Montag, 14. November 2022

Nunc angelorum gloria / Heut sein die lieben Engelein

 

Belles heure L´annonce au bergers

Die Katholischen mögen keine Wiegenlieder. Jedenfalls die heutigen kattholischen Katholischen. Im Gegensatz zu den mittelalterlich/frühneuzeitlichen Katholischen, denn aus dem Mittelalter sind uns Wiegenlieder in reicher Zahl überliefert, zum Beispiel das Nunc angelorum gloria.

  1. Nunc Angelorum gloria / hominibus / resplenduit in mundo. / Novi partus gaudia / virgo mater produxit, / et sol verus in tenebris illuxit. / Christus natus hodie ex virgine, / sine virile semine est natus rex. 

  2. Culpae sic datur hodie / remissio; / laetatur homo reus. / Lux de coeli claruit, / pace jam reparata / et genetrix permansit illibata. / Christus natus hodie ex virgine, / sine virile semine est natus rex. 

  3. Magnum est nomen Domini / Immanuel / quod est nobiscum Deus / redemptori Domino / redempti jubilemus: / hic est dies et annus jubilaetus; / pueri concinite et psallite. / Voce pia dicite et plaudite. 

  4. Pastores palam dicite / in Bethlehem / quem genuit Maria. / Laus honor et gloria / sit Deo in excelsis, / hominibus pax bonae voluntatis. / Christus natus hodie ex virgine, / sine virile semine est natus rex.

 Man kann davon ausgehen, daß das Nunc angelorum gloria schon im Mittelalter anläßlich des "Kindelwiegens" gesungen wurde. Das Lied wird später dann zum "Mittelteil" des Quempas-Singens. Übersetzungen finden sich allerdings nur in protestantischen Liederbüchern, so bei Nicolaus Hermann, der um 1560 das Lied - sehr frei - übersetzt:

  1. Heut sein die lieben Engelein / in hellem Schein / erschienen bei der Nachte / den Hirten, die ihr’ Schäfelein / bei Mondenschein / im weiten Feld bewachten. /„Große Freud und gute Mär / wolln wir euch offenbaren, / die euch und aller Welt / soll widerfahren.“

  2. „Sein’ Sohn die göttlich Majestä / euch geben hat / ein’ Menschen lassen werden. / Ein Jungfrau ihn geboren hat / in Davids Stadt, / da ihr ihn finden werdet / liegend in eim Krippelein / nackend, bloß und elende, / dass er all euer Elend von / euch wende.“

  3. Danach sangen die Engelein: / „Gebt Gott allein / im Himmel Preis und Ehre. / Groß Friede wird auf Erden sein, / des solln sich freun / die Menschen alle sehr / und ein Wohlgefallen han: / Der Heiland ist gekommen, / hat euch zugut / das Fleisch an sich genommen.“

  4. Die Hirten sprachen: „Nun wohlan, / so laßt uns gahn / und diese Ding erfahren, / die uns der Herr hat kundgetan; / das Vieh laßt stahn, / er wirds indes bewahren.“ / Da fand’n sie das Kindelein / in Tüchelein gehüllet, / das alle Welt / mit seiner Gnad erfüllet.

Die einfache und schöne Melodie stammt aus dem Moosburger Graduale von 1360, kaum verändert hat sie mehr als 600 Jahre überlebt.

Das "Magnum nomen domini" bildet den dritten Teil des Quempas, Melodie und deutscher Text stammen aus den 16. Jhdt. (Valentin Triller. 1555)

Gottes Sohn ist Mensch geborn, / ist Mensch geborn, / hat versöhnt des Vaters Zorn, / des Vaters Zorn.

Das Quempas-Singen hat sich im 17. Jahrhundert, vor allem Nord- und Ostdeutschland, durchgesetzt, verlor sich dann aber wieder im 19. und 20. Jahrhundert.  1930 entdeckten Wilhelm thomas und Konrad Ameln das Quempas-Singen wieder und gaben ein bis heute immer wieder neu aufgelegtes Quempas-Heft heraus. Noten und Texte finden sich im EG.

Melodie und Text im Lieder-Projekt.

Sonntag, 6. November 2022

Ihr Freunde Gottes allzugleich

 

Johannes Nepomuk Märtyrer

Der Text des Liedes soll auf Friedrich Spee von Langenfeld zurückgehen, da es keine durch Spee autorisierte Fassung gibt, ist das nur wahrscheinlich, aber keineswegs sicher. Das gilt aber nun auch für andere Lieder, die man eindeutig auf Spee von Langenfeld zurückführen kann, also ist das nicht wirklich wichtig. erstmals veröffentlicht wurde das Lied 1623 in Peter von Brachels Gesangbuch, das Lied wird, wie so viele andere, erst durch die Liedrestauratoren des 19. Jahrhunderts wieder bekannt gemacht, in diesem Fall durch Joseph Mohr. Dort hat es folgende Fassung:

  1. Ihr Freunde Gottes allzugleich / verherrlicht hoch im Himmelreich / Erfleht am Thron der Herrlichkeit / Uns Gnade und Barmherzigkeit / Helft uns in diesem Jammertal / Daß wir durch Gottes Gnadenwahl / Zum Himmel kommen allzumal.
  2. Vor allem du, o Königin / Maria, milde Herrscherin / Ihr Engelschöre auserwählt / Von Heil´ger Lieb zu uns beseelt / Helft uns ...
  3. Ihr Patriarchen allesamt / Davon das Heil der Völker kommt / Erleuchtete Prophetenschar / Die Christum sah, eh´ er denn war / Helft uns ...
  4. Oh ihr Apostel hochgestellt / Davon die ganze Welt erhellt / Ihr ruhmgekrönten Märtyrer / Und ihr getreuen Beichtiger / Helft uns ...
  5. Oh ihr Jungfrauen rein und keusch / Die ihr besiegt Welt, Höll und Fleisch / Ihr heil´gen Frauen tugendreich / Ihr Freunde Gottes allzugleich / Helft uns ...
  6. Wir bitten euch durch Christi Blut / Erfleht uns Gnad beim höchsten Gut / Tragt vor die Not der Christenheit / Der heiligsten Dreifaltigkeit / Helft uns ...

In den Vorkriegs-Gesangbüchern bleibt es weitgehend beim alten Text, in den Nachkriegs-gesangbüchern fällt zunächst das Wort "Jammertal", es heißt nun "Erdental". Warum uns die Heiligen aber nun im "Erdental" helfen soll, statt im "lacrimarum valle", dem Tal der Tränen, leuchtet nicht ein. Auch der "Thron der Herrlichkeit" ist nicht mehr, nun reimt sich "allezeit" auf Barmherzigkeit. 

Die Revision geht auf das ansonsten vorbildliche "Kirchenlied" zurück, herausgegeben 1938 von Georg Thurmair und Josef Diewald. Warum das Lied nun grundstürzend umgedichtet werden muß, obwohl die Herausgeber angeblich das Gegenteil vorhaben, nämlich die "Kraftvolle Urgestalt" in ihrer "Urform" wiederherzustellen, bleibt ein Rätsel. Auch bei anderen Liedern, die die beiden Herausgeber sich vorgenommen haben, wird keineswegs die "Kraftvolle Urgestalt" wiederhergestellt, sondern ein überhaupt nicht "kraftvolles" sondern überaus schlappes Liedlein geschaffen, so auch hier.

Im zweiten Vers sind die Engelchöre nicht mehr von Heil´ger Lieb zu uns beseelt, sie sind nun "voller Macht" und geben "treulich auf uns acht". Den Revisoren war die heilige Liebe - wie stets - offenbar zu pathetisch.

Im Dritten Vers kommt das "Heil nicht mehr von den Juden" (Johannes 4, 22), notabene von den Patriarchen, auch die Propheten sahen nicht mehr Christus, eh er denn war, vielmehr hat den Patriarchen und Propheten "der Herr das Reich bereit." Das Band zwischen Juden und Christen zerreißt. Wir sind also nicht mehr "spirituelle Semiten"(Pius XI)? 

Im vierten Vers fehlen neben den Märtyrern die "Beichtiger". Auf jeder bayerischen Brück steht einer dieser Beichtiger, der Heilige Johannes von Nepomuk. Baßt scho, wo kein "Jammertal", da koa Sünd, wo koa Sünd, da auch kein Beichtiger, nicht? Der Heilige Nepomuk ertrinkt heutzutage in der Wassersuppen der Allerlösungstheologie.

Heutzutage - wir kommen zum 5. Vers - sind die Jungfrauen "licht und rein", und nicht mehr "rein und keusch", sie haben auch nicht "Welt, Höll und Fleisch" besiegt, sondern sind dem "Herrn allein", geweiht. Die sexuelle Revolution hat ihre Schatten offenbar ganz weit vorausgeworfen.

Auch der letzte Vers bleibt nicht unbehelligt, statt "erfleht uns Gnad beim höchsten Gut", heißt es "die ihr nun weilt beim höchsten Gut". Das paßt nun als I-Tüpfelchen obendrauf, oder, um im Bild zu bleiben, als trockenes Petersilienstreuselchen auf die ganze Wassersuppe. Denn, so die alltägliche Erfahrung des frustrierten Tradi-Katholiken, in der Wassersuppen gibts koa Sünd.

Das "Kirchenlied" wird in diesem Fall keineswegs seinem Anspruch gerecht, vielmehr trägt es zur "Entkräftung" bei, die sich dann im Gotteslob 1975, noch einmal geboostert durch den "Geist des Konzils", in seiner vollen Unschönheit entfaltet.

Die Melodie soll auf das "Catholisch Gesangbüchlein" von 1588 (Innsbruck) zurückgehen.

Das Lied selbst stammt aus dem Jahre 1623. Das Gotteslob zitiert vorsichtshalber "Köln 1623" (siehe oben).

In dieser Nacht

 

Manchmal lobe ich mir doch die Evangelen: "Das Wort sie sollen lassen stahn", das führt dazu, daß alte Kirchenlieder eben so bleiben, wie sie ursprünglich verfasst worden sind, während in katholischen Gesangbüchern häufig kein Stein auf dem anderen bleibt. Selbst dieses, doch sehr einfache und kindliche Abendgebet wurde umgeschrieben, wahrscheinlich mit dem Argument, es müsse "dem heutigen Sprachgebrauch" angepasst werden. Sinnentstellend sind diese Änderungen nicht, aber daß man im dritten Vers die "gnäd´ge" Frau Maria durch die "große Frau" ersetzt hat, bringt mich ins Grübeln. Wollte man die Verwechslung mit der Anrede "gnädige Frau" vermeiden (die heute als so was von old school gilt)? Oder ist Maria nun nur noch groß, aber nicht mehr gnädig?

Der neue Text taucht erst in den Nachkriegs-Gesangbüchern auf. Hier das Original:

  1. In dieser Nacht / sei du mein Schirm und Wacht / O Gott durch deine Macht / Wollst mich bewahren / Vor Sünd und Leid / Vor Satans List und Neid / Hilf mir im letzten Streit / In Todsgefahren
  2. O Jesu mein / Die heil´gen Wunden dein / Soll´n meine Ruhstatt sein / Das Bett der Seelen / In dieser Ruh / Schließ mir die Augen zu / Mein´n Leib und alles tu / Ich dir befehlen.
  3. O gnäd´ge Frau / Maria auf mich schau! / Mein Herz dir anvertrau´ / In meinem Schlafen / Auch schütze mich / Sankt Joseph väterlich; / Schutzengel streit für mich / mit deinen Waffen.

