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Sonntag, 6. November 2022

In dieser Nacht

 

Manchmal lobe ich mir doch die Evangelen: "Das Wort sie sollen lassen stahn", das führt dazu, daß alte Kirchenlieder eben so bleiben, wie sie ursprünglich verfasst worden sind, während in katholischen Gesangbüchern häufig kein Stein auf dem anderen bleibt. Selbst dieses, doch sehr einfache und kindliche Abendgebet wurde umgeschrieben, wahrscheinlich mit dem Argument, es müsse "dem heutigen Sprachgebrauch" angepasst werden. Sinnentstellend sind diese Änderungen nicht, aber daß man im dritten Vers die "gnäd´ge" Frau Maria durch die "große Frau" ersetzt hat, bringt mich ins Grübeln. Wollte man die Verwechslung mit der Anrede "gnädige Frau" vermeiden (die heute als so was von old school gilt)? Oder ist Maria nun nur noch groß, aber nicht mehr gnädig?

Der neue Text taucht erst in den Nachkriegs-Gesangbüchern auf. Hier das Original:

  1. In dieser Nacht / sei du mein Schirm und Wacht / O Gott durch deine Macht / Wollst mich bewahren / Vor Sünd und Leid / Vor Satans List und Neid / Hilf mir im letzten Streit / In Todsgefahren
  2. O Jesu mein / Die heil´gen Wunden dein / Soll´n meine Ruhstatt sein / Das Bett der Seelen / In dieser Ruh / Schließ mir die Augen zu / Mein´n Leib und alles tu / Ich dir befehlen.
  3. O gnäd´ge Frau / Maria auf mich schau! / Mein Herz dir anvertrau´ / In meinem Schlafen / Auch schütze mich / Sankt Joseph väterlich; / Schutzengel streit für mich / mit deinen Waffen.

Verfasser des Liedes ist Joseph Mohr. Die Melodie ist älter

Samstag, 29. Oktober 2022

Müde bin ich, geh zur Ruh

Snowwhite praying
 

Es ist wohl das populärste Abendlied Deutschlands. Im Gotteslob findet es sich allerdings nicht, in den Diözesangesangbüchern war es noch abgedruckt, nicht ganz im Original, aber doch ganz vorne bei den Abendgebeten für Kinder.

Und weil es so populär ist, ist es auch immer wieder umgedichtet und parodiert worden, zum Beispiel so:

Müde bin ich, geh zur Ruh´/ decke mich mit Kuhdreck zu / kommt der böse Feind herein / greift er in den Kuhdreck rein

Das Original geht so

  1. Müde bin ich, geh zur Ruh / schließe beyde Äuglein zu : Vater laß die Augen deyn / über meinem Bette sein
  2. Hab ich Unrecht heut getan / sieh es, lieber Gott, nicht an! / Deine Gnad und Jesu Blut, Macht ja allen Schaden gut.
  3. Alle, die mir sind verwandt. / Gott, laß ruhn in deiner Hand. / Alle Menschen,  groß und klein, / sollen dir befohlen sein.
  4. Kranken Herzen sende Ruh, / Nasse Augen schließe zu; / Laß den Mond am Himmel stehn, / Und die stille Welt besehn.

Im Allgemeinen sieht man das Lied - oder das Gebet - als Kinderlied an, auch wegen der "Äuglein". Daß Luise Hensel, die das Lied im Alter von 18 Jahren gedichtet hat, es so sah, ist nicht plausibel. Jedenfalls ist es wohl gelungen und es ist zu Recht mit der Aufnahme in das "Geistliche Wunderhorn" als "Großes deutsches Kirchenlied" geadelt worden.

Es findet sich allerdings nur selten unumgedichtet in den Sammlungen. Meist traf es die "Äuglein", die man als zu kindlich ansah, in fast allen Fällen gefielen die zwei letzten Zeilen nicht. Man hat sie wohl als zu "ungeistlich" angesehen. 

Nun ist aber der Mond in vielen geistlichen Abendlieder das Nachtlicht Gottes ("Der Mond ist aufgegangen"), das er an den Himmel gehängt hat, um über uns zu wachen und unseren Schlaf zu bescheinen. Die Augen Gottes aus dem ersten Vers haben ihre Entsprechung im Mond, der über uns wacht. Also paßt es, warum es ändern?

Die am häufigsten gesungene Melodie