Sonntag, 16. Oktober 2011

Alles meinem Gott zu Ehren


Die erste Strophe des Liedes stammt aus dem Duderstädter Gesangbuch von 1724. Weitere Strophen sind mir aus der Urfassung nicht bekannt, bis zur Entstehung des Gotteslobs war in den meisten Gesangbüchern eine in "Düsseldorf 1759" entstandene Folgedichtung mit 4 weiteren Strophen gebräuchlich. Das Gotteslob ( Nr. 615) hat diese Fassung nicht übernommen. Stattdessen findet sich im Gotteslob als Verse 2. und 3. ein von Georg Thurmair 1963 gestalteter Text. Dem Inhaltsverzeichnis zufolge, handelt es sich um eine "ökumenische" Version des alten katholischen Liedes.

Dieses Vorhaben ließ sich offenkundig ohne eine völlige Neudichtung nicht umsetzen. Ökumene im Kirchenlied, so lernen wir, bedeutet den Totalverlust katholischer Gebetspraxis.

Die Verse 2. bis 5. der traditionellen Fassung folgen der Struktur des ältesten Verses von Lob und Bitte. Richtet sich das Lob in der ersten Strophe an Gott und die Bitte an den Gottessohn, so folgen in den Versen 2. bis 4. Maria, Joseph und der Schutzengel, eine Dreiheit, die auch andere katholische Kirchengesänge (z.B. "In dieser Nacht") kennen. Das Lied endet im 5. Vers mit dem Lob aller Heiligen und der Bitte um ihre Hilfe.

Thurmairs Version wiederholt im Kern sowohl den Text wie auch das Thema des ersten Verses, das Lied entwickelt sich nicht fort, sondern kreist gewissermaßen poetisch und thematisch in sich.

In der Regel wurde dieses Lied als Morgenlied eingeordnet. Die Melodie geht auf das Bamberger Gesangbuch von 1723 zurück, die gebräuchliche Fassung beruht aufauf  Melchior Ludolf Herolds Choralmelodien von 1808.


  1. Alles meinem Gott zu Ehren / In der Arbeit in der Ruh´ / Gottes Lob und Ehr´ zu mehren / Ich verlang´ und alles tu / Meinem Gott allein will geben / Leib und Seel, mein ganzes Leben / Gib, o Jesu, Gnad dazu; / Gib o Jesu Gnad dazu.
  2. Dich Maria, will ich ehren, / Die du uns das Heil gebracht; / Und dein Leben soll mich lehren, / Was uns ewig selig macht. / Laß mich dich recht kindlich lieben, / Nie durch eine Sünd betrüben; / Schütze mich bei Tag und Nacht! ...
  3. Heiliger Joseph, ich befehle / Freund und Feinde, Hab und Gut, / meinen Leib und meine Seele / voll Vertrauen deiner Hut. / Bin dein Kind; o hab Erbarmen, / trag auch mich auf deinen Armen, / drauf das Gotteskind geruht. ...
  4. Dich, Schutzengel, auch ich grüße; / was du willst, das soll geschehn´; / Kreuz und Arbeit mir versüße; / Eile stets, mir beizustehn! / Zu dem Guten mich antreibe, / Daß ich dein sei und verbleibe, / Bis ich Gott werd ewig sehn! ...
  5. Alle Heilgen, die ihr droben / Gottes Güte ewig preist, / Laßt in euerm Bund uns loben / Vater, Sohn und Heilgen Geist; / Daß gleich euch in diesem Leben / Gott allein die Ehr wir geben; / Dazu Hilfe uns erweist. ...
Die hier wiedergegebenen Fassung entspricht bis auf eine kleine Änderung in der vierten Strophe der mir bekannten ältesten Fassung.

Dienstag, 4. Oktober 2011

Rosenkranzkönigin

Das Rosenkranzfest Albrecht Dürer

Der Text des Liedes geht auf Johannes Tafratshofer zurück. Die Melodie auf Michael Haller. Das Lied ist in einigen Textanhängen des Gotteslobs zu finden und ist besonders in Süddeutschland und Österreich verbreitet.