Verfasser des Liedes ist Joseph Mohr. Die Melodie ist älter

Samstag, 29. Oktober 2022

Müde bin ich, geh zur Ruh

Snowwhite praying
 

Es ist wohl das populärste Abendlied Deutschlands. Im Gotteslob findet es sich allerdings nicht, in den Diözesangesangbüchern war es noch abgedruckt, nicht ganz im Original, aber doch ganz vorne bei den Abendgebeten für Kinder.

Und weil es so populär ist, ist es auch immer wieder umgedichtet und parodiert worden, zum Beispiel so:

Müde bin ich, geh zur Ruh´/ decke mich mit Kuhdreck zu / kommt der böse Feind herein / greift er in den Kuhdreck rein

Das Original geht so

  1. Müde bin ich, geh zur Ruh / schließe beyde Äuglein zu : Vater laß die Augen deyn / über meinem Bette sein
  2. Hab ich Unrecht heut getan / sieh es, lieber Gott, nicht an! / Deine Gnad und Jesu Blut, Macht ja allen Schaden gut.
  3. Alle, die mir sind verwandt. / Gott, laß ruhn in deiner Hand. / Alle Menschen,  groß und klein, / sollen dir befohlen sein.
  4. Kranken Herzen sende Ruh, / Nasse Augen schließe zu; / Laß den Mond am Himmel stehn, / Und die stille Welt besehn.

Im Allgemeinen sieht man das Lied - oder das Gebet - als Kinderlied an, auch wegen der "Äuglein". Daß Luise Hensel, die das Lied im Alter von 18 Jahren gedichtet hat, es so sah, ist nicht plausibel. Jedenfalls ist es wohl gelungen und es ist zu Recht mit der Aufnahme in das "Geistliche Wunderhorn" als "Großes deutsches Kirchenlied" geadelt worden.

Es findet sich allerdings nur selten unumgedichtet in den Sammlungen. Meist traf es die "Äuglein", die man als zu kindlich ansah, in fast allen Fällen gefielen die zwei letzten Zeilen nicht. Man hat sie wohl als zu "ungeistlich" angesehen. 

Nun ist aber der Mond in vielen geistlichen Abendlieder das Nachtlicht Gottes ("Der Mond ist aufgegangen"), das er an den Himmel gehängt hat, um über uns zu wachen und unseren Schlaf zu bescheinen. Die Augen Gottes aus dem ersten Vers haben ihre Entsprechung im Mond, der über uns wacht. Also paßt es, warum es ändern?

Die am häufigsten gesungene Melodie

Montag, 3. Oktober 2022

Quem pastores laudavere

Taddeo Gaddi Verkündigung

Wer heute den Text und die Melodie des "Quem pastores" in irgendeinem Gesangbuch sucht, wird nicht fündig werden. Dabei hat dieses Lied eine ganze Tradition geprägt: das Quempas-Singen. In evangelischen Liederbüchern findet sich immerhin die weitestgehend wörtliche Übersetzung "Den die Hirten lobeten sehre" von Matthäus Ludecus, im Gotteslob findet sich lediglich eine gruselige Nachdichtung von Markus Jenny "Hört es klingt und singt mit Schalle".

Das Lied gehört wie das "Nunc angelorum Gloria", das "Resonet in Laudibus" und "Magnum nomen domini" zu den sogenannten Wiegenliedern. Es gibt zahlreiche Belege dafür, daß diese Lieder während des "Kindelwiegens" gesungen wurde. Dabei zogen die Sänger mit einer Abbildung des Christkinds durch die Straßen und jedes Gemeindemitglied durfte das Kind nehmen und wiegen. Auch für Gottesdienste ist eine ähnliche Praxis bezeugt.

Text und Melodie finden sich erstmals 1460 im Hohenfurter Liederbuch des Zisterzienser-Kloster Hohenfurt in Böhmen: 

  1. Quem pastores laudavere / Quibus angeli dixere /Absit vobis iam timere / Natus es rex gloriae. 
  2. Ad quem reges ambulabant / Aurum, Thus, Myrrham portabant / Immolabant haec sincere / Leoni victoriae
  3. Christo regi Deo nato / Per Mariam nobis dato / Merito resonat vere / Dulci cum melodia
  4. Exultemus cum Maria / in coelesti hierarchia / Natum promat voce pia / Laus, honor et gloria
Diese vier Verse sind keineswegs die einzigen. es gibt Versionen mit bis zu 21 Versen, was die Popularität des Liedes - und seiner Melodie bezeugt. 

Populär wurde das Lied vor allem als Kerntext des sogenannten Quempas-Singen. Die Verse werden dabei in ihre vier Zeilen unterteilt, jede Zeile wird von je einem (Knaben/Schüler/Mädchen)-Chor gesungen, die jeweils in einer der vier Ecken des Kirchenschiffs stehen, so daß der "Quempas umgeht", im Anschluß singt der Chor einen Vers des "nunc angelorum gloria" und im Anschluß daran die Gemeinde das "Magnum nomen domini". Großes Theater und in Deutschland, England, Süd-Skandinavien, Finnland und Böhmen sehr populär.

Daß diese Festivität nicht nur in protestantischen Gemeinden populär war, sondern auch in katholischen, läßt sich daran ablesen, daß Leisentrit in seine "Geistlichen Liedern und Psalmen" 1567  "Ein schön Lied vor die Knaben in der Kirchen zu singen auff vier Chor" wiedergibt, mit einer Melodie, die der des "Quem pastores" enstpricht. Der Text ist eine Neudichtung, die auf Valentin Trillers "Schlesich Singebüchlein" (1555) zurückgeht. Man schrieb damals also unbefangen voneinander ab.

Mit  Praetorius Arrangement des "Quem Pastores" sowie des "nunc angelorum gloria", sowohl in latein als auch in deutsch, ist der Quempas im protestantischen Umfeld kanonisch geworden. Er findet sich in allen protestantischen Gesangbüchern bis heute.

Das QuempasSingen selbst ist während des 19. Jahrhunderts außer Mode gekommen, mit den Lateinschulen verschwanden auch die Quempas-Hefte, die fleißige Schüler für den feierlichen Weihnachtsgottesdienst gestalteten.

Im Gegensatz zur protestantischen Tradition ist das Lied aus den katholischen Gesangbüchern verschwunden. Es findet sich weder in den Diözesan-Gesangbüchern vor dem Krieg, noch in denen nach dem Krieg. 

Erst mit dem Gotteslob 1975 erscheint ein Lied, das so tut, als habe es etwas mit dem alten "quem pastores" zu tun: "Hört es klingt und singt mit Schalle" von Markus Jenny. Verstehen kann man dieses Werk nun dann, wenn man Jennys Intention kennt: Jenny, einer der maßgeblichen Macher der "AöL" und des Gotteslobs 1975 war der festen Überzeugung, daß es gar keine konfessionellen Gesangbücher mehr geben dürfe, vielmehr müsse die Christenheit nicht nur mit einer Stimme sprechen, sie müsse auch die selben Lieder singen. Das funktioniert nun aber nur, wenn man alles wegrasiert, was dem von Jenny imaginierten Standard-Christen aufstoßen könnte: von der Marienverehrung bis zum Glauben an die letzten Dinge, an Hölle, Tod und Teufel. Kurz gesagt, das Wassersuppen-Christentum, diätetisch, bekömmlich, nur leicht gesalzen, aber keinesfalls und für gar überhaupt niemanden anstößig.

Der Versrhythmus, immerhin, wird beibehalten, aber nun reimt sich nicht mehr laudavere auf dixere und timere, sondern Schalle auf alle und Stalle. Und - BürokratenSprech - nicht mehr die Hirten loben, sondern das "ES" singt und klingt. Der dritte Vers fällt völlig aus dem Rahmen, denn nun ist nicht mehr die Rede von Maria, die uns den König, den Christus geboren hat, sondern von den "Hohen und Geringen", mit denen wir Gaben bringen und voll Freude singen. Daß die Hohen Theologen, die das Gotteslob doch letztlich verantwortet haben, den letzten Vers haben durchgehen lassen, spricht Bände:
Denn er ist zur Welt gekommen / für die Sünder und die Frommen / hat uns alle angenommen / uns zum Heil und Gott zur Ehr

Das riecht nach Allerlösungslehre, nicht?

Die Verantwortlichen sind die selben, die sich jahrelang dagegen gesperrt haben das "pro multis" richtig mit "für Viele", statt mit "für Alle".zu übersetzen.

Melodie und Text und Noten finden sich hier.

Mittwoch, 21. September 2022

Adeste fideles

 

Bonnie Prince Charlie

Wo ist die AöL (Arbeitsgemeinschaft ökumenisches Liedgut), wenn man sie mal braucht? Daß dieses Lied in zwei Versionen, einer evangelischen und einer katholischen exisitiert, hat sie jedenfalls nicht verhindert.

Das "Adeste fideles" findet sich vielmehr in einer jeweils anderen Übersetzung beruhend auf einem jeweils anderen lateinischen Urtext sowohl im EG wie auch dem Gotteslob.  Die Fassung im EG beruht auf der älteren lateinischen Version, die auf John Francis Wade zurückgeht, die Fassung des Gotteslobs auf der jüngeren lateinischen Version, die mit Jean François Borderies in Verbindung gebracht wird. Beide Autoren nehmen nicht für sich in Anspruch, die jeweilige Fassung auch gedichtet und komponiert zu haben, aber sie haben sie jeweils veröffentlicht und für ihre Verbreitung gesorgt. Unbekannt ist ebenso der Komponist der Melodie.

Beide Autoren der lateinischen Fassung teilen ein Migrantenschicksal. Wade mußte nach der Niederschlagung des Jacobiten-Aufstands 1746, in dessen Folge es zur Verfolgung englischer Katholiken kam, nach Frankreich fliehen. Wade war also ein Anhänger des Anwärters auf den englischen Thron aus dem Haus Stuart, offiziell "Charles III", inoffiziell "Bonnie Prince Charlie". Daß nun ausgerechnet ein Lied, das auf einen jacobitischen Flüchtling zurückgeht, in der englischen Übersetzung "O come alle ye fathful", zu einem der populärsten Weihnachtslieder im englischen Sprachraum geworden ist,  ist  doch ein Beweis, das das Katholische sich stets durchsetzt, nicht?

Abbé Bordieres flüchtete nach der französischen Revolution 1789 nach England, und kehrte erst nach der Beendigung des Terreur und der Hinrichtung Robespierres 1795 nach Frankreich zurück.

