Mittwoch, 21. September 2022

Adeste fideles

 

Bonnie Prince Charlie

Wo ist die AöL (Arbeitsgemeinschaft ökumenisches Liedgut), wenn man sie mal braucht? Daß dieses Lied in zwei Versionen, einer evangelischen und einer katholischen exisitiert, hat sie jedenfalls nicht verhindert.

Das "Adeste fideles" findet sich vielmehr in einer jeweils anderen Übersetzung beruhend auf einem jeweils anderen lateinischen Urtext sowohl im EG wie auch dem Gotteslob.  Die Fassung im EG beruht auf der älteren lateinischen Version, die auf John Francis Wade zurückgeht, die Fassung des Gotteslobs auf der jüngeren lateinischen Version, die mit Jean François Borderies in Verbindung gebracht wird. Beide Autoren nehmen nicht für sich in Anspruch, die jeweilige Fassung auch gedichtet und komponiert zu haben, aber sie haben sie jeweils veröffentlicht und für ihre Verbreitung gesorgt. Unbekannt ist ebenso der Komponist der Melodie.

Beide Autoren der lateinischen Fassung teilen ein Migrantenschicksal. Wade mußte nach der Niederschlagung des Jacobiten-Aufstands 1746, in dessen Folge es zur Verfolgung englischer Katholiken kam, nach Frankreich fliehen. Wade war also ein Anhänger des Anwärters auf den englischen Thron aus dem Haus Stuart, offiziell "Charles III", inoffiziell "Bonnie Prince Charlie". Daß nun ausgerechnet ein Lied, das auf einen jacobitischen Flüchtling zurückgeht, in der englischen Übersetzung "O come alle ye fathful", zu einem der populärsten Weihnachtslieder im englischen Sprachraum geworden ist,  ist  doch ein Beweis, das das Katholische sich stets durchsetzt, nicht?

Abbé Bordieres flüchtete nach der französischen Revolution 1789 nach England, und kehrte erst nach der Beendigung des Terreur und der Hinrichtung Robespierres 1795 nach Frankreich zurück.

Wades Fassung des Hymnus ist spätestens für 1751 bezeugt, die Fassung von Bordieres für 1822, Wades Fassung ist also die ältere. Der protestantische Pfarrer (und Universalgelehrte) Ranke hat 1823 die Wade-Version ins Deutsche übersetzt, seine Fassung findet sich im EG. Joseph Mohr übersetzte die Bordieres-Fassung 1873. Beide Übersetzungen sind gut gelungen, daß wir nun zwei Hymnen mit der selben "Wurzel" haben, statt nur einer, darüber muß sich also keiner grämen.

Die katholischen Gesangbücher, die die jüngere, "französiche" Fassung aufnehmen, haben sich inhaltlich für die eindeutig bessere Version entschieden. Beide lateinischen Hymnen teilen den selben Anfangsvers, die weiteren Verse von Wade beschränken sich jedoch auf Glaubenssätze, ein roter Faden ist nicht erkennbar.  Bordieres hingegen entfaltet das Thema des ersten Verses mit der Verehrung des Kindes durch die Hirten, die zum Stall eilen. und ihre Herden verlassen.  Das Lied fordert die "Gläubigen Seelen" auf, es den Hirten gleichzutun, verkündet, was sie erwartet, und fordert sie auf, das Kind zu umarmen ("piis foveamus amplexibus") und liebend zu verehren.

In den katholischen Gesangbüchern nach dem Krieg findet sich die Version von Mohr, allerdings keineswegs in allen Diözesangesangbücher. Die Redakteure des Gotteslobs 1975 nehmen das Lied in den Hauptteil auf, waren offenbar der Meinung, man müsse Joseph Mohrs Übersetzung "verbessern". So lautete der Titel nun aus unerfindlichen Gründen "Nun freut euch ihr Christen", statt "Auf! Gläubige Seelen!". Wie es scheint, war "Seele" und "gläubig" anno 1975 gerade nicht angesagt. Schlimmer noch:  die vierte Strophe der Bordieres/Mohr-Version ersetzt das GL 75 durch die dritte von Wade/Ranke, statt mit der Krippen-Strophe endet das Lied mit einer Gloria-Strophe. Abrißunternehmen Gotteslob (Ansgar Franz in "Geistliches Wunderhorn"). Ansgar Franz Kritik hat immerhin ein bißchen gefruchtet: das GL2013 kehrt zur Version von Mohr so in etwa zurück, die sinnentstellenden Umdichtungen bleiben aber erhalten. Leider findet sich bis heute in keinem Gesangbuch die lateinische Version, die trotz des redlichen Bemühens von Joseph Mohr doch noch ein bißchen besser ist als die beste Übersetzung. Dafür ist Mohrs Version die einzige mit Reim.

Die lateinische Version in der "französischen" Tradition:

  1. Adeste fideles / laeti triumphantes, / venite, venite / in Bethlehem. / Natum videte / Regem angelorum. / Venite adoremus / Dominum.
  2. En grege relicto / humiles ad cunas / vocati pastores / approperant: / Et nos ovanti gradu / festinemus. / Venite ... .
  3. Aeterni parentis / splendorem aeternum /  velatum sub carne / videbimus, / Deum infantem / pannis involutum. / Venite ...
  4. Pro nobis egenum / et foeno cubantem / piis foveamus / amplexibus. / Sic nos amantem / quis non redamaret? / Venite ... .