  1. Rosenkranzkönigin, Jungfrau der Gnade / lehre uns wandeln auf himmlischem Pfade / Freudig erheben wir unser Gebet zu Dir / Jungfrau, Jungfrau der Gnade
  2. Rosenkranzkönigin, Mutter, du Reine, / Gib, daß Dir unser Herz ähnlicher erscheine! / Freudig erheben wir unser Gebet zu Dir, / Jungfrau, Jungfrau Du Reine! 
  3. Rosenkranzkönigin, Fürstin Du Hehre, / Flehe bei Deinem Sohn, daß er gewähre, / Was von dem Himmel kommt und uns zum Heile frommt, / Fürstin, Fürstin, du Hehre! 
  4. Rosenkranzkönigin, Pforte des Lebens, / Laß uns nicht flehn zu Dir, rufen vergebens! / Ein Wort zu Deinen Sohn, schenkt uns ja Sieg und Lohn, / Pforte, Pforte des Lebens! 
  5. Rosenkranzkönigin, Hilfe im Streite, / Wehre die Feinde ab, treulich uns leite / Zum ewgen Vaterland an Deiner Mutterhand, Hilfe, Hilfe im Streite.



Montag, 3. Oktober 2011

Tröst die Bedrängten

Schüler von Adam Elsheimer: Tobias, der Fisch, Erzengel Raphael.

Mit der Kalenderreform verschwand auch das Fest des heiligen Erzengels Raphael aus dem Kalender. Daß an Raphael nun gemeinsam mit Gabriel und Michael am Erzengelfest gedacht wird, ist nur eine schwacher Trost. Denn die Kirche begeht den 29. September wie schon seit mehr als 1.500 Jahren als Fest des Erzengels Michael. Dabei ist es auch faktisch, trotz Umbenamsung in "Erzengelfest" geblieben. Das Lied des Erzengels Raphael, das auf Friedrich Spee zurückgeht, ist konsequenterweise aus den Liederbüchern verschwunden. Schade, denn Friedrich Spee hat sich erkenntlich Mühe gegeben, für Raphael ein passendes Lied zu schaffen. Zu einem kraftvollen Text gesellt sich eine lebendige Melodie, die so ganz anders ist als das getragene, bedächtige Michaelslied.

Damit ist nun auch, nachdem die Hochzeitsliturgie grundstürzend umgewandelt wurde, ein zweites Mal in der Liturgie ein Bezug zum Buch Tobit verschwunden. Denn die 1. Lesung des 24. Oktober ist aus dem Buch Tobit (12, 7-15) entnommen, das Graduale zitiert Tob. 8, 3.  Der Engel des Herrn, der in Joh. 5, 1-4 (Lesung) von Zeit zu Zeit in den Tech Bethesda steigt, um die Kranken zu heilen, die an diesem Teich lagern, ist nach alter, schon vorchristlicher Überlieferung der Ezengel Raphael.
  1. Tröst die Bedrängten / und hilf den Kranken / St. Raphael / Bresten und Schaden uns überladen / O hilf, o hilf, Sankt Raphael.
  2. Ach tu das beste / halt ab die Peste / St. Raphael; Fieber und Plagen / sich zu uns schlagen/ O hilf … 
  3. Zu uns mit Haufen / Krankheiten lauffen / S. Raphael; Allerlei Wunden werden gefunden / O hilf … 
  4. Wann wir uns legen / tu unser pflegen / S. Raphael; Unsere Schmerzen, nim doch zu Herzen / O hilf … 
  5. Hin zum Verderben / laß niemand sterben / S. Raphael; Beichten und büßen / alle wir müssen / O hilf …
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Freitag, 30. September 2011

Unüberwindlich starker Held


Das Michaelslied des Gotteslobs unter Nr. 606 gibt als Autoren des Textes Friedrich Spee an. So ganz stimmt das nicht. Denn der Text ist nicht unwesentlich verändert. In diesem Fall aber nicht nur zu seinem Nachteil. Das Original beginnt nicht mit den Worten "Unüberwindlich starker Held" sondern holprig mit "O unüberwindlicher Held". Die leichten Textvariationen, die in der Folgezeit vorgenommen wurden, dienten der Anpassung an die Melodie. Es kann jedenfalls nicht ganz schlimm sein, wenn man die Texte des Heros Spee ein bißchen verändert, damit sie singbarer werden.