Wades Fassung des Hymnus ist spätestens für 1751 bezeugt, die Fassung von Bordieres für 1822, Wades Fassung ist also die ältere. Der protestantische Pfarrer (und Universalgelehrte) Ranke hat 1823 die Wade-Version ins Deutsche übersetzt, seine Fassung findet sich im EG. Joseph Mohr übersetzte die Bordieres-Fassung 1873. Beide Übersetzungen sind gut gelungen, daß wir nun zwei Hymnen mit der selben "Wurzel" haben, statt nur einer, darüber muß sich also keiner grämen.

Die katholischen Gesangbücher, die die jüngere, "französiche" Fassung aufnehmen, haben sich inhaltlich für die eindeutig bessere Version entschieden. Beide lateinischen Hymnen teilen den selben Anfangsvers, die weiteren Verse von Wade beschränken sich jedoch auf Glaubenssätze, ein roter Faden ist nicht erkennbar.  Bordieres hingegen entfaltet das Thema des ersten Verses mit der Verehrung des Kindes durch die Hirten, die zum Stall eilen. und ihre Herden verlassen.  Das Lied fordert die "Gläubigen Seelen" auf, es den Hirten gleichzutun, verkündet, was sie erwartet, und fordert sie auf, das Kind zu umarmen ("piis foveamus amplexibus") und liebend zu verehren.

In den katholischen Gesangbüchern nach dem Krieg findet sich die Version von Mohr, allerdings keineswegs in allen Diözesangesangbücher. Die Redakteure des Gotteslobs 1975 nehmen das Lied in den Hauptteil auf, waren offenbar der Meinung, man müsse Joseph Mohrs Übersetzung "verbessern". So lautete der Titel nun aus unerfindlichen Gründen "Nun freut euch ihr Christen", statt "Auf! Gläubige Seelen!". Wie es scheint, war "Seele" und "gläubig" anno 1975 gerade nicht angesagt. Schlimmer noch:  die vierte Strophe der Bordieres/Mohr-Version ersetzt das GL 75 durch die dritte von Wade/Ranke, statt mit der Krippen-Strophe endet das Lied mit einer Gloria-Strophe. Abrißunternehmen Gotteslob (Ansgar Franz in "Geistliches Wunderhorn"). Ansgar Franz Kritik hat immerhin ein bißchen gefruchtet: das GL2013 kehrt zur Version von Mohr so in etwa zurück, die sinnentstellenden Umdichtungen bleiben aber erhalten. Leider findet sich bis heute in keinem Gesangbuch die lateinische Version, die trotz des redlichen Bemühens von Joseph Mohr doch noch ein bißchen besser ist als die beste Übersetzung. Dafür ist Mohrs Version die einzige mit Reim.

Die lateinische Version in der "französischen" Tradition:

  1. Adeste fideles / laeti triumphantes, / venite, venite / in Bethlehem. / Natum videte / Regem angelorum. / Venite adoremus / Dominum.
  2. En grege relicto / humiles ad cunas / vocati pastores / approperant: / Et nos ovanti gradu / festinemus. / Venite ... .
  3. Aeterni parentis / splendorem aeternum /  velatum sub carne / videbimus, / Deum infantem / pannis involutum. / Venite ...
  4. Pro nobis egenum / et foeno cubantem / piis foveamus / amplexibus. / Sic nos amantem / quis non redamaret? / Venite ... .

Joseph Mohrs Übersetzung:

  1. Auf gläubige Seelen /  singet Jubellieder  / Und kommet / kommt alle nach Betlehem / Christus der Heiland / stieg zu uns hernieder / Kommt lasset uns anbeten / unseren Herrn
  2. Die Hirten verlassen / eilends ihre Herden / und suchen das Kind / nach des Engels Wort / Gehn wir mit ihnen / Friede soll uns werden / Kommt ... 
  3. Der Abglanz des Vaters  / Herr der Herren alle / ist heute erschienen  / in unserem Fleisch / Gott der in Windeln liegt im kalten Stalle / Kommt ... .
  4. Seht wie er in Armut / liegt auf Stroh gebettet / O schenken wir / Liebe für Liebe ihm / Christus das Kindlein / das uns all errettet / Kommt ... .

Melodie

Montag, 19. September 2022

Es ist ein Ros entsprungen

 

Maria im Garten 15. Jhdt.

In 400 Jahren haben es Katholiken und Protestanten nicht geschafft, sich auf eine einheitliche Version dieses Liedes zu einigen, eines der meist gesungenen und gespielten Weihnachtslieder überhaupt. 

Die Bifurkation - hie gut katholisch - dorten gut evangelisch - setzte bereits 1609 ein, kurze Zeit, nachdem das Lied erstmals 1599 in einem katholischen Gesangbuch abgedruckt wurde. Das Lied ist älter, das älteste Textzeugnis datiert von 1587, es dürfte damals schon viele Jahre mündlich überliefert worden sein. Die ersten beiden Strophen, die wir bis heute singen - wie gesagt, je nachdem auf welcher Seite des Konfessionsgraben wir stehen - haben folgenden Wortlaut:

  1. Es ist ein Ros entsprungen / aus einer Wurzel zart / als uns die Alten sungen / aus Jesse kam die Art / und hat ein Blümlein bracht / mitten im kalten Winter / wohl zu der halben Nacht 
  2. Das Röslein das ich meine / davon Jesaja sagt / ist Maria die reine / die uns das Blümlein bracht / aus Gottes ewgem Rat / hat sie ein Kindlein gboren / und blieb ein reine Magd.

 In der ersten gedruckten Version von 1599 folgen 21 weitere Verse, die man als Erzähllied einstufen kann.

Es handelt sich um ein Rätsellied. Wer ist das "Ros", wer ist die Wurzel und wer das Blümlein? Der erste Vers enthält schon ein paar Hinweise, mit denen ein bibelfester Codeknacker in Windeseile das Rätsel lösen könnte, vor allem wenn er die Vulgata kennt.

"Egredietur virga de radice Jesse / et flos de radice eius ascendet" (Jesaja 11,1) "Es wird hervorgehen ein Reis aus der Wurzel Jesse / und eine Blume wird aus ihrer Wurzel aufgehen". Schon die Kirchenväter haben die "virgo" mit der "virga" in Verbindung gesetzt, die Virgo, die aus der Wurzel Jesse stammt, bringt das Blümlein hervor. Rätsel gelöst, der zweite Vers bringt die Lösung noch einmal für die weniger Bibelfesten, das Reis ist Maria, das Blümlein ist das Kindlein und Maria blieb ante partum, peri partum und post partum Jungfrau. 

Des Rätsels Lösung gefiel schon 1609 dem protestantischen Komponisten Praetorius nicht, und so lautet bei Praetorius der zweite Vers:

Das Röslein das ich meine / davon Jesajas sagt / hat uns gebracht alleine / Mary die reine Magd / aus Gottes ewgem Rat / hat sie ein Kind geboren / ...

Bei der letzten Zeile hat den Hofkapellmeister und geheimen Kammersekretär Praetorius die Dichtkunst gleich ganz verlassen, es waren andere, die dann die letzte Zeile mit "wohl zu der halben Nacht" oder anderswie beendeten. Nun blieb das Rätsel ungelöst, denn daß das Röslein jetzt gleich dem Blümelein sein soll und daß das Röslein aber trotzdem ein Blümelein hervorbringt, das kann man ja gar nicht glauben. Dichtkunst und Logik leiden, aber Praetorius Komposition war sehr erfolgreich und gehört zum klassischen Repertoire jedes Chors.

Woher die Melodie stammt ist unbekannt, schön ist sie jedenfalls und sie hat uns das Lied gerettet bis heute.

Das Lied verschwand wie viele andere im Zeitalter der "Aufklärung", das ja schon qua Programm keine Rätsel mag, im Dunkel der Archive. Aus diesem Dunkel befreit hat sie unter anderen ein protestantischer Pastor, der Pfarrer Layriz. Layriz hat wohl zunächst nur die beiden ersten Verse vorgefunden. Er fand es offenbar schade, daß das schöne Lied nach nur zwei Strophen endet und hat gleich drei weitere Strophen dazu gedichtet, eine davon ist wiederum "kanonisch" geworden, eine zweite kann man schon singen, wenn man unbedingt noch eine Strophe dranhängen will. Chordirigenten machen das gerne, sie sehen das genauso wie Pfarrer Layriz. Die Strophe gebe ich in der aktuellen, leicht verbesserten (Blümlein statt Röslein) Version wieder, denn der Herr Pastor ist Praetorius unlogischer Neudichtung gefolgt.

Das Blümelein so kleine das duftet uns so süß / mit seinem hellen Scheine vertreibts die Finsternis /  Wahr Mensch und wahrer Gott / hilft uns aus allem Leide / rettet von Sünd und Tod
O Jesu bis zum Scheiden / aus diesem Jammertal / laß dein Hilf uns geleiten / hin in den Freudensaal / In deines Vaters Reich / da wir dich ewig loben / O Gott uns das verleih

 Das Lied wird auch in die Diözesan-Gesangbücher übernommen, allerdings in der Vorkriegsversion ergänzt durch meist zwei "Erzählstrophen" aus der Urfassung von 1599, die poetisch mit den ersten beiden Strophen nicht mithalten können und so wirken, wie sie schon vor vierhundert Jahren gewirkt haben, nämlich lieblos drangeklebt.

Das "Kirchenlied" (von Georg Thurmair et. al.) nimmt stattdessen die beiden Ur-Strophen, fügt als dritte Layriz duftendes Blümlein dazu und prägt damit die Diözesan-Gesangbücher nach 1945. 

Das Gotteslob 1975 "erfreut" uns mit einer "ökumenischen" Version, die den zweiten Vers im Sinne von Praetorius "christologisch" umdichtet. Praetorius "Röslein"-Fehler wird beseitigt, so daß uns Maria nunmehr das "Blümlein" bringt , Maria bleibt konsequenterweise keine reine Magd, stattdessen macht uns nun das Blümlein selig. Die Bifurkation ist beseitigt - zu lasten der katholischen Tradition.

Wirklich glücklich ist damit nun keiner geworden, so daß das GL2013 wieder zur Urfassung von 1587 zurückkehrt, ergänzt um einen Layriz-Vers, den mit dem duftenden Blümlein/Röslein. Dafür muß nun das ach so schwer erarbeitete "ö" in Klammer gesetzt werden, im EKG bleibt es ungeklammert erhalten. (Es erhob sich übrigens darob großes Wehklagen unter den Ö-Katholen zwegens des Verrats an der ökumenischen "Idee"). Der erste Layriz-Vers bleibt erhalten. 

Ich bekenne: Layriz "duftendes Blümlein" finde ich gut, der Vers darf bleiben. Aber mit den ersten beiden Versen allein kann man auch gut leben, natürlich nur mit den echt ehrlich wirklich wahren Ur-Versen (in meiner Gemeinde werden sowieso meist nur zwei Verse gesungen). Eine Fassung aus dem Urtext und einem Teil der Layriz-Nachdichtung könnte so aussehen:

  1. Es ist ein Ros entsprungen / aus einer Wurzel zart / als uns die Alten sungen / aus Jesse kam die Art / und hat ein Blümlein bracht / mitten im kalten Winter / wohl zu der halben Nacht 
  2. Das Röslein das ich meine / davon Jesaja sagt / ist Maria die reine / die uns das Blümlein bracht / aus Gottes ewgem Rat / hat sie ein Kindlein gboren / und blieb ein reine Magd.
  3. Das Blümelein so kleine / das duftet uns so süß / mit seinem hellen Scheine / vertreibts die Finsternis /  Wahr Mensch und wahrer Gott / hilft uns aus allem Leide / rettet von Sünd und Tod
  4. O Jesu bis zum Scheiden / aus diesem Jammertal / laß dein Hilf uns geleiten / hin in den Freudensaal / In deines Vaters Reich / da wir dich ewig loben / O Gott uns das verleih

Melodie

Mittwoch, 14. September 2022

In dulci Jubilo

In dulci jubilo, älteste bekannte Fassung Ende 14. Jhdt.

Angeblich soll Heinrich Seuse (* 1295 +1366) , der seliggesprochene Gelehrte und Mystiker, persönlich das Lied gedichtet haben. Konkrete Nachweise dafür gibt es nicht, bekannt ist aber, daß Seuse die Melodie des Liedes kannte. Das Lied war daher wohl schon spätestens Mitte des 14. Jahrhunderts bekannt. Die frühesten Zeugnisse sind zwei Handschriften von Ende des 14. Jahrhundert und Anfang des 15. Jahrhunderts. Das Lied besteht in der ältesten überlieferten Fassung aus vier Strophen zu je zehn Zeilen, es wird noch eine acht-zeilige Version gegeben haben, über die nicht viel bekannt ist. Hier die Version, die um 1440 in der Kartause zu Köln entstanden ist:

  1. In dulci jubilo / singet und weset froh / all unsres Herzen Wonne / liegt in praesepio / hie leucht recht als die Sonne / matris in gremio / ergo merito / ergo merito / des sollen alle Herzen / schweben in gaudio
  2. O Jesu parvule / nach dir ist mir so weh / tröst du mein Gemüte / tu puer inclite / hilf uns durch deine Güte / tu puer optime / trahe me post te / trahe me post te / in deinesVaters Reich / tu princeps gloriae
  3. Ubi sunt gaudia / nirgend dann allda / da hört man Saiten klingen / in regis curia / da hört man Engel singen / nova cantica / eya qualia  eya qualia / O Mutter aller Güten  bring uns ad talia
  4. Maria nostra spes / Jungfrau helf uns des / daß wir so selig werden / als dein progenies / vergib uns unsre Sünden / viel mehr denn septies / Vitam nobis des / vitam nobis des / daß uns zuteile werde / aeterna requies
Diese Fassung hat vier Strophen zu je zehn Zeilen, durchgesetzt hat sich schließlich eine kürzere Fassung mit acht Zeilen. Die heute bekannteste Fassung der ersten drei Strophen findet sich in Michael Vehes "New Gesangbüchlin" von 1567:
  1. In dulci jubilo  nun singet und seid froh / unsers Herzens Wonne liegt in praesepio / und leuchtet wie die Sonne matris in gremio / Alpha es et O, Alpha es et O
  2. O Jesu parvule, nach dir ist mir so weh / Tröst mir mein Gemüte, o puer optime / durch alle deine Güte, o princeps gloriae. / Trahe me post te , trahe me post te
  3. Ubi sunt gaudia? Nirgends mehr denn da, / wo die Engel singen nova cantica / und die Zimbeln klingen in regis curia / eja qualia, eja qualia !
Es blieb nun nicht bei diesen drei, denn ursprünglich hatte das Lied ja 4 Strophen, und der letzte Satz der zehnzeiligen Variante lautet schließlich "O Mutter aller Güten, bring uns ad talia". Es mußte also Ersatz her, und der lautete dann:
Mater et filia ist Jungfrau Maria / wir wären gar verloren per nostra crimina / so hast du uns erworben coelorum gaudia / Maria hilf uns dar! Maria hilf uns dar!

 Für die protestantische Seele war nun der Marienvers nicht tragbar, so daß man sich einen protestantisch-theologisch korrekteren ausdachte:

O patris charitas o Nati lenitas / wir wären all verloren per nostra crimina / so hast du uns erworben coelorum gaudia / Eya wer wir da  Eya wer wir da

So das Bapstsche Gesangbuch von 1545. Aber der marianische Vers ist ja auch nicht ganz falsch, und das "Eja wern wir da" paßt nicht zum Schlußvers, sondern zum dritten Vers, der den Himmel beschreibt. Die schlüssigste Version macht das so, sie findet sich, gewissermaßen als katholisch-protestantisches Mischlied bei Ingeborg Weber-Kellermanns "Buch der Weihnachtslieder". Auch wenn damit ein Formprinzip aufgegeben wird, nämlich die durchgehende Zweisprachigkeit so macht die Abfolge der Himmels- und Marienstrophe Sinn.

  1. In dulci jubilo  nun singet und seid froh / unsers Herzens Wonne liegt in praesepio / und leuchtet wie die Sonne matris in gremio / Alpha es et O, Alpha es et O
  2. O Jesu parvule, nach dir ist mir so weh / Tröst mir mein Gemüte, o puer optime / durch alle deine Güte, o princeps gloriae. / Trahe me post te , trahe me post te
  3. Ubi sunt gaudia? Nirgends mehr denn da, / wo die Engel singen nova cantica / und die Zimbeln klingen in regis curia / eja wärn wir da! eja wärn wir da !
  4. Mater et filia ist Jungfrau Maria / wir wären gar verloren per nostra crimina / so hast du uns erworben coelorum gaudia / Maria hilf uns da! Maria hilf uns da!
Zur Rezeptionsgeschichte ist zu sagen, daß das Lied in den meisten Gesangbücher des 16. und 17. Jahrhunderts in der einen - protestantischen - oder anderen - katholischen - Version auftaucht. Corner, der ja einen konfessionsverbindenden Ansatz hat, verbindet beide Schlußverse mit der Folge, daß zwei nahezu gleichklingende Verse aufeinander folgen.  Das "Rheinfelsische" verzichtet auf eine Marienanrufung und setzt stattdessen den Bapstschen Vers auf den dritten Platz - das RGB versteht sich als ökumenisches Gesangbuch.

Das Lied überlebt die Aufklärung nicht, jedenfalls nicht in der zweisprachigen Version, erst im 20. Jahrhundert wird es wiederentdeckt, es findet sich erstmals in der dreistrophigen Version von Vehe im "Singeschiff" und dann in allen folgenden Diözesangesangbüchern. Das Gotteslob und das Schweizer Gesangbuch und leider auch das "Laudate Patrem" wählen die protestantisierende Version des RGB und dürfen sich als Trostpflaster mit dem Label ö+ schmücken. 

Besser wirds dadurch nicht, katholischer auch nicht, und die Evangolen sind sowieso bei ihrer teutschen Version geblieben, die auch ganz nett klingt, aber doch weniger OUMPF!!! hat als die zweisprachige Version.

Dienstag, 13. September 2022

Puer natus in Betlehem

Giotto Krippenszene

Noch eine Vermißtenmeldung. Noch ein Lied, das in Richtung der Konzertsäle entschwunden ist. Die älteste lateinische Fassung desymnus "puer natus in Betlehem", verbunden mit einer lebendigen gregorianischen Melodie, stammt von Anfang des 14. Jahrhunderts, die älteste deutsche Übersetzung stammt von Heinrich Laufenberg aus dem Jahre 1439. Sie hat mal sechs, mal bis zu fünzehnVerse.

Die bekannteste deutsche Text-Version ist im (lutheranischen) Bapstschen Gesangbuch von 1545 abgedruckt,  die volkstümliche Melodie, die auch hier nicht auf der gregorianischen beruht, findet sich erstmals bei Lucas Lossius 1553. Interessant ist bei diesem Lied, das in der Regel sowohl die lateinische Version als auch die deutsche (auch die dänische und die schwedische) Version zusammen abgedruckt wird, also wohl im Wechselgesang (Schola: latein, Gemeinde: Volkssprache) gesungen wurde.

Seit dem 16. Jahrhundert gehört das Lied zum Standardrepertoire aller katholischen (Beuttner, Corner, Rheinfelsisches Gesangbuch,Leisentrit) wie auch evangelischen Gesangbücher. Joseph Mohr hat das Lied nicht radikal, aber doch ziemlich deutlich umgedichtet und umkomponiert, und auch in den Diözesangesangbücher bleibt das Lied nicht vom typisch katholischen UDF, dem UmDichtFimmel verschont, meist in Richtung Wassersuppe. Das Lied findet sich noch im Stammteil des Gotteslobs 1975, und wird dann mit dem Gotteslob 2013 endgültig in die Diözesananhänge verdrängt.

Das schweizerische katholische Gesangbuch hat es noch im Stammteil. Die 10 populärsten Strophen haben folgenden Text in Latein:

  1. puer natus in Betlehem / alleluia / unde gaudet Jerusalem / alleluia, alleluia / in cordis jubilo / christum natum adoremus / cum novo cantico
  2. Hic iacet in praesepio / ... / qui regnat sine termino / ...
  3. Cognovit bos et asinus / ... / quod puer erat dominus / ...
  4. Reges de Saba veniunt / ...  / Aurum thus Myrrham offerunt / ...
  5. De Matre natus virgine / ... / Sine virili semine / ...
  6. Sine serpentis vulnere / ... / De nostro venit sanguine / ...
  7. In carne nobis similis / ... / Peccato sed dissimilis / ...
  8. Ut redderet nos homines / ...  / Deo et sibi similes / ...
  9. In hoc natali gaudio / ... / Benedicamus domino / ...
  10. Laudetur sancte trinitas / ... / Deo dicamus gratia / ...
Die entsprechenden deutschen Strophen:
  1. Ein Kind geborn zu Betlehem / Betlehem / des freuet sich Jerusalam / Hallelujah Hallelujah
  2. Hier liegt es in dem Krippelein / ... / ohn Ende ist die Herrschaft sein /...
  3. Das Öchslein und das Eselein / ... / erkannten Gott den Herren sein / ...
  4. Die König aus Saba kamen dar / ... / Gold Weihrauch Myrrhen bracht´n sie dar / ...
  5. Sein Mutter ist die reine Magd / ... / die ohn´ ein Mann geboren hat / ...
  6. Die Schlang ihn nicht vergiften konnt / ... / ist worden unser Blut ohn Sünd / ...
  7. Er ist gar uns gleich nach dem Fleisch / ... / der Sünd nach ist er uns nicht gleich / ...
  8. Damit er uns ihm machte gleich / ... / und wieder brächt zu Gottes Reich / ...
  9. Für solche gnadenreiche Zeit / ... /sei Gott gelobt in Ewigkeit / ...
  10. Lob sei der heilgen Dreieinigkeit / ... / von nun an bis in Ewigkeit / ...
Die gregorianische Melodie läßt sich auch mit dem deutschen Text singen,  die volkstümliche Melodie paßt auch zur lateinischen Fassung. Für den Gesang bieten sich daher viele Möglichkeiten. Man kann den lateinischen Text durch eine Schola singen lassen, anschließend den deutschen Text durch die Gemeinde, lateinisch-deutsch mit der gregorianischen Melodie oder der volkstümlichen. Bei Lucas Lossius sind zum Beispiel beide Texte mit der volkstümlichen Melodie unterlegt. Sie wurden offenbar im Wechselgesang gesungen.

Warum das Lied außer Mode kam? Ich vermute den morbus modernicus. Der lateinische Text geriet schon im 19. Jahrhundert in Vergessenheit, der  deutsche Text wurde so verwässert,und verkürzt bis die Langeweile das Lied umbrachte. In der letzten Gotteslob-Fassung fehlt die dritte Strophe mit Ochs und Esel, die fünfte mit der Reinen Magd,  die sechste mit der Schlange und die siebte, in der es um Fleisch und Sünde geht. Die 8. in der es um Gottes Reich geht, hat folgenden sturzbanalen Text: "Sie fielen nieder auf die Knie und sprachen Gott und Mensch ist hie". Der Griff in die Textbausteinkiste, nicht? Selbst die Heilige Dreieinigkeit (Vers 10) wird vermieden.

Hier kann man den gregorianischen Choral hören, und hier die deutsche

Sonntag, 11. September 2022

Nun komm der Heiden Heiland

Bischof von Mailand

339 in Augusta Treverorum  (Trier) geboren, seit 365 als Anwalt tätig, wurde Ambrosius 374 zum Bischof von Mailand gewählt, wo er 397 starb.  In die Geschichte ging er ein als einer der vier Kirchenväter aber vor allem als Verfasser der "ambrosianischen" Hymnen, die bis heute nach mehr als 1.600 Jahren noch immer in Gebrauch sind.

In meinem geliebten Konfirmandengesangbuch stand als erstes Lied diese Kontrafaktur seines Hymnus "Veni redemptor gentium":
  1. Nun komm der Heiden Heiland / der Jungfrauen Kind erkannt / daß sich wunder alle Welt, / Gott solch Geburt ihm bestellt.
  2. Nicht von Manns Blut noch von Fleisch / allein von dem Heil'gen Geist / ist Gotts Wort worden ein Mensch / und blüht ein Frucht Weibes Fleisch.
  3. Er ging aus der Kammer sein / Dem könglichen Saal so rein, / Gott von Art und Mensch, ein Held, / sein' Weg er zu laufen eilt.
  4. Sein Lauf kam vom Vater her / und kehrt wieder zum Vater, fuhr hinunter zu der Höll' / und wieder zu Gottes Stuhl
  5. Dein Krippen glänzt hell und klar, die Nacht gibt ein neu Licht dar, / Dunkel muss nicht kommen drein, / der Glaub bleibt immer im Schein.
  6. Lob sei Gott dem Vater g'tan; / Lob sei Gott sei'm ein'gen Sohn, /Lob sei Gott dem Heil'gen Geist / immer und in Ewigkeit.
Die Übersetzung geht auf Martin Luther zurück, womöglich auch die Melodie, die sich an die mittelalterliche gregorianische Melodie anlehnt, ihr aber nicht entspricht.

Luther hat, wie zu seiner Zeit bereits üblich, nicht die erste Strophe des ambrosianischen Hymnus übersetzt, sie war nicht mehr in Gebrauch, ursprünglich begann der Hymnus mit folgendem Vers.

Intende, qui regis Israel,
Super Cherubim qui sedes,
Appare Ephrem coram, excita
potentiam tuam et veni.
Und erst dann folgt

Veni, redemptor gentium;
Ostende partum virginis;
Miretur omne saeculum.
Talis decet partus Deo.

Ambrosius entfaltet in 8 Strophen zu je vier Zeilen mit je 8 Silben das Mysterium der Geburt des Gottessohnes. Nicht nur der Text, sondern auch seine Form hat Bedeutung, die Zahl 8 steht für den 8 Tag, den Tag, an dem Jesus Christus geboren ist, der achte Tag der Schöpfung.

Man hat sich häufig über die auffällige "Kunstlosigkeit" des lutherschen Textes ausgelassen, wo sich der Reim eher nur ausnahmsweise reimt, wo sich die eine oder andere Formulierung findet, die schon manchen ratlos zurückgelassen hat.  Lieselotte von der Pfalz, hat sich in einem Brief an das "wunderliche" Lied  erinnert, dessen Text sie schon als kleines Kind irritiert hat. Dafür gibt es eine Erklärung: Luther hat den Text so akribisch wie möglich übersetzt, auf den Reim oder auf die Umgangssprache kam es ihm dabei weniger an.

Letzteres war aber auch der Grund, warum der Luther-Text auch in katholische Gesangbücher aufgenommen wurde, von Beuttner über Corner bis zum "Rheinfelsischen Gesangbuch", wo er wiederum auf Platz 1 steht. Corner hat sich in einem ausführlichen Vorwort dazu bekannt, daß er in sein "Groß Catolisch Gesangbüch" auch evangelische Texte aufnimmt, sofern sie den authentischen katholischen Glauben wiedergeben. Bei der wortgetreuen Übersetzung des "Veni redemptor gentium" war das zweifellos der Fall.

Bei den Katholischen geriet der Luther-Hymnus ausgerechnet in einer Zeit, in der soviel von "Ökumene" die Rede war wie nie, in Verruf. In den Diözesan-Gesangbüchern vor 1945 findet sich keine Übersetzung des ambrosianischen Hymnus mehr, nach 1945 taucht der Hymnus wieder in der Übersetzung von Petronia Steiner auf. Die Übersetzung ist nicht gelungen, sie verschwand mit dem Gotteslob 1975 wieder und wurde durch einen Text vom Markus Jenny ersetzt.

Damit haben sich die Nachkonziliaren für das Werk eines evangelischen Theologen und Hymnologen entschieden, statt des Werkes des Ur-Evangelen Luther selbst. Das Jenny-Lied halte ich für eines der schröcklichsten Liedlein in dem an geschmack-, kunst-, lieb- und glaubenslosen Liedern überreichen Gotteslöbern.

Die Übersetzung ist sinnverfälschend, das Ganze ist völlig kunstlos, enthält unpassende altertümelnde Vokabeln wie "darob", "entströmt" und "obsiegt", es ist wirklich richtig schlecht.

Es bleibt nur noch die alte, auf Luther zurückgehende Melodie, sonst bleibt wieder kein Stein auf dem anderen.

"Veni redemptor gentium" übersetzt Jenny mit "Komm du Heiland aller Welt", das ist zwar im klassischen Latein richtig, nicht aber im kirchlichen Gebrauch, wo das Wort gentes in der Regel mit "Heiden", also den nichtjüdischen Völkern übersetzt wird. Schlimmer wirds im zweiten Satz "Ostende partum virginis", heißt nicht "Sohn der Jungfrau mach dich kund" sondern "Verkünde die Geburt aus der Jungfrau". "Miretur omne Seculum" würde mein Lateinlehrer mit "darüber möge alle Welt staunen" übersetzen und nicht mit "Darob staune was da lebt", das "darob" wirkt in einem Text des 20. Jahrhundert außerdem gequält altertümelnd. "Talis decet partus deo" könnte man mit "Solche Geburt ist Gottes würdig" übersetzen auf keinen Fall aber mit "Also will Gott werden Mensch", denn die richtige Übersetzung spricht noch einmal die Geburt aus der Jungfrau an und nicht die Inkarnation.

Es wird ja immer wieder dementiert, daß protestantische Theologen den Novus Ordo mitformuliert haben, bei katholischen Gesangbüchern ist es nicht zu verbergen.

Ich plädiere für das Original oder eben für Luther, solange mir keiner einen besseren Text zeigt und übrigens, was Johann Sebastian Bach inspiriert hat, das kann auch uns inspirieren.

Das Lied steht übrigens auch im EKD-Gesangbuch nicht mehr auf Platz Eins, dort steht nun Weissels "Macht hoch die Tür". Ein schönes Lied, würde es nicht vor Weihnachten aus jedem Supermarktlautsprecher düdeln.

Samstag, 3. September 2022

O Heiland reiß die Himmel auf

Denkmal für Friedrich Spee und
Katharina Henot am Kölner Rathaus

1622 ist dieses Lied entstanden. Der Verfasser, Friedrich Spee von Langenfeld, war damals 31 Jahre alt und stand am Ende seines Studiums, ein Jahr später wurde er zum Priester geweiht. Schon mit 19 war er dem Jesuitenorden beigetreten. 

In Deutschland war der Dreißigjährige Krieg ausgebrochen. Die Pest wütete in den Städten. Der Hexenwahn forderte Todesopfer, auch Freunde und Verwandte Friedrichs fielen dem Wahn zum Opfer. Einem der prominentesten und mit Sicherheit unschuldigen Opfer des Hexenwahns, Katharina Henot, errichteten die Kölner gemeinsam mit Friedrich Spee von Langenfeld ein Denkmal am Kölner Rathaus. Spee dürfte Katharina Henot gekannt haben.

Friedrich war einer der ersten, der dem Hexenwahn entgegentrat. Letztlich erfolgreich, doch zunächst wurde er deshalb gemaßregelt.

Bei der Betreuung und Pflege von verwundeten und erkrankten Soldaten infizierte sich Friedrich Spee an der Pest und starb 1935. 

Das Lied wurde früher unter dem Titel "Säufftzen der Altvätter in der Vorhöll" veröffentlicht, bedenkt man die Lebensumstände Friedrich Spees, geht es keinesweg um die Väter in der Vorhölle, sondern ganz irdisch und konkret um das in der Hölle des Dreißigjährigen Krieges leidende Volk.

Das Lied gehört zu den beliebtesten Liedern der ganzen deutschen Christenheit. Abgesehen von einem kleinen "Versanhang" der bald wieder aus den Liederbüchern verschwand, ist es auch nie ergänzt, verändert oder umkomponiert worden.

  1.  O Heiland reiß die Himmel auf / herab, herab vom Himmel lauf / reiß ab vom Himmel Tor und Tür / reiß ab, wo Schloß und Riegel für
  2. O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß, / im Tau herab, o Heiland, fließ. / Ihr Wolken, brecht und regnet aus / den König über Jakobs Haus
  3. O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd, / dass Berg und Tal grün alles werd. / O Erd, herfür dies Blümlein bring, / o Heiland, aus der Erden spring. 
  4. Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, / darauf sie all ihr Hoffnung stellt? / O komm, ach komm vom höchsten Saal,  / komm, tröst uns hier im Jammertal. 
  5. O klare Sonn, du schöner Stern,  / dich wollten wir anschauen gern; / o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein / in Finsternis wir alle sein. 
  6. Hie leiden wir die größte Not / vor Augen steht der ewig Tod / Ach komm, führ uns mit starker Hand / vom Elend zu dem Vaterland

Melodie

Samstag, 27. August 2022

Es kommt ein Schiff geladen

 

Colchicum bulbocodium
Lichtmeßblume

Die Katholischen  haben sich mit Sudermanns Interpretation des aus dem 15. Jahrhundert stammenden Liedes "es kommt ein Schiff geladen" immer schon schwer getan. Als im 19. Jahrhundert das Lied von Hymnologen wiederentdeckt wurde blieben die Verfasser katholischer Gesangbücher zurückhaltend. Sie zogen zwar mit der Veröffentlichung nach, doch in Form der "katholischeren" Version aus dem Andernacher Gesangbuch. Auch Heinrich Bone hat sich mit diesem Lied befasst, und hat es zur Enttäuschung des katholischen Publikums in der Sudermannschen Fassung mit leichten Änderungen veröffentlicht. Erfolg hatte er damit wenig, bis zum Gotteslob 75 blieb Sudermann draußen.

Georg Thurmair hat es  in seinem "Kirchenlied" mit einer weitgehend originalen Version in der Fassung des Andernacher Gesangbuchs versucht, wo das Lied mit den Worten "Uns kommt ein Schiff gefahren" beginnt. Auch das hat niemanden überzeugen können. Das Gotteslob 75 hat die Sudermann-Version übernommen, sie aber mit einem Marienvers ergänzt, wohl um etwas "katholisches Kolorit" beizufügen. Im Gotteslob 2013 finden wir das Sudermann-Lied ohne marianischen Schlußvers.

Als Sudermann die heutige Fassung zusammenfügte, mit einem Text, der weitgehend aus der Straßburger Version stammt, lag im wohl mindestens die Fassung von 1450 vor, die dem Dominikanerinnen-Kloster in Straßburg zuzuordnen ist. Daneben finden sich noch zwei weitere Fassungen aus Inzigkofen und Deventer, die gleichfalls aus Frauenklöstern stammen, mit teilweise stark abweichendem Text. 

In jedem Fall ist es ihm gelungen, eine Marienhymne völlig von jedem Verweis auf die Gottesmutter zu bereinigen. Damit hängt der Text allerdings in der Luft, denn wer oder was soll denn nun das Schiff sein: die Kirche, die Seele oder doch die Gottesmutter?

Sudermann hat eine poetisch höchst anrührende Version des Liedes geschaffen, mit der marianischen Urfassung hat sie nur bedingt etwas zu tun, am besten sehen wir uns das Vers für Vers an.

(Im folgenden habe ich die historischen Versionen sprachlich dem heutigen Sprachgebrauch angenähert, und hinsichtlich des Vers-Rhythmus angepasst auf die heute meist verwandte Melodie aus dem Andernacher Gesangbuch)

1.

In der Straßburger Fassung:

Es kommt ein Schiff geladen / bis an sein höchsten Bord / es trägt den Sohn des Vaters / das ewigliche Wort

Sudermann formuliert um:

... trägt Gottes Sohn voll Gnaden / des Vaters ewigs Wort. 

das reimt besser, aber ist der Sohn Gottes wirklich "voll Gnaden" oder ist er nicht vielmehr die Gnade selbst?

Es macht Sinn, sich mit der ersten lateinischen Strophe der zweisprachigen Andernacher Version zu beschäftigen, denn sie macht deutlich, wer denn das Schiff sein soll

En navis institoris / Procul ferens panem / Longis adest ab oris / novam vehens mercem

Die erste Hälfte des Verses ist ein wörtliches Zitat aus dem Liber Proverbium 31.10 ff. (14): Facta est quasi navis institoris, de longe portans panem suum. "Sie (die "starke Frau",  mulierem fortem) ist wie ein Handelsschiff, das sein Brot von ferne heranträgt." Die zweite Hälfte; es kommt aus weiter Ferne / und trägt eine neue Ware/Lohn/Sold verweist auf die Eucharistie.

Völlig getilgt hat Sudermann den Refrain des Liedes : Maria, Gottes Mutter / gelobet mußt du sein / .... .

2.

Der zweite Vers wird ebenfalls reimlich versäubert

Das Schiff das geht so stille / Es trägt ein teure Last / das Segel ist die Minne / der heilig Geist der Mast

Sudermann: das Schiff geht still im Triebe / ... / das Segel ist die Liebe / ...

Das wirkt heute eher seltsam, denn mittlerweile ist Liebe/Triebe peinlich. Still im Triebe ist genauso altertümlich wie die "Minne", also dann doch besser Minne. Der dritte Vers:

3.

Der Anker ist ausgeworfen / das Schiff das geht an Land / Gott ist uns Mensch geworden / der Sohn ist uns gesandt

 Sudermann:

Der Anker haft auf Erden / und das Schiff ist am Land / Gotts Wort tut uns Fleisch werden / der Sohn ist uns gesandt

Das klingt heute so verstolpert, daß die Evangelischen es selbst versäubert haben : "das Wort will Fleisch uns werden". Reim gerettet, nur das "Wort" "will" nicht, es "ist" Mensch geworden. Wenn man schon ein Loch im Stoff stopft, sollte man aufpassen, daß man dabei nicht ein anderes aufreißt.

4.

Der vierte Vers ist wohl Sudermanns Eigengewächs, denn das "verlorene Kind" leitet direkt über zu "leiden", "Pein und Marter" und "sterben". 

Zu Betlehem geboren / ist uns ein Kindelein / gibt sich für uns verloren / gelobet muß es sein

Die Andernacher hingegen schließen die ersten drei Verse mit folgendem Vers ab:

Maria hat geboren / aus ihrem Fleisch und Blut / das Kindlein auserkoren / Wahr Mensch und wahrer Gott

In der Straßburger Version findet sich folgender Krippenvers:

Es lieget in der Krippen / das liebe hübsche Kindelein / Ist unser Bruder geworden / gelobet muß es sein

der in der Andernacher und Deventer Version so lautet:

Es liegt hie in der Wiegen / das liebe Kindelein / Sein Gesicht leucht wie ein Spiegel / Gelobet mußt du sein. 

5.

Und wer dies Kind mit Freuden  / umfangen, küssen will / muß vorher mit ihm leiden / groß Pein und Marter viel

Der mystische Kuß war das einzige, was Bone - typisch für seine Zeit - weggelassen hat, der ansonsten Sudermanns Version teilt. Aber der Kuß, vom dem Sudermann schreibt, wird von den braven Nonnen aus dem Deventer Kloster ganz anders eingeordnet 

Ich möcht das Kindlein küssen / auf seinen roten Mund / das möcht mich wohl gelüsten / von Sünden würd ich gsund

Der Kuß allein erlöst von Sünden. Die Pein und Marter braucht es nicht.

Ebenso Straßburg

Und wer das Kind will küssen / auf seinen roten Mund / empfängt wohl große Freuden / von ihm zur selben Stund

und Andernach

Möcht ich das Kindlein küssen / An seinen lieblichen Mund / und wär ich krank vor gewisse / ich würd davon gesund

6.

Die Nonnen von Inzigkofen haben noch einen weiteren Vers:

Maria du edle Rose / aller Seligkeit ein Zweig  / du schöne Zeitenlose / mach uns von Sünden frei

Die Zeitenlose ist eine Blume, die mitten im kalten Winter blüht. Es ist eine ganze Pflanzenart, zu der auch die Herbstzeitlose gehört, die Lichtmeßblume blüht im Februar an Maria Lichtmeß.

Es ist möglicherweise deutlich geworden, daß ich die Sundermann-Version nicht mag, Wie könnte eine Sudermann-freie Version aussehen:

  1. Es kommt ein Schiff geladen / bis an sein höchsten Bord / es trägt den Sohn des Vaters / das ewigliche Wort
  2. Das Schiff das geht so stille / Es trägt ein teure Last / das Segel ist die Minne / der heilig Geist der Mast
  3. Der Anker ist ausgeworfen / das Schiff das geht an Land / Gott ist uns Mensch geworden / der Sohn ist uns gesandt
  4. Es liegt hie in der Wiegen / das liebe Kindelein / Sein Gsicht leucht wie ein Spiegel / Gelobet muß es sein
  5. Und wer das Kind will küssen / auf seinen roten Mund / empfängt wohl große Freuden / von ihm zur selben Stund
  6. Maria edle Rose / du Zweig der Seligkeit / du schöne Zeitenlose / mach uns von Sünden frei

Mittwoch, 24. August 2022

Tauet Himmel den Gerechten

Rorate Antiphon

 

Michael Denis Lied "Tauet Himmel den Gerechten" von 1774, das 1777 von Thomas Hauner vertont wurde, ist nie unter die "Einheitslieder" aufgenommen worden, es taucht in Georg Thurmairs Sammlung "Kirchenlied" nicht auf und ist weder im Stammteil des Gotteslobs 1975 noch im Stammteil des Gotteslobs 2013 zu finden.  Dennoch ist es eines der populärsten Adventslieder.

Auch wenn es nicht zum "Kirchenlied-Adel" gehört, findet es sich in praktisch allen Gesangbüchern, es ist in allen Diözesan-Gesangbüchern vor dem "Gotteslob" 1975 abgedruckt, Joseph Mohr hat es überarbeitet und in sein "Cantate" aufgenommen, und wenn es schon nicht in den Stammteil des Gotteslobs aufgenommen wurde, so ist es doch in sämtlichen Diözesan-Anhängen zu finden. 

Der Grund für diesen Widerspruch ist nicht schwer zu finden: es gibt keine einheitliche Fassung,  weder im Hinblick auf den Text, noch im Hinblick auf die Melodie. Der Text ist schon sehr früh umgeschrieben worden, die Fassung, die erstmals 1801 im Münsteraner Gesangbuch veröffentlich wurde, ist der am meisten bekannte Text. Die beiden ersten Verse dieser Fassung haben sich als gleichsam kanonischer Text entwickelt, die Folgeverse sind in jeder Fassung anders. Jede Diözese folgt bis heute eigenen Traditionen, und da diese Traditionen nun einmal durchaus ehrwürdig sind, wird es auch dabei bleiben.. Eine "Einheitsfassung" wird es also nicht geben, man muß sich also, ob man will oder nicht, schon für eine Fassung entscheiden.

Das selbe gilt für die Vertonung. Die ursprünglich Fassung geht auf Thomas Hauner zurück, aber Hauner hatte bei dieser Kompostion offenbar einen Solisten oder einen mindestens semiprofessionellen Chor vor Augen, für den Gemeindegesang war seine Komposition nicht gedacht.  1790 schon wurde deshalb diese Komposition für den Gemeindegesang umgestaltet, die heutige Singweise geht auf Michael Haydn zurück, aber auch die ist keineswegs"kanonisch". Sie ist lediglich die älteste statistisch gesehen am häufigsten verwandte Melodie.

Um es dann noch etwas komplizierter zu machen, wird auch diese Melodie wiederum vereinfacht, die Folge ist, daß es buchstäblich keine einzige Diözesan-Fassung gibt, die mit einer anderen übereinstimmt.. Im folgenden also die Fassung, die Joseph Mohr dem Lied gegeben hat, und die Melodie Michael Haydns. 

Traditionsgemäß, wird das Lied am 4. Advent gesungen, passend zum Introitus der Messe.

  1. Tauet Himmel den Gerechten / Wolken regnet ihn herab / Rief das Volk in bangen Nächten / dem Gott die Verheißung gab : Einst den Mittler selbst zu sehen / und zum Himmel einzugehen / Denn verschlossen war das Tor / Bis ein Heiland trat hervor  
  2. Gott der Vater ließ sich rühren / Daß er uns zu retten sann / Und den Ratschluß auszuführen / Trug der Sohn sich selber an. / Schnell flog Gottes Engel nieder / Brachte diese Antwort wieder : "Sieh ich bin des Herren Magd / Mir gescheh wie du gesagt"
  3. Dein Gehorsam ist uns Leben / Jungfrau demutvoll und keusch / Gottes Geist wird dich umschweben / Und des Vaters Wort wird Fleisch / Erde! jauchze auf in Wonne / Bei dem Strahl der neuen Sonne / Fernhin bis zum Niedergang / Werde alles Lobgesang!
  4. Ja er kommt in Menschenhülle / Wie der Seher Mund versprach; / Leben, Licht und Gnadenfülle / Folgen dem Verheißnen nach / Seht, des Todes Schatten schwinden / Nieder sinkt das Reich der Sünden /: Und der Schuldgen Sklavenband / Bricht der Herr im Knechtsgewand


Melodie


Montag, 22. August 2022

Veni, veni Emmanuel

O-Antiphon Antiphonale Poissy 14. Jhdt.

Reisen bildet. Das gilt nicht nur für Personen, sondern auch für Lieder. Manchmal kommen sie nach einer langen Weltreise zu uns zurück, erfrischt und verjüngt. Das gilt auch für die Paraphrase der O-Antiphonen, das Adventslied  Veni, Veni Emmanuel, oder auf deutsch "Herr send herab uns deinen Sohn" (Bone), oder "Herr sende, den du senden willst" (wieder Bone) oder "O komm, o komm Emanuel" (Verspoell)

Die O-Antiphonen, die Magnificat - Antiphonen zu den letzten sieben (oder acht, oder neun, oder zehn oder zwölf) Vespern vor dem 24.12. sind schon im 6. Jahrhundert nachzuweisen. Die Zahl von sieben Antiphonen gilt als kanonisch O Sapientia, O Adonai, O radix Jesse, O Clavis David, O Oriens, O Rex gentium, O Emmanuel.

Paraphrasen dieser Antiphonen sind erst seit dem 18. Jahrhundert nachzuweisen, die früheste aus dem 18. Jahrhundert in Johannes Heringsdorfs "Psalteriolum Cantionum Catholicarum", dem "Psälterlein Katholischer Gesänge". Der Text, der nur eine Auswahl der Antiphonen in geänderter Reihenfolge enthält, ist nun in mehr als 200 Jahren wiederum kanonisch geworden, nämlich im angelsächsischen Raum. Der hochkirchliche gesinnte (und deshalb angefeindete später jedoch hochverehrte) anglikanische Pastor John Mason Neale veröffentlichte den Text 1851 in seiner Sammlung "Hymni ecclesiae" und lieferte dann 1861 die endgültige - und gleichsam kanonische - Übersetzung nach: "O come, O come Emmanuel". Thomas Helmore verband 1851 den Text mit einer Melodie die er in einem alten französischen Manuscript gefunden hatte und : der Nummer-Eins-Hit der englischen Adventslieder war geboren.

Veni, veni Emmanuel / Captivum solve Israel / qui gemit in exilio / Pivatus dei filio / Gaude, gaude Emmanuel / nascetur pro te israel
Veni o Jesse virgula / Es hostis tuos ungula / De specu tuos tartari / Educ e anthro barathri / Gaude ...
Veni, veni o oriens / Solare nos adveniens / Noctis depelle nebulas / Dirasque mortis tenebras / Gaude ...
Veni clavis Davidica / Regna reclude coelica / Fac iter tutum superum / Et claude vias inferum / Gaude ...
Veni, veni Adonai / Qui populo in Sinai / Legem dedisti vertice / In Maiesta grloriae / Gaude ...

Heute finden sich ungezählte Varianten des Liedes, eine Motette von Zoltan Kodaly, Kompositionen für Orchester und Chor, SynthiePop (die Lieblingsvariante meiner Herzallerliebsten Ehefrau) und viele viele teils aber auch unglaublich kitschige Versionen.

Das deutsche Gotteslob hat sich für die Melodie Helmores entschieden, leider auch für den dazu nicht passenden Text Bones. Dadurch "landen" die Betonungen der Melodie auf den "falschen" Wörtern. 

Warum man sich vor einer zweisprachigen Version scheut - also einer wörtlichen, nicht unbedingt singbaren Übersetzung des für die Melodie auch gedachten lateinischen Textes - läßt sich eigentlich nur mit der seit DEM KONZIL verbreiteten Idiosynkrasie gegen das Lateinische erklären. In Corners "Groß Catolisch Gesangbüch" waren die zweisprachigen Text noch die Regel - nun kommen sie gar nicht mehr vor. 

Die englische Übersetzung ist sehr gut gelungen, die engere Verwandtschaft des Englischen mit den lateinischen Sprachen hilft. Schade, daß die Gotteslob-Redakteure wieder mal falsch abgebogen sind.

Ich hätte es vorgezogen, wenn man den lateinischen Text des "Veni Emmanuel" wählt - mit einer lesbaren, aber nicht notwendig singbaren Übersetzung und als Alternative Verspoells Eigenschöpfung, die unter den deutschen Alternativen noch den höchsten poetischen Wert hat, und sich sehr gut auf die Melodie Helmores singen läßt.

  1. O komm, o komm Emmanuel / mach frei dein armes israel / In hartem Elend liegt es hier / In Tränen seufzt es auf zu dir! / Bald kommt dein Heil, Emanuel / Frohlock und jauchze Israel
  2. O komm, o komm du Licht der Welt / Das alle Finsternis erhellt / O komm und führ aus Trug und Wahn / Dein Israel auf recht Bahn / Bald kommt ...
  3. O komm, o komm du Himmelskind / Das aller Welt das Heil gewinnt / Dein Israel seufzt tief in Schuld / O bring im deines Vaters Huld / Bald kommt ...
  4. O komm, o komm du Gottessohn / Zur Erde steig vom Himmelsthron / Gott Herr und Heiland tritt hervor / O komm schließ auf des Himmel Tor / Bald kommt ....

Donnerstag, 18. August 2022

Ave Maria Zart

Lochner, Madonna im Rosenhag

Johann Georg Franz Braun hat nicht nur den Text gedichtet, sondern auch die Musik komponiert. 1675 ist sie in seinem "Echo hymnodiae coelestis" erstmals veröffentlich worden.
 
So hätte es eigentlich bleiben können:

  1. Ave Maria zart / du edler Rosengart / Lilien weiß ganz ohne Dornen : ich grüße dich zur Stund / mit Gabrielis Mund / Ave die du bist voller Gnaden.
  2. Du hast des Höchsten Sohn / Maria rein und schön / in deinem Leib verschlossen gtragen : Jesum das liebe Kind / so da die Sünder blind / errettet hat aus allem Schaden
  3. Durch Evae Apfel-Biß / Gott uns verstoßen ließ / und sollten sein ewig verloren : da ist göttliches Wort / Jesu dein Söhnlein zart / zu unserm Heil ein Mensch geworden.
  4. Durch sein kostbares Blut / ist des Satanas Mut / gestürzt / der Höllen Pfort zerbrochen : durch sein fünf Wunden rot / und sein schmerzlichen Tod / des Tods und Teufels Trutz gerochen
  5. Darum o Mutter mild / befiel uns deinem Kind / bitt, daß er uns die Sünd verzeihe: endlich nach diesem Leid / die ewig Himmels-Freud / durch dich Maria uns verleihe / Amen.

Dazu noch eine wundervolle Melodie, einfach makellos. Aber nicht ganz. Das Lied hat seine kleinen Unvollkommenheiten, Dornen reimt sich nicht auf Gnaden, gtragen nicht auf Schaden, verloren nicht auf geworden, was das Wort gerochen bedeutet, muß man einem Sprecher des 21. Jahrhunderts schon erklären. Auch bei Sohn/schön Wort/zart mild/Kind Leid/Freud holpert es etwas. Aber wen stört das?

Die Kirchengesangbuchredakteure stört es natürlich. Zunächst aber ist das Lied nach 1701 erst einmal ganz verschwunden. Wiederentdeckt hat es 1833 Ludwig Aurbacher, kein Hymnenforscher, sondern ein Dichter. Bis Georg Thurmair in seiner äußerst einflußreichen Liedersammlung "Kirchenlied" das Lied überarbeitet und wieder populär macht, bleibt es nur wenig beachtet. Positiv zu vermerken wäre, daß "Ave Maria zart" danach in den Diözesangesangbüchern und bis heute im Stammteil des Gotteslobs zu finden ist, negativ, daß am Ende der "Überarbeitung" kaum noch ein Stein auf dem anderen blieb.

Das ist weniger auf Thurmair zurückzuführen, der offenbar vor allem die Reime versäubern wollte, als vielmehr auf die Abrißbirnen der GL75-Redaktion.

Thurmair ersetzt im ersten Vers "Dornen" durch "Schaden", so daß nun der Reim reimt, aber leider der Sinn verloren geht, denn Braun hatte doch den "hortus conclusus" des Hohen Liedes vor Augen. "Sicut lilium inter spinas", wie die Lilie unter den Dornen.

Auch der zweite Vers hat gelitten, in den Gotteslöbern lesen wir:

Du hast des Höchsten Sohn, Maria rein und schön / in deinem keuschen Schoß getragen / den Heiland Jesu Christ / der unser Retter ist / aus aller Sünd und allem Schaden.

Wieder wird der Verweis auf das Hohe Lied unterschlagen. "Meine Schwester, liebe Braut, du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born (Hld 4,12) - daher das Wort verschlossen in Brauns Text. Der "keusche" Schoß meint nun etwas anderes als die Gebetbuch-Verfasser denken. Keusch, mittelhochdeutsch kiusche, ist ein ethischer Begriff, der sich nur auf eine Person beziehen kann, zu denken ist an "sittsam". Der keusche Schoß ist daher, ethymologisch betrachtet, Non-Sens. Das "liebe Kind" wird uns ebenso vorenthalten wie die "Sünder blind", beides ließ Thurmair unangetastet, stattdessen begegnet uns nun der konventionelle Pleonasmus Heiland/Retter. Von innig zu billig, kein guter Tausch.

Ganz übel hat es die dritte Strophe erwischt:

Denn nach dem Sündenfall, wir warn verstoßen all, und sollten ewig sein verloren, / da hast du reine Magd / wie dir vorhergesagt/ uns Gottes Sohn zum Heil geboren.

 Der innere Frauenbeauftragte, der in jedem modernen Katholiken wohnt, wollte ja schon immer Eva aus der Schußlinie holen, auch dem "lieben Gott" darf man ja nichts Böses nachsagen. Aber nun tritt an Stelle der personalen Eva und des personalen Gottes der abstrakte "Sündenfall". In der Rhetorik nennt man das "Deagentivierung".  Bürokratendeutsch schreibt so, denn wovor der Bürokrat am meisten scheut, ist die Übernahme von Verantwortung. Und auch das noch: anstelle der Anspielung auf das Wort, das Fleisch geworden ist, lesen wir nun dröge Standard-Mariologie. 

Den vierten Vers hat Thurmair nicht angerührt, nicht so die Gotteslob-Redakteure, der ganze Vers fiel der "Delete"-Taste zum Opfer. Begründung? Im Redaktionsbericht zum Gotteslob I heißt es, die Streichung sei wegen "einiger veralteter Ausdrücke" erfolgt. Für "veraltet" hält die Redaktion offenbar die Ausdrücke "kostbares Blut" , "Satanas Mut" , "Höllen Pfort" und "Wunden rot".

Mit der Streichung verliert der nunmehr vierte Vers seinen Bezugspunkt. Das "Darum o Mutter mild" bezieht sich nun auf Jesu Geburt, und nicht mehr auf Jesu Passion. So war´s jedenfalls nicht gemeint.

In Wahrheit hat die Redaktion vor dem Zeitgeist eine bodentiefe Verbeugung geleistet. Denn nur vier Jahr zuvor hatte ein Lied die Charts gestürmt, das sich bei Lichte betrachtet, als lupenreine neokommunistische Hymne entpuppt, John Lennons "Imagine"

  1. Imagine there´s no heaven/ It´s easy if you try, No hell below us, Above us only sky
  2. Imagine there´s no countries, It isn´t hard to do, Nothing to kill or die for, And no religion too
  3. Imagine no possessions, I wonder if you can, No need for greed or hunger, A brotherhood of men
Ein "Friedenslied" das die meisten Spät-Hippies - zu denen so mancher unbedarfte Katholik zählt - noch immer in hymnischen Tönen preisen. Aber teilt John Lennon seine Idee von einer Welt ohne Religion, ohne Vaterländer und ohne Privateigentum nicht mit Karl Marx, Friedrich Engels, Josef Stalin, Pol Pot und Kim Il Sung?


Mittwoch, 17. August 2022

Der Tag der ist so freudenreich

Aus der Medinger Handschrift

Wie man ein Kirchenlied "um die Ecke bringt" habe ich ja schon mehrfach beschrieben. Eine lebendige und einprägsame, aber vielleicht nicht ganz einfache Melodie wird mit dem Argument der "Singbarkeit" durch kompositorische Dutzendware ersetzt. Vorgeblich "altertümliche" Wörter werden neugermanisch umformuliert, vermeintlich unverständliche Texte in "einfache Sprache" übersetzt, dramatische Begriffe abgeflacht, Worte wie "Hölle", "Jammertal", "Satan" werden ausgemerzt, 

Das Kirchenlied stirbt nach dieser Behandlung häufig einen stillen Tod. Bei der "Erledigung" des uralten Liedes "der Tag der ist so freudenreich" ist so vorgegangen worden. Sehr schade, denn dieses Lied könnte als Beweis dafür dienen, daß einst der Vorrat an gemeinsamen Überzeugungen der Konfessionen größer war als heute, und daß es keiner "Arbeitsgemeinschaft ökumenisches Liedgut" bedurfte, um einen Schatz von Liedern zu schaffen, den Evangelische wie Katholische singen konnten, ohne daß sich jemand darum scherte, ob das Lied nun von einem Katholiken oder einem Protestanten verfasst war. 

Bei der deutschen Version des Liedes handelt es sich um die (sehr freie) Kontrafaktur eines älteren lateinischen Hymnus, der vermutlich schon aus dem 14. Jahrhundert stammt: "Dies est laetitiae". Die Melodie ist identisch, wobei die deutsche Melodie im Lauf der Zeit noch ein wenig aufgehübscht wird, der Text hat nur wenige Ähnlichkeiten.

  1. Dies est laetitiae / in ortu regali, / nam processit hodie / De ventre virginali / puer admirabilis, / totus delectabilis / in humanitate, / qui inaestimabilis / est et ineffabilis / in divinitate.
wörtlich übersetzt:
  1. Es ist ein Tag der Freude / über eine königliche Geburt, / denn heute ging hervor / aus jungfräulichem Schoß / der bewundernswerte Knabe, / ganz köstlich / in [seiner] Menschheit, / der unschätzbar / ist und unbeschreiblich / in [seiner] Gottheit.
Im Gegensatz zur englischen Sprache, findet sich für dieses Lied keine echte Kontrafaktur. Bei Bartolomeus Gesius (1601) und Beuttner (1602) läßt sich eine Version finden, bei David Gregor Corner (1625) findet sich eine Fassung, die lange Zeit unangetastet bleibt:
  1. Der Tag der ist so freudenreich / aller Creaturen : Dann Gottes Sohn vom Himmelreich / über die Naturen / Von einer Jungfrau ist geborn / Maria du bist auserkorn / daß du Mutter werdest / was geschah so wunderlich / Gottes Sohn vom Himmelreich / der ist Mensch geboren.
  2. Ein Kindelein so löbelich / ist uns geboren heute / von einer Jungfrau säuberlich / zu Trost uns armen Leuten / wär uns das Kindlein nicht geborn / so wärn wir allzumal verlorn / das Heil ist unser aller / ei du süßer Jesu Christ / weil du Mensch geworden bist / behüt uns vor der Höllen.
  3. Als die Sonn durchscheint das Glas / mit ihrem hellen Scheine : und doch nicht versehret das / so merket allgemeine / In gleicher Weis geboren ward / von einer Jungfrau rein und zart / Gottes Sohn der werte /  in ein Kripp wird er gelegt / große Marter für uns trägt / allhie auf dieser Erden
  4. Die Hirten auf dem Felde warn / erfuhren neue Märe : von den engelischen Scharn / wie Christ geboren wäre / ein König über alle König groß / die Red Herodem sehr verdroß / aussandt er seine Boten / Ei wie gar ein falsche List / erdacht er wider Jesum Christ / die Kindlein ließ er töten.
Der zweite Vers läßt sich nicht als Übersetzung der lateinischen Version einordnen , er ist offenbar unabhängig entstanden. Corner druckt das Lied zusammen mit einer vollen Version des dies est laetitiae ab, die Melodie ist identisch, der Text eben nur "angelehnt"

Wer der Verfasser dieser Versionist, ist unbekannt. Luther war das Lied jedenfalls bekannt, er hat es mehrfach erwähnt, aber als Verfasser scheidet er aus. In der weiteren Entwicklungsgeschichte bleiben nun nur die ersten beiden Verse konstant, ab der dritten Strophe wechseln die Texte, mal werden sie wieder aus dem lateinischen Text übernommen, mal frei hinzugedichtet. Doch der Text inklusive der Strophe 3 war ursprünglich sowohl in lutherischen wie auch katholischen Gesangbüchern zu finden. Luther teilte das Mariendogma wonach Maria ante partum, peri partum et post partum Jungfrau blieb. In vielen älteren lutheranischen Gesangbücher wird er sogar als Autor bezeichnet.

Die lateinische Version des Liedes hat Luther offenbar sehr geschätzt, er bezeichnet sie als vom Heiligen Geist inspiriert. Viele lutherische Gesangbücher (zumindest die deutsch-amerikanischen) drucken  bis zum Ende des 19. Jahrhunderts das Lied in der von Corner wiedergegebenen Version ab. Als Autor wird vorwiegend Luther selbst angegeben. Das Lied bleibt bei beiden Konfessionen mehr als 300 Jahr sehr stabil.

In meinem geliebten Konfirmandengesangbuch  (Erstauflage1951) findet sich das Lied nun nur noch mit den ersten beiden Strophen, die 3. und vierte Strophe fehlt,  Heute ist das Lied, das noch Bach und Praetorius zu Kompositionen inspiriert hat, weder in den katholischen noch in den evangelischen Gesangbüchern zu finden.

In den Diözesangesangbüchern findet sich das Lied schon nicht mehr durchgehend. Das Münsteraner Gesangbuch gibt die Strophen 1. - 3. wieder, in anderen Gesangbüchern fehlt es, oder es wird nur in einer stark umgetexteten Version wiedergegeben. Die Diözese von Speyer schießt da wirklich den Vogel ab, sie betätigt sich in jeder nur erdenklichen Weise an der Kirchenlied-Ermordung. Die Melodie wird "vereinfacht" und der 3. Vers hat folgenden führwahr schröcklichen Text (die anderen sind keineswegs besser) :
Wie sang die frohe Engelschar / in jener heiligen Stunde / die Luft war wie die Sonne klar / Und hallte von der Kunde / Heut ist der Erde Heil geschehn / Des freuen sich die Himmelshöhn / Und öffnen ihre Pforten / Dem Herrn sei Preis in Ewigkeit / Den Menschen Fried und Einigkeit / Und Segen allerorten
Dutzendware aus der Textbausteinkiste so weit das Auge blicket, aber irgendwie hatte der Autor in Erinnerung, daß es um "Sonne" und "klar" ging, warum aber nun die Luft, und nicht das Glas klar ist, ist ein Geheimnis, daß er wohl mit in sein Grab genommen hat. Das Buch nennt keinen Autor, denn sonst hätte ganz bestimmt die Schutzheilige der Musiker einen Würgeengel geschickt.

Zur Motivlage spreche ich mal eine Vermutung aus: man badet gerne lau.

Was die schon frühe Tilgung der dritten Strophe angeht, ist der Grund nicht schwer zu finden: das Dogma der "immerwährenden" Jungfräulichkeit der Gottesmutter, also auch nach der Geburt, ist den modernen Christen, vorsichtig gesagt, fremd.

In das Gotteslob ist das Lied ebensowenig aufgenommen worden, wie in das gemeinsame evangelisch Gesangbuch.

Zur Ehrenrettung des Gotteslobs 1975 muß man allerdings sagen, daß Marie-Luise Thurmair sich  stattdessen an einer direkten Übersetzung des lateinischen Urtextes versucht hat. Dort lautete der dritte Vers wie folgt:
Wie die Sonn das Glas durchdringt, / ohne es zu trüben / so ist, die den Herrn uns bringt / allzeit Jungfrau blieben / O Maria rein und groß / selig bist du, deren Schoß / Gottes Sohn getragen / selig Mutter Gottes wert / die den Herrn der Welt genährt / in den Erdentagen
Durchgesetzt hat sich das Lied nicht, 2013 verschwand es wieder aus dem Stammteil.

Warum nimmt man nicht - wie schon David Gregor Corner - den nur "verwandten" deutschen Text und den lateinischen auf? 
Ut vitrum non læditur, sole penetrante / Sic illæsa creditur, post partum et ante; / Felix hæc puerpera cujus casta viscera / Deum genuerunt, / Et beata ubera in ætate tenera / Christum lactaverunt.

Wörtlich übersetzt ist das allerdings schon ein bißchen erdennäher, als der schüchterne Text Marie-Luises:

Wie die Sonn das Glas durchdringt, ohn es zu zerbrechen / So glauben wir daß sie unverletzt blieb vor und nach der Geburt / Glücklich die Wöchnerin, deren jungfräuliche Eingeweide / Gott gebaren / und deren heilige Brüste, die in Ewigkeit jung bleiben / Christum Milch gaben.
Musiker und "Kulturschaffende" mögen das Lied, die FAZ hat es in ihre Sammlung aufgenommen, wenn man genau hinhört, hört man ihm gesungenen Text die "unerhörte" Strophe 3.