Joseph Mohrs Übersetzung:

  1. Auf gläubige Seelen /  singet Jubellieder  / Und kommet / kommt alle nach Betlehem / Christus der Heiland / stieg zu uns hernieder / Kommt lasset uns anbeten / unseren Herrn
  2. Die Hirten verlassen / eilends ihre Herden / und suchen das Kind / nach des Engels Wort / Gehn wir mit ihnen / Friede soll uns werden / Kommt ... 
  3. Der Abglanz des Vaters  / Herr der Herren alle / ist heute erschienen  / in unserem Fleisch / Gott der in Windeln liegt im kalten Stalle / Kommt ... .
  4. Seht wie er in Armut / liegt auf Stroh gebettet / O schenken wir / Liebe für Liebe ihm / Christus das Kindlein / das uns all errettet / Kommt ... .

Melodie

Montag, 19. September 2022

Es ist ein Ros entsprungen

 

Maria im Garten 15. Jhdt.

In 400 Jahren haben es Katholiken und Protestanten nicht geschafft, sich auf eine einheitliche Version dieses Liedes zu einigen, eines der meist gesungenen und gespielten Weihnachtslieder überhaupt. 

Die Bifurkation - hie gut katholisch - dorten gut evangelisch - setzte bereits 1609 ein, kurze Zeit, nachdem das Lied erstmals 1599 in einem katholischen Gesangbuch abgedruckt wurde. Das Lied ist älter, das älteste Textzeugnis datiert von 1587, es dürfte damals schon viele Jahre mündlich überliefert worden sein. Die ersten beiden Strophen, die wir bis heute singen - wie gesagt, je nachdem auf welcher Seite des Konfessionsgraben wir stehen - haben folgenden Wortlaut:

  1. Es ist ein Ros entsprungen / aus einer Wurzel zart / als uns die Alten sungen / aus Jesse kam die Art / und hat ein Blümlein bracht / mitten im kalten Winter / wohl zu der halben Nacht 
  2. Das Röslein das ich meine / davon Jesaja sagt / ist Maria die reine / die uns das Blümlein bracht / aus Gottes ewgem Rat / hat sie ein Kindlein gboren / und blieb ein reine Magd.

 In der ersten gedruckten Version von 1599 folgen 21 weitere Verse, die man als Erzähllied einstufen kann.

Es handelt sich um ein Rätsellied. Wer ist das "Ros", wer ist die Wurzel und wer das Blümlein? Der erste Vers enthält schon ein paar Hinweise, mit denen ein bibelfester Codeknacker in Windeseile das Rätsel lösen könnte, vor allem wenn er die Vulgata kennt.

"Egredietur virga de radice Jesse / et flos de radice eius ascendet" (Jesaja 11,1) "Es wird hervorgehen ein Reis aus der Wurzel Jesse / und eine Blume wird aus ihrer Wurzel aufgehen". Schon die Kirchenväter haben die "virgo" mit der "virga" in Verbindung gesetzt, die Virgo, die aus der Wurzel Jesse stammt, bringt das Blümlein hervor. Rätsel gelöst, der zweite Vers bringt die Lösung noch einmal für die weniger Bibelfesten, das Reis ist Maria, das Blümlein ist das Kindlein und Maria blieb ante partum, peri partum und post partum Jungfrau. 

Des Rätsels Lösung gefiel schon 1609 dem protestantischen Komponisten Praetorius nicht, und so lautet bei Praetorius der zweite Vers:

Das Röslein das ich meine / davon Jesajas sagt / hat uns gebracht alleine / Mary die reine Magd / aus Gottes ewgem Rat / hat sie ein Kind geboren / ...

Bei der letzten Zeile hat den Hofkapellmeister und geheimen Kammersekretär Praetorius die Dichtkunst gleich ganz verlassen, es waren andere, die dann die letzte Zeile mit "wohl zu der halben Nacht" oder anderswie beendeten. Nun blieb das Rätsel ungelöst, denn daß das Röslein jetzt gleich dem Blümelein sein soll und daß das Röslein aber trotzdem ein Blümelein hervorbringt, das kann man ja gar nicht glauben. Dichtkunst und Logik leiden, aber Praetorius Komposition war sehr erfolgreich und gehört zum klassischen Repertoire jedes Chors.

Woher die Melodie stammt ist unbekannt, schön ist sie jedenfalls und sie hat uns das Lied gerettet bis heute.

Das Lied verschwand wie viele andere im Zeitalter der "Aufklärung", das ja schon qua Programm keine Rätsel mag, im Dunkel der Archive. Aus diesem Dunkel befreit hat sie unter anderen ein protestantischer Pastor, der Pfarrer Layriz. Layriz hat wohl zunächst nur die beiden ersten Verse vorgefunden. Er fand es offenbar schade, daß das schöne Lied nach nur zwei Strophen endet und hat gleich drei weitere Strophen dazu gedichtet, eine davon ist wiederum "kanonisch" geworden, eine zweite kann man schon singen, wenn man unbedingt noch eine Strophe dranhängen will. Chordirigenten machen das gerne, sie sehen das genauso wie Pfarrer Layriz. Die Strophe gebe ich in der aktuellen, leicht verbesserten (Blümlein statt Röslein) Version wieder, denn der Herr Pastor ist Praetorius unlogischer Neudichtung gefolgt.