Das Gotteslob nimmt allerdings eine Änderung vor, die nicht nur der poetisch/musikalischen Harmonisierung dient, sondern den Sinn des Liedes ändert. Der Anwortvers lautet im Original "Hilf uns hie kämpfen, die Feind zu dämpfen" und wurde über die Jahrhunderte, in denen das Lied in katholischen Liederbüchern erschien, auch nicht verändert. Den Gotteslob-Redakteuren erschien dies wohl zu irdisch-militaristisch, das "Hilf uns im Streite, zum Sieg und leite" der Gotteslobversion ist zwar poetisch nicht zu kritisieren, entkörperlicht aber den Kampf zum Streit. Das Lied ist aber, wie vor allem die lateinische Version zeigt, aus der Situation des Dreißigjährigen Krieges entstanden, und kann durchaus als Kampflied des "Deutschen Michel" verstanden. oder auch mißverstanden werden. Da ruft nicht nur die Kirche um Hilfe gegen ihre Feinde, sondern auch das deutsche Volk, das in den letzten Phasen des Dreißigjährigen Krieges Schauplatz eines mörderischen Kriegs der europäischen Nationen geworden war, der 2/3 der deutschen Bevölkerung das Leben kostete.

Nachdem im zwanzigsten Jahrhundert aber nun alles deutsch-nationale in Verrruf geraten war, geriet auch dieses Lied in Verruf. Teilweise hat man das Michaelslied als deutsch-nationales Kampflied sehen wollen.  Daß das Gotteslob den "Kampf" gegen "die Feinde" (und nicht etwa "den Feind") zensuriert, vollzieht dies nach. Die lateinische Version geriet in Vergessenheit, obwohl sie, wie dieses kleine Zitat aus Gottfried Kellers Züricher Novellen zeigt, im deutschen Sprachraum durchaus populär gewesen sein muß.
»Willst du schöne Bücher schreiben und malen lernen mit Gold und bunten Farben, Lieder singen und die Fiedel spielen,« sagte der Singmeister, »schöne Mailieder, kluge Sprüche und das Michaelslied: O heros invincibilis dux – oder wie hast du heut gesungen?« »O Herr, o Vizibiliduxi heißt es,« rief Johannes eifrig, und lachend fragte Konrad, wer ihn das gelehrt habe.
Darf man als Katholik "deutsch" empfinden, oder haben wir catholically correct ultramontan zu denken? Ich glaube, man darf, und auch der deutsche Papst versteht sich keineswegs als Internationalist.
Hölderlin hat gesagt: Am meisten vermag doch die Geburt. Und das spüre ich natürlich auch. Ich bin in Deutschland geboren, und die Wurzel kann nicht abgeschnitten werden und soll nicht abgeschnitten werden. Ich habe meine kulturelle Formung in Deutschland empfangen. Meine Sprache ist deutsch, und die Sprache ist die Weise, in der der Geist lebt und wirksam wird. 
Und auch dieses Lied, das wohl nicht nur in seiner deutschen, sondern wohl auch in seiner lateinischen Fassung auf Spee zurückgeht, läßt dies, die Identifikation mit der eigenen Nation zu, es ruft den Erzengel der Kirche, aber auch dem deutschen Volk zu Hilfe.

  1. Unüberwindlich starker Held, / Sankt Michael, / komm uns zu Hilf / zieh´ mit zu Feld / Hilf uns zu kämpfen, die Feind zu dämpfen/ Sankt Michael.
  2. Die Kirch dir anbefohlen ist; / St. Michael / du unser Schutz- und Schirmherr bist / hilf uns ...
  3. Du bist der himmlisch Bannerherr / - / die Engel sind dein Königsheer./ hilf uns..
  4. Groß ist dein Macht / groß ist dein Heer/ - / Groß auf dem Land, / groß auf dem Meer / hilf uns ..
  5. Von deiner Macht zu sagen weiß/ - / der höllisch Drach´und sein Geschmeiß/ hilf uns..
  6. Den Drachen du ergriffen hast / - / und unter deinen Fuß gefaßt/ hilf uns ...
  7. Mit Lucifer hast du gekämpft / - / und hast sein Heer mit Macht gedämpft/ hilf uns ...
  8. O starker Held groß ist dein Kraft/ - / Ach komm mit deiner Ritterschaft/ hilf uns ...
  9. Beschütz mit deinem Schild und Schwert / - / die Kirch, den Hirten und die Herd. / hilf uns ...
  10. Vor Pest, vor Krieg, vor Hungersnot / - / errette vor dem jähen Tod/ hilf uns ...
  11. O großer Fürst verlaß uns nit / -/ das ist einhellig unsre Bitt´/ hilf uns
Die lateinische Version ist jedenfalls nicht älter als die deutsche, ein erster Abdruck der deutschen Version erschien 1621 im "Würzburger Lustgärtlein" , ein erster Abdruck der lateinischen Version erschien 1642 im "Psalteriolum Harmonicum". Nimmt man diese Erscheinungsdaten für das Alter der beiden Versionen, so erklärt sich die nicht unwesentlich veränderte textliche Fassung vielleicht mit der Entwicklung des dreißigjährigen Krieges, der sich von einem Konfessionskonflikt zu einem europäischen Weltkrieg entwickelte hatte.

  1. O heros invincibilis, / Dux Michael/ Adesto nostris praeliis / Ora pro nobis, pugna pro nobis / Dux Michael
  2. Tu noster dux militiae / - / defensor es ecclesiae. 
  3. Coelestes omnes spiritus / - / Pars tui sunt exercitus.
  4. Per terras atque maria / - / Sunt note tua proelia.
  5. Per te, o heros belliger / - / prostratus iacet Lucifer.
  6. O magne Heros gloriae / - / Protector sis Germaniae.
  7. Ad arma, ad arma angelos / - / Ad arma voca subditos
  8. Erectis procul hostibus / - / Fer opem desperantibus.
  9. Afflictae pridem patriae / - / Optatam pacem reddite.
  10. A fame, peste libera / - / A servitute vindica.
  11. O Michael, Archangele / - / Hac voce oro supplice.
Ab der sechsten Strophe wandelt sich dieses Lied zum Bittgebet des in der Katastrophe des Dreißigjährigen Kriege verheerten Germaniens um Hilfe: O großer, ruhmreicher Held, sei der Beschützer Germaniens, ruf deine Engel zu den Waffen, vertreib die Feinde, bring Hilfe den Mutlosen, gib dem betrübten Vaterland den ersehnten Frieden zurück, befrei vor Hunger und Pest, errette vor Knechtschaft, O Michael, erhör dies flehentlich Gebet.

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Mittwoch, 28. September 2011

Tu auf, tu auf, du schönes Blut


Einer der Leser dieses Blogs hat in einer Anmerkung ein barockes Bußlied erwähnt, das mir völlig unbekannt war. Dabei findet es sich in meiner Sammlung alter Liederbücher gleich mehrfach. Schon in der bemerkenswerten Sammlung katholischer (und evangelischer) Kirchenlieder, dem "Rheinfelsischen Gesangbuch" von 1666 findet sich das Lied. Es findet sich aber auch in fast allen "vorkonziliaren" Gesangbüchern, etwa im münsteranischen "Laudate". Heute ist das Lied aus dem Repertoire fast ganz verschwunden. Die Redaktion des Gotteslobs hat das Stück nicht in den Stammteil aufgenommen, es findet sich nur noch vereinzelt in den Diözesananhängen.

Dabei ist der Autor der neben Johannes Scheffler produktivste und interessanteste Dichter der Gegenreformation: Friedrich Spee. Das Lied stammt aus seiner Trutz-Nachtigal, im Lauf seiner Rezeption ist es, wie fast alle Lieder Friedrich Spees, von Liederbuchautoren immer wieder abgedruckt worden, es hat dabei meist nur wenig Veränderung erfahren.

Der Inhalt ist aber nun einmal urkatholisch, was erklärt, daß das Lied auf die katholischen Liederbücher beschränkt blieb. Vielleicht erklärt es auch das fast völlige Verschwinden aus dem Gotteslob.

Ich habe es in einer von Clemens Brentano "romantisch" veränderten Fassung übernommen, die lediglich altertümliche Schreibweisen vermeidet.

Die Melodie folgt dem Rheinfelsischen Gesangbuch, ist also Barock pur, und hoffentlich nicht zu schwierig zu singen.

  1. Tu auf, tu auf, du schönes Blut / Gott will zu dir sich kehren! / O Sünder greif nun Herz und Mut / Hör auf die Sünd zu mehren; / Wer Buß zu rechter Zeit verricht´, / Der soll in Wahrheit leben. / Gott will den Tod des Sünders nicht / Wann willst du dich ergeben?
  2. Vergebens ist all Rat und Tat, / Was will du länger säumen ? / Es sei nun gleich früh oder spat, / Die Festung mußt du räumen. / O armes Kind! O Sünder blind! / Was hilft das Widerstreben? / Dein Stärk verschwindt als wie der Wind, / Laß ab, es ist vergebens!
  3. Tu auf, tu auf, glaub mir´s fürwahr, / Gott läßt mit sich nicht scherzen! / Dein arme Seel steht in Gefahr, / und wird dich´s ewig schmerzen. / Kehr wieder, o verlorner Sohn, / reiß ab der Sünden Banden! / Ich schwör dir bei dem Gottesthron / Die Gnad ist noch vorhanden.
  4. Geschwind, geschwind, all Uhr und Stund / Der Tod auf uns kommt eilen; / ist ungewiß, wen er verwundt / Mit seinen bleichen Pfeilen. / Wen er nicht findt in Gnadenzeit, wär nützer nie geboren; / Wer unbereit von hinnen scheidt, ist ewiglich verloren.
  5. O Ewigkeit, o Ewigkeit! / Wer wird sich können messen? / Sind deiner doch schon allbereit / Die Menschenkind vergessen./ O Gott vom höchsten Himmel gut, / Wann wird es besser werden? / Die Welt nur immer scherzen tut. / Kein Sinn ist mehr auf Erden.

Die büßende Maria Magdalena ist von El Greco gleich mehrfach dargestellt worden.

Sonntag, 25. September 2011

Fest soll mein Taufbund


Bei seiner Predigt im Berliner Olympiastadion hat Papst Benedikt XVI dieses Lied Christoph Bernhard Verspoells erwähnt, im Zusammenhang mit einer Anmerkung, in der er das selbstverschuldete "Leiden an der Kirche" thematisiert.
Wenn ... der Blick auf das Negative fixiert bleibt, dann erschließt sich das große und tiefe Mysterium der Kirche nicht mehr. Dann kommt auch keine Freude mehr über die Zugehörigkeit zu diesem Weinstock "Kirche" auf. Es verbreiten sich Unzufriedenheit und Missvergnügen, wenn man die eigenen oberflächlichen und fehlerhaften Vorstellungen von "Kirche", die eigenen "Kirchenträume" nicht verwirklicht sieht! Da verstummt dann auch das frohe "Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad´ in seine Kirch´ berufen hat", das Generationen von Katholiken mit Überzeugung gesungen haben.
Dieses Lied ist nun auch im "Gotteslob" "verstummt". In den Hauptteil des Gotteslobes ist das Lied nicht mehr aufgenommen worden, es findet sich nur teilweise noch in den Diözesanteilen und dort häufig in einer Weise umgedichtet, daß man den ursprünglichen Sinn des Textes kaum noch erkennen kann. So wird der Text etwa im Mainzer Diözesanteil gewissermaßen ekklesiologisch ausgedünnt. Wo es bei Verspoell heißt : "Sie (die Kirche) soll mich allzeit gläubig sehen, und folgsam ihren Lehren", heißt es in Mainz "Ich will den Weg des Glaubens gehen, und folgen Gottes Lehren". Statt "Nie will ich von ihr (der Kirche) weichen" liest man da "ihm (Gott) will ich allzeit leben." Da wird ökumistig, was ökumenisch gedacht war. Daß die Määnzer nur den ersten, auch noch verstümmelten Vers bieten, zeigt die bemerkenswerte Lieblosigkeit, mit der die Verfasser kirchenamtlicher Liederbücher mit katholischem Liedgut verfahren.

Den Liederbuchmachern des 19. Jahrhