter hat ein Bekennerschreiben hinterlassen. Das kleine Merkzeichen "ö" weist daraufhin, daß der Text durch den unsäglichen "Arbeitskreis ökumenisches Liedgut (AöL)" durchgenudelt wurde. Womöglich haben die kathogelischen Mitglieder des Arbeitskreises erwartet, daß das zeitgeistig zugerichtete Lied nun auch in die evangolischen Gesangbücher Eingang findet. Dort ist aber der nur leicht abgewandelte Fallersleben-Text abgedruckt.

Hier eine besonders schöne Choralversion.

Samstag, 25. Juni 2022

Alle Tage sing und sage

Apotheose des Hl. Kasimir

Das Lied wird dem Hl. Kasimir von Polen (*1485 +1484) zugeschrieben, ist in seiner lateinischen Version omni die dic mariae jedoch älter. Bernardus Morlanensis soll um 1140 die Hymne gedichtet haben, 19.Strophen sind bekannt, die Heinrich Bone tapfer, manchmal sehr frei, übersetzt hat. 

Den Nachfolgern war das zu lang, so daß in den Kirchengesangbüchern verkürzte Versionen abgedruckt wurden. Joseph Mohr hat sich auf 8 Strophen konzentriert, die Auswahl finde ich gelungen, die Vertonung eher nicht, sie ist mit ihrem braven Viervierteltakt nicht passend. Das aktuelle Gotteslob hat sich im Gegensatz zu den Diözesangesangbüchern wieder für die Melodie aus dem 17. Jahrhundert entschieden (Conrad Vetter, Paradeißvogel 1624), die der interessanten Sprachmelodie folgt. Auch eine gute Entscheidung. Ein etwas längerer Text wäre schon nicht schlecht.

Alle Tage sing und sage
Lob der Himmelskönigin!
Ihre Gnaden, ihre Taten
Ehr, o Seel’ mit Demutsinn!

 Auserlesen ist ihr Wesen,
Mutter sie und Jungfrau war;
Sprich sie selig, überselig:
Groß ist sie und wunderbar.

 Ihr vertraue, auf sie baue,
Daß sie dich von Schuld befrei’
Und im Streite dir zu Seite
Wider alle Feinde sei

Gotterkoren, hat geboren
Sie den Heiland aller Welt,
Der gegeben Licht und Leben
Und den Himmel offen hält.

 Sie alleine ist die reine
Jungfrau und Gebärerin;
Ihrem Kinde wich die Sünde,
Lob sei dieser Königin!

Ihre Ehren zu vermehren,
Sei, o Seele, stets bereit!
Benedeie sie und freue
Dich ob ihrer Herrlichkeit.

Hoch lobpreise, Lieb´ erweise,
Jeder ihr nach Kräften sein,
Sie verehren Hilf´ begehren
laßt uns alle insgemein.
Ach sie gebe, daß ich lebe,
Wie es will ihr lieber Sohn,
Daß ich droben ihn kann loben,
Ewig schaun auf seinem Thron.


Sonntag, 19. Juni 2022

Sub tuum praesidium

Schutzmantelmadonn (Freiburger Münster)

Es handelt sich wohl um den ältesten bekannten Hymnus auf die Gottesmutter. Das älteste Zeugnis findet sich auf einem Papyrus des 3. Jahrhunderts.

Sub tuum præsidium confugimus,
Sancta Dei Genetrix.
Nostras deprecationes ne despicias in necessitatibus (nostris),
sed a periculis cunctis libera nos semper,
Virgo gloriosa et benedicta.

Die folgende Beifügung ist später dazugekommen: 

(Domina nostra, mediatrix nostra, advocata nostra,
tuo filio nos reconcilia,
tuo filio nos commenda,
tuo filio nos repræsenta.)
Amen.

 In deutscher Sprache:

Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir,
o heilige Gottesgebärerin.
Verschmähe nicht unser Gebet in unsern Nöten,
sondern erlöse uns jederzeit von allen Gefahren,
o du glorwürdige und gebenedeite Jungfrau.
(Unsere Frau, unsere Mittlerin, unsere Fürsprecherin.
Versöhne uns mit deinem Sohne,
empfiehl uns deinem Sohne,
stelle uns vor deinem Sohne.)
Amen. 

  Häufig wird dieses Gebet zum Abschluß eines Rosenkranzes gebetet. Für den ersten Teil gibt es eine gregorianische Melodie, auch diese so alt-ehrwürdig, wie das Gebet selbst.