Das Blümelein so kleine das duftet uns so süß / mit seinem hellen Scheine vertreibts die Finsternis /  Wahr Mensch und wahrer Gott / hilft uns aus allem Leide / rettet von Sünd und Tod
O Jesu bis zum Scheiden / aus diesem Jammertal / laß dein Hilf uns geleiten / hin in den Freudensaal / In deines Vaters Reich / da wir dich ewig loben / O Gott uns das verleih

 Das Lied wird auch in die Diözesan-Gesangbücher übernommen, allerdings in der Vorkriegsversion ergänzt durch meist zwei "Erzählstrophen" aus der Urfassung von 1599, die poetisch mit den ersten beiden Strophen nicht mithalten können und so wirken, wie sie schon vor vierhundert Jahren gewirkt haben, nämlich lieblos drangeklebt.

Das "Kirchenlied" (von Georg Thurmair et. al.) nimmt stattdessen die beiden Ur-Strophen, fügt als dritte Layriz duftendes Blümlein dazu und prägt damit die Diözesan-Gesangbücher nach 1945. 

Das Gotteslob 1975 "erfreut" uns mit einer "ökumenischen" Version, die den zweiten Vers im Sinne von Praetorius "christologisch" umdichtet. Praetorius "Röslein"-Fehler wird beseitigt, so daß uns Maria nunmehr das "Blümlein" bringt , Maria bleibt konsequenterweise keine reine Magd, stattdessen macht uns nun das Blümlein selig. Die Bifurkation ist beseitigt - zu lasten der katholischen Tradition.

Wirklich glücklich ist damit nun keiner geworden, so daß das GL2013 wieder zur Urfassung von 1587 zurückkehrt, ergänzt um einen Layriz-Vers, den mit dem duftenden Blümlein/Röslein. Dafür muß nun das ach so schwer erarbeitete "ö" in Klammer gesetzt werden, im EKG bleibt es ungeklammert erhalten. (Es erhob sich übrigens darob großes Wehklagen unter den Ö-Katholen zwegens des Verrats an der ökumenischen "Idee"). Der erste Layriz-Vers bleibt erhalten. 

Ich bekenne: Layriz "duftendes Blümlein" finde ich gut, der Vers darf bleiben. Aber mit den ersten beiden Versen allein kann man auch gut leben, natürlich nur mit den echt ehrlich wirklich wahren Ur-Versen (in meiner Gemeinde werden sowieso meist nur zwei Verse gesungen). Eine Fassung aus dem Urtext und einem Teil der Layriz-Nachdichtung könnte so aussehen:

  1. Es ist ein Ros entsprungen / aus einer Wurzel zart / als uns die Alten sungen / aus Jesse kam die Art / und hat ein Blümlein bracht / mitten im kalten Winter / wohl zu der halben Nacht 
  2. Das Röslein das ich meine / davon Jesaja sagt / ist Maria die reine / die uns das Blümlein bracht / aus Gottes ewgem Rat / hat sie ein Kindlein gboren / und blieb ein reine Magd.
  3. Das Blümelein so kleine / das duftet uns so süß / mit seinem hellen Scheine / vertreibts die Finsternis /  Wahr Mensch und wahrer Gott / hilft uns aus allem Leide / rettet von Sünd und Tod
  4. O Jesu bis zum Scheiden / aus diesem Jammertal / laß dein Hilf uns geleiten / hin in den Freudensaal / In deines Vaters Reich / da wir dich ewig loben / O Gott uns das verleih

Melodie

Mittwoch, 14. September 2022

In dulci Jubilo

In dulci jubilo, älteste bekannte Fassung Ende 14. Jhdt.

Angeblich soll Heinrich Seuse (* 1295 +1366) , der seliggesprochene Gelehrte und Mystiker, persönlich das Lied gedichtet haben. Konkrete Nachweise dafür gibt es nicht, bekannt ist aber, daß Seuse die Melodie des Liedes kannte. Das Lied war daher wohl schon spätestens Mitte des 14. Jahrhunderts bekannt. Die frühesten Zeugnisse sind zwei Handschriften von Ende des 14. Jahrhundert und Anfang des 15. Jahrhunderts. Das Lied besteht in der ältesten überlieferten Fassung aus vier Strophen zu je zehn Zeilen, es wird noch eine acht-zeilige Version gegeben haben, über die nicht viel bekannt ist. Hier die Version, die um 1440 in der Kartause zu Köln entstanden ist:

  1. In dulci jubilo / singet und weset froh / all unsres Herzen Wonne / liegt in praesepio / hie leucht recht als die Sonne / matris in gremio / ergo merito / ergo merito / des sollen alle Herzen / schweben in gaudio
  2. O Jesu parvule / nach dir ist mir so weh / tröst du mein Gemüte / tu puer inclite / hilf uns durch deine Güte / tu puer optime / trahe me post te / trahe me post te / in deinesVaters Reich / tu princeps gloriae
  3. Ubi sunt gaudia / nirgend dann allda / da hört man Saiten klingen / in regis curia / da hört man Engel singen / nova cantica / eya qualia  eya qualia / O Mutter aller Güten  bring uns ad talia
  4. Maria nostra spes / Jungfrau helf uns des / daß wir so selig werden / als dein progenies / vergib uns unsre Sünden / viel mehr denn septies / Vitam nobis des / vitam nobis des / daß uns zuteile werde / aeterna requies
Diese Fassung hat vier Strophen zu je zehn Zeilen, durchgesetzt hat sich schließlich eine kürzere Fassung mit acht Zeilen. Die heute bekannteste Fassung der ersten drei Strophen findet sich in Michael Vehes "New Gesangbüchlin" von 1567:
  1. In dulci jubilo  nun singet und seid froh / unsers Herzens Wonne liegt in praesepio / und leuchtet wie die Sonne matris in gremio / Alpha es et O, Alpha es et O
  2. O Jesu parvule, nach dir ist mir so weh / Tröst mir mein Gemüte, o puer optime / durch alle deine Güte, o princeps gloriae. / Trahe me post te , trahe me post te
  3. Ubi sunt gaudia? Nirgends mehr denn da, / wo die Engel singen nova cantica / und die Zimbeln klingen in regis curia / eja qualia, eja qualia !
Es blieb nun nicht bei diesen drei, denn ursprünglich hatte das Lied ja 4 Strophen, und der letzte Satz der zehnzeiligen Variante lautet schließlich "O Mutter aller Güten, bring uns ad talia". Es mußte also Ersatz her, und der lautete dann:
Mater et filia ist Jungfrau Maria / wir wären gar verloren per nostra crimina / so hast du uns erworben coelorum gaudia / Maria hilf uns dar! Maria hilf uns dar!

 Für die protestantische Seele war nun der Marienvers nicht tragbar, so daß man sich einen protestantisch-theologisch korrekteren ausdachte:

O patris charitas o Nati lenitas / wir wären all verloren per nostra crimina / so hast du uns erworben coelorum gaudia / Eya wer wir da  Eya wer wir da

So das Bapstsche Gesangbuch von 1545. Aber der marianische Vers ist ja auch nicht ganz falsch, und das "Eja wern wir da" paßt nicht zum Schlußvers, sondern zum dritten Vers, der den Himmel beschreibt. Die schlüssigste Version macht das so, sie findet sich, gewissermaßen als katholisch-protestantisches Mischlied bei Ingeborg Weber-Kellermanns "Buch der Weihnachtslieder". Auch wenn damit ein Formprinzip aufgegeben wird, nämlich die durchgehende Zweisprachigkeit so macht die Abfolge der Himmels- und Marienstrophe Sinn.

  1. In dulci jubilo  nun singet und seid froh / unsers Herzens Wonne liegt in praesepio / und leuchtet wie die Sonne matris in gremio / Alpha es et O, Alpha es et O
  2. O Jesu parvule, nach dir ist mir so weh / Tröst mir mein Gemüte, o puer optime / durch alle deine Güte, o princeps gloriae. / Trahe me post te , trahe me post te
  3. Ubi sunt gaudia? Nirgends mehr denn da, / wo die Engel singen nova cantica / und die Zimbeln klingen in regis curia / eja wärn wir da! eja wärn wir da !
  4. Mater et filia ist Jungfrau Maria / wir wären gar verloren per nostra crimina / so hast du uns erworben coelorum gaudia / Maria hilf uns da! Maria hilf uns da!
Zur Rezeptionsgeschichte ist zu sagen, daß das Lied in den meisten Gesangbücher des 16. und 17. Jahrhunderts in der einen - protestantischen - oder anderen - katholischen - Version auftaucht. Corner, der ja einen konfessionsverbindenden Ansatz hat, verbindet beide Schlußverse mit der Folge, daß zwei nahezu gleichklingende Verse aufeinander folgen.  Das "Rheinfelsische" verzichtet auf eine Marienanrufung und setzt stattdessen den Bapstschen Vers auf den dritten Platz - das RGB versteht sich als ökumenisches Gesangbuch.

Das Lied überlebt die Aufklärung nicht, jedenfalls nicht in der zweisprachigen Version, erst im 20. Jahrhundert wird es wiederentdeckt, es findet sich erstmals in der dreistrophigen Version von Vehe im "Singeschiff" und dann in allen folgenden Diözesangesangbüchern. Das Gotteslob und das Schweizer Gesangbuch und leider auch das "Laudate Patrem" wählen die protestantisierende Version des RGB und dürfen sich als Trostpflaster mit dem Label ö+ schmücken. 

Besser wirds dadurch nicht, katholischer auch nicht, und die Evangolen sind sowieso bei ihrer teutschen Version geblieben, die auch ganz nett klingt, aber doch weniger OUMPF!!! hat als die zweisprachige Version.

Dienstag, 13. September 2022

Puer natus in Betlehem

Giotto Krippenszene

Noch eine Vermißtenmeldung. Noch ein Lied, das in Richtung der Konzertsäle entschwunden ist. Die älteste lateinische Fassung desymnus "puer natus in Betlehem", verbunden mit einer lebendigen gregorianischen Melodie, stammt von Anfang des 14. Jahrhunderts, die älteste deutsche Übersetzung stammt von Heinrich Laufenberg aus dem Jahre 1439. Sie hat mal sechs, mal bis zu fünzehnVerse.

Die bekannteste deutsche Text-Version ist im (lutheranischen) Bapstschen Gesangbuch von 1545 abgedruckt,  die volkstümliche Melodie, die auch hier nicht auf der gregorianischen beruht, findet sich erstmals bei Lucas Lossius 1553. Interessant ist bei diesem Lied, das in der Regel sowohl die lateinische Version als auch die deutsche (auch die dänische und die schwedische) Version zusammen abgedruckt wird, also wohl im Wechselgesang (Schola: latein, Gemeinde: Volkssprache) gesungen wurde.

Seit dem 16. Jahrhundert gehört das Lied zum Standardrepertoire aller katholischen (Beuttner, Corner, Rheinfelsisches Gesangbuch,Leisentrit) wie auch evangelischen Gesangbücher. Joseph Mohr hat das Lied nicht radikal, aber doch ziemlich deutlich umgedichtet und umkomponiert, und auch in den Diözesangesangbücher bleibt das Lied nicht vom typisch katholischen UDF, dem UmDichtFimmel verschont, meist in Richtung Wassersuppe. Das Lied findet sich noch im Stammteil des Gotteslobs 1975, und wird dann mit dem Gotteslob 2013 endgültig in die Diözesananhänge verdrängt.

Das schweizerische katholische Gesangbuch hat es noch im Stammteil. Die 10 populärsten Strophen haben folgenden Text in Latein:

  1. puer natus in Betlehem / alleluia / unde gaudet Jerusalem / alleluia, alleluia / in cordis jubilo / christum natum adoremus / cum novo cantico
  2. Hic iacet in praesepio / ... / qui regnat sine termino / ...
  3. Cognovit bos et asinus / ... / quod puer erat dominus / ...
  4. Reges de Saba veniunt / ...  / Aurum thus Myrrham offerunt / ...
  5. De Matre natus virgine / ... / Sine virili semine / ...
  6. Sine serpentis vulnere / ... / De nostro venit sanguine / ...
  7. In carne nobis similis / ... / Peccato sed dissimilis / ...
  8. Ut redderet nos homines / ...  / Deo et sibi similes / ...
  9. In hoc natali gaudio / ... / Benedicamus domino / ...
  10. Laudetur sancte trinitas / ... / Deo dicamus gratia / ...
Die entsprechenden deutschen Strophen:
  1. Ein Kind geborn zu Betlehem / Betlehem / des freuet sich Jerusalam / Hallelujah Hallelujah
  2. Hier liegt es in dem Krippelein / ... / ohn Ende ist die Herrschaft sein /...
  3. Das Öchslein und das Eselein / ... / erkannten Gott den Herren sein / ...
  4. Die König aus Saba kamen dar / ... / Gold Weihrauch Myrrhen bracht´n sie dar / ...
  5. Sein Mutter ist die reine Magd / ... / die ohn´ ein Mann geboren hat / ...
  6. Die Schlang ihn nicht vergiften konnt / ... / ist worden unser Blut ohn Sünd / ...
  7. Er ist gar uns gleich nach dem Fleisch / ... / der Sünd nach ist er uns nicht gleich / ...
  8. Damit er uns ihm machte gleich / ... / und wieder brächt zu Gottes Reich / ...
  9. Für solche gnadenreiche Zeit / ... /sei Gott gelobt in Ewigkeit / ...
  10. Lob sei der heilgen Dreieinigkeit / ... / von nun an bis in Ewigkeit / ...
Die gregorianische Melodie läßt sich auch mit dem deutschen Text singen,  die volkstümliche Melodie paßt auch zur lateinischen Fassung. Für den Gesang bieten sich daher viele Möglichkeiten. Man kann den lateinischen Text durch eine Schola singen lassen, anschließend den deutschen Text durch die Gemeinde, lateinisch-deutsch mit der gregorianischen Melodie oder der volkstümlichen. Bei Lucas Lossius sind zum Beispiel beide Texte mit der volkstümlichen Melodie unterlegt. Sie wurden offenbar im Wechselgesang gesungen.

Warum das Lied außer Mode kam? Ich vermute den morbus modernicus. Der lateinische Text geriet schon im 19. Jahrhundert in Vergessenheit, der  deutsche Text wurde so verwässert,und verkürzt bis die Langeweile das Lied umbrachte. In der letzten Gotteslob-Fassung fehlt die dritte Strophe mit Ochs und Esel, die fünfte mit der Reinen Magd,  die sechste mit der Schlange und die siebte, in der es um Fleisch und Sünde geht. Die 8. in der es um Gottes Reich geht, hat folgenden sturzbanalen Text: "Sie fielen nieder auf die Knie und sprachen Gott und Mensch ist hie". Der Griff in die Textbausteinkiste, nicht? Selbst die Heilige Dreieinigkeit (Vers 10) wird vermieden.

Hier kann man den gregorianischen Choral hören, und hier die deutsche

Sonntag, 11. September 2022

Nun komm der Heiden Heiland

Bischof von Mailand

339 in Augusta Treverorum  (Trier) geboren, seit 365 als Anwalt tätig, wurde Ambrosius 374 zum Bischof von Mailand gewählt, wo er 397 starb.  In die Geschichte ging er ein als einer der vier Kirchenväter aber vor allem als Verfasser der "ambrosianischen" Hymnen, die bis heute nach mehr als 1.600 Jahren noch immer in Gebrauch sind.

In meinem geliebten Konfirmandengesangbuch stand als erstes Lied diese Kontrafaktur seines Hymnus "Veni redemptor gentium":
  1. Nun komm der Heiden Heiland / der Jungfrauen Kind erkannt / daß sich wunder alle Welt, / Gott solch Geburt ihm bestellt.
  2. Nicht von Manns Blut noch von Fleisch / allein von dem Heil'gen Geist / ist Gotts Wort worden ein Mensch / und blüht ein Frucht Weibes Fleisch.
  3. Er ging aus der Kammer sein / Dem könglichen Saal so rein, / Gott von Art und Mensch, ein Held, / sein' Weg er zu laufen eilt.
  4. Sein Lauf kam vom Vater her / und kehrt wieder zum Vater, fuhr hinunter zu der Höll' / und wieder zu Gottes Stuhl
  5. Dein Krippen glänzt hell und klar, die Nacht gibt ein neu Licht dar, / Dunkel muss nicht kommen drein, / der Glaub bleibt immer im Schein.
  6. Lob sei Gott dem Vater g'tan; / Lob sei Gott sei'm ein'gen Sohn, /Lob sei Gott dem Heil'gen Geist / immer und in Ewigkeit.
Die Übersetzung geht auf Martin Luther zurück, womöglich auch die Melodie, die sich an die mittelalterliche gregorianische Melodie anlehnt, ihr aber nicht entspricht.

Luther hat, wie zu seiner Zeit bereits üblich, nicht die erste Strophe des ambrosianischen Hymnus übersetzt, sie war nicht mehr in Gebrauch, ursprünglich begann der Hymnus mit folgendem Vers.

Intende, qui regis Israel,
Super Cherubim qui sedes,
Appare Ephrem coram, excita
potentiam tuam et veni.
Und erst dann folgt

Veni, redemptor gentium;
Ostende partum virginis;
Miretur omne saeculum.
Talis decet partus Deo.

Ambrosius entfaltet in 8 Strophen zu je vier Zeilen mit je 8 Silben das Mysterium der Geburt des Gottessohnes. Nicht nur der Text, sondern auch seine Form hat Bedeutung, die Zahl 8 steht für den 8 Tag, den Tag, an dem Jesus Christus geboren ist, der achte Tag der Schöpfung.

Man hat sich häufig über die auffällige "Kunstlosigkeit" des lutherschen Textes ausgelassen, wo sich der Reim eher nur ausnahmsweise reimt, wo sich die eine oder andere Formulierung findet, die schon manchen ratlos zurückgelassen hat.  Lieselotte von der Pfalz, hat sich in einem Brief an das "wunderliche" Lied  erinnert, dessen Text sie schon als kleines Kind irritiert hat. Dafür gibt es eine Erklärung: Luther hat den Text so akribisch wie möglich übersetzt, auf den Reim oder auf die Umgangssprache kam es ihm dabei weniger an.

Letzteres war aber auch der Grund, warum der Luther-Text auch in katholische Gesangbücher aufgenommen wurde, von Beuttner über Corner bis zum "Rheinfelsischen Gesangbuch", wo er wiederum auf Platz 1 steht. Corner hat sich in einem ausführlichen Vorwort dazu bekannt, daß er in sein "Groß Catolisch Gesangbüch" auch evangelische Texte aufnimmt, sofern sie den authentischen katholischen Glauben wiedergeben. Bei der wortgetreuen Übersetzung des "Veni redemptor gentium" war das zweifellos der Fall.

Bei den Katholischen geriet der Luther-Hymnus ausgerechnet in einer Zeit, in der soviel von "Ökumene" die Rede war wie nie, in Verruf. In den Diözesan-Gesangbüchern vor 1945 findet sich keine Übersetzung des ambrosianischen Hymnus mehr, nach 1945 taucht der Hymnus wieder in der Übersetzung von Petronia Steiner auf. Die Übersetzung ist nicht gelungen, sie verschwand mit dem Gotteslob 1975 wieder und wurde durch einen Text vom Markus Jenny ersetzt.

Damit haben sich die Nachkonziliaren für das Werk eines evangelischen Theologen und Hymnologen entschieden, statt des Werkes des Ur-Evangelen Luther selbst. Das Jenny-Lied halte ich für eines der schröcklichsten Liedlein in dem an geschmack-, kunst-, lieb- und glaubenslosen Liedern überreichen Gotteslöbern.

Die Übersetzung ist sinnverfälschend, das Ganze ist völlig kunstlos, enthält unpassende altertümelnde Vokabeln wie "darob", "entströmt" und "obsiegt", es ist wirklich richtig schlecht.

Es bleibt nur noch die alte, auf Luther zurückgehende Melodie, sonst bleibt wieder kein Stein auf dem anderen.

"Veni redemptor gentium" übersetzt Jenny mit "Komm du Heiland aller Welt", das ist zwar im klassischen Latein richtig, nicht aber im kirchlichen Gebrauch, wo das Wort gentes in der Regel mit "Heiden", also den nichtjüdischen Völkern übersetzt wird. Schlimmer wirds im zweiten Satz "Ostende partum virginis", heißt nicht "Sohn der Jungfrau mach dich kund" sondern "Verkünde die Geburt aus der Jungfrau". "Miretur omne Seculum" würde mein Lateinlehrer mit "darüber möge alle Welt staunen" übersetzen und nicht mit "Darob staune was da lebt", das "darob" wirkt in einem Text des 20. Jahrhundert außerdem gequält altertümelnd. "Talis decet partus deo" könnte man mit "Solche Geburt ist Gottes würdig" übersetzen auf keinen Fall aber mit "Also will Gott werden Mensch", denn die richtige Übersetzung spricht noch einmal die Geburt aus der Jungfrau an und nicht die Inkarnation.

Es wird ja immer wieder dementiert, daß protestantische Theologen den Novus Ordo mitformuliert haben, bei katholischen Gesangbüchern ist es nicht zu verbergen.

Ich plädiere für das Original oder eben für Luther, solange mir keiner einen besseren Text zeigt und übrigens, was Johann Sebastian Bach inspiriert hat, das kann auch uns inspirieren.

Das Lied steht übrigens auch im EKD-Gesangbuch nicht mehr auf Platz Eins, dort steht nun Weissels "Macht hoch die Tür". Ein schönes Lied, würde es nicht vor Weihnachten aus jedem Supermarktlautsprecher düdeln.

Samstag, 3. September 2022

O Heiland reiß die Himmel auf

Denkmal für Friedrich Spee und
Katharina Henot am Kölner Rathaus

1622 ist dieses Lied entstanden. Der Verfasser, Friedrich Spee von Langenfeld, war damals 31 Jahre alt und stand am Ende seines Studiums, ein Jahr später wurde er zum Priester geweiht. Schon mit 19 war er dem Jesuitenorden beigetreten. 

In Deutschland war der Dreißigjährige Krieg ausgebrochen. Die Pest wütete in den Städten. Der Hexenwahn forderte Todesopfer, auch Freunde und Verwandte Friedrichs fielen dem Wahn zum Opfer. Einem der prominentesten und mit Sicherheit unschuldigen Opfer des Hexenwahns, Katharina Henot, errichteten die Kölner gemeinsam mit Friedrich Spee von Langenfeld ein Denkmal am Kölner Rathaus. Spee dürfte Katharina Henot gekannt haben.

Friedrich war einer der ersten, der dem Hexenwahn entgegentrat. Letztlich erfolgreich, doch zunächst wurde er deshalb gemaßregelt.

Bei der Betreuung und Pflege von verwundeten und erkrankten Soldaten infizierte sich Friedrich Spee an der Pest und starb 1935. 

Das Lied wurde früher unter dem Titel "Säufftzen der Altvätter in der Vorhöll" veröffentlicht, bedenkt man die Lebensumstände Friedrich Spees, geht es keinesweg um die Väter in der Vorhölle, sondern ganz irdisch und konkret um das in der Hölle des Dreißigjährigen Krieges leidende Volk.

Das Lied gehört zu den beliebtesten Liedern der ganzen deutschen Christenheit. Abgesehen von einem kleinen "Versanhang" der bald wieder aus den Liederbüchern verschwand, ist es auch nie ergänzt, verändert oder umkomponiert worden.

  1.  O Heiland reiß die Himmel auf / herab, herab vom Himmel lauf / reiß ab vom Himmel Tor und Tür / reiß ab, wo Schloß und Riegel für
  2. O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß, / im Tau herab, o Heiland, fließ. / Ihr Wolken, brecht und regnet aus / den König über Jakobs Haus
  3. O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd, / dass Berg und Tal grün alles werd. / O Erd, herfür dies Blümlein bring, / o Heiland, aus der Erden spring. 
  4. Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, / darauf sie all ihr Hoffnung stellt? / O komm, ach komm vom höchsten Saal,  / komm, tröst uns hier im Jammertal. 
  5. O klare Sonn, du schöner Stern,  / dich wollten wir anschauen gern; / o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein / in Finsternis wir alle sein. 
  6. Hie leiden wir die größte Not / vor Augen steht der ewig Tod / Ach komm, führ uns mit starker Hand / vom Elend zu dem Vaterland

Melodie

Samstag, 27. August 2022

Es kommt ein Schiff geladen

 

Colchicum bulbocodium
Lichtmeßblume

Die Katholischen  haben sich mit Sudermanns Interpretation des aus dem 15. Jahrhundert stammenden Liedes "es kommt ein Schiff geladen" immer schon schwer getan. Als im 19. Jahrhundert das Lied von Hymnologen wiederentdeckt wurde blieben die Verfasser katholischer Gesangbücher zurückhaltend. Sie zogen zwar mit der Veröffentlichung nach, doch in Form der "katholischeren" Version aus dem Andernacher Gesangbuch. Auch Heinrich Bone hat sich mit diesem Lied befasst, und hat es zur Enttäuschung des katholischen Publikums in der Sudermannschen Fassung mit leichten Änderungen veröffentlicht. Erfolg hatte er damit wenig, bis zum Gotteslob 75 blieb Sudermann draußen.

Georg Thurmair hat es  in seinem "Kirchenlied" mit einer weitgehend originalen Version in der Fassung des Andernacher Gesangbuchs versucht, wo das Lied mit den Worten "Uns kommt ein Schiff gefahren" beginnt. Auch das hat niemanden überzeugen können. Das Gotteslob 75 hat die Sudermann-Version übernommen, sie aber mit einem Marienvers ergänzt, wohl um etwas "katholisches Kolorit" beizufügen. Im Gotteslob 2013 finden wir das Sudermann-Lied ohne marianischen Schlußvers.

Als Sudermann die heutige Fassung zusammenfügte, mit einem Text, der weitgehend aus der Straßburger Version stammt, lag im wohl mindestens die Fassung von 1450 vor, die dem Dominikanerinnen-Kloster in Straßburg zuzuordnen ist. Daneben finden sich noch zwei weitere Fassungen aus Inzigkofen und Deventer, die gleichfalls aus Frauenklöstern stammen, mit teilweise stark abweichendem Text. 

In jedem Fall ist es ihm gelungen, eine Marienhymne völlig von jedem Verweis auf die Gottesmutter zu bereinigen. Damit hängt der Text allerdings in der Luft, denn wer oder was soll denn nun das Schiff sein: die Kirche, die Seele oder doch die Gottesmutter?

Sudermann hat eine poetisch höchst anrührende Version des Liedes geschaffen, mit der marianischen Urfassung hat sie nur bedingt etwas zu tun, am besten sehen wir uns das Vers für Vers an.

(Im folgenden habe ich die historischen Versionen sprachlich dem heutigen Sprachgebrauch angenähert, und hinsichtlich des Vers-Rhythmus angepasst auf die heute meist verwandte Melodie aus dem Andernacher Gesangbuch)

1.

In der Straßburger Fassung:

Es kommt ein Schiff geladen / bis an sein höchsten Bord / es trägt den Sohn des Vaters / das ewigliche Wort

Sudermann formuliert um:

... trägt Gottes Sohn voll Gnaden / des Vaters ewigs Wort. 

das reimt besser, aber ist der Sohn Gottes wirklich "voll Gnaden" oder ist er nicht vielmehr die Gnade selbst?

Es macht Sinn, sich mit der ersten lateinischen Strophe der zweisprachigen Andernacher Version zu beschäftigen, denn sie macht deutlich, wer denn das Schiff sein soll

En navis institoris / Procul ferens panem / Longis adest ab oris / novam vehens mercem

Die erste Hälfte des Verses ist ein wörtliches Zitat aus dem Liber Proverbium 31.10 ff. (14): Facta est quasi navis institoris, de longe portans panem suum. "Sie (die "starke Frau",  mulierem fortem) ist wie ein Handelsschiff, das sein Brot von ferne heranträgt." Die zweite Hälfte; es kommt aus weiter Ferne / und trägt eine neue Ware/Lohn/Sold verweist auf die Eucharistie.

Völlig getilgt hat Sudermann den Refrain des Liedes : Maria, Gottes Mutter / gelobet mußt du sein / .... .

2.

Der zweite Vers wird ebenfalls reimlich versäubert

Das Schiff das geht so stille / Es trägt ein teure Last / das Segel ist die Minne / der heilig Geist der Mast

Sudermann: das Schiff geht still im Triebe / ... / das Segel ist die Liebe / ...

Das wirkt heute eher seltsam, denn mittlerweile ist Liebe/Triebe peinlich. Still im Triebe ist genauso altertümlich wie die "Minne", also dann doch besser Minne. Der dritte Vers:

3.

Der Anker ist ausgeworfen / das Schiff das geht an Land / Gott ist uns Mensch geworden / der Sohn ist uns gesandt

 Sudermann:

Der Anker haft auf Erden / und das Schiff ist am Land / Gotts Wort tut uns Fleisch werden / der Sohn ist uns gesandt

Das klingt heute so verstolpert, daß die Evangelischen es selbst versäubert haben : "das Wort will Fleisch uns werden". Reim gerettet, nur das "Wort" "will" nicht, es "ist" Mensch geworden. Wenn man schon ein Loch im Stoff stopft, sollte man aufpassen, daß man dabei nicht ein anderes aufreißt.

4.

Der vierte Vers ist wohl Sudermanns Eigengewächs, denn das "verlorene Kind" leitet direkt über zu "leiden", "Pein und Marter" und "sterben". 

Zu Betlehem geboren / ist uns ein Kindelein / gibt sich für uns verloren / gelobet muß es sein

Die Andernacher hingegen schließen die ersten drei Verse mit folgendem Vers ab:

Maria hat geboren / aus ihrem Fleisch und Blut / das Kindlein auserkoren / Wahr Mensch und wahrer Gott

In der Straßburger Version findet sich folgender Krippenvers:

Es lieget in der Krippen / das liebe hübsche Kindelein / Ist unser Bruder geworden / gelobet muß es sein

der in der Andernacher und Deventer Version so lautet:

Es liegt hie in der Wiegen / das liebe Kindelein / Sein Gesicht leucht wie ein Spiegel / Gelobet mußt du sein. 

5.

Und wer dies Kind mit Freuden  / umfangen, küssen will / muß vorher mit ihm leiden / groß Pein und Marter viel

Der mystische Kuß war das einzige, was Bone - typisch für seine Zeit - weggelassen hat, der ansonsten Sudermanns Version teilt. Aber der Kuß, vom dem Sudermann schreibt, wird von den braven Nonnen aus dem Deventer Kloster ganz anders eingeordnet 

Ich möcht das Kindlein küssen / auf seinen roten Mund / das möcht mich wohl gelüsten / von Sünden würd ich gsund

Der Kuß allein erlöst von Sünden. Die Pein und Marter braucht es nicht.

Ebenso Straßburg

Und wer das Kind will küssen / auf seinen roten Mund / empfängt wohl große Freuden / von ihm zur selben Stund

und Andernach

Möcht ich das Kindlein küssen / An seinen lieblichen Mund / und wär ich krank vor gewisse / ich würd davon gesund

6.

Die Nonnen von Inzigkofen haben noch einen weiteren Vers:

Maria du edle Rose / aller Seligkeit ein Zweig  / du schöne Zeitenlose / mach uns von Sünden frei

Die Zeitenlose ist eine Blume, die mitten im kalten Winter blüht. Es ist eine ganze Pflanzenart, zu der auch die Herbstzeitlose gehört, die Lichtmeßblume blüht im Februar an Maria Lichtmeß.

Es ist möglicherweise deutlich geworden, daß ich die Sundermann-Version nicht mag, Wie könnte eine Sudermann-freie Version aussehen:

  1. Es kommt ein Schiff geladen / bis an sein höchsten Bord / es trägt den Sohn des Vaters / das ewigliche Wort
  2. Das Schiff das geht so stille / Es trägt ein teure Last / das Segel ist die Minne / der heilig Geist der Mast
  3. Der Anker ist ausgeworfen / das Schiff das geht an Land / Gott ist uns Mensch geworden / der Sohn ist uns gesandt
  4. Es liegt hie in der Wiegen / das liebe Kindelein / Sein Gsicht leucht wie ein Spiegel / Gelobet muß es sein
  5. Und wer das Kind will küssen / auf seinen roten Mund / empfängt wohl große Freuden / von ihm zur selben Stund
  6. Maria edle Rose / du Zweig der Seligkeit / du schöne Zeitenlose / mach uns von Sünden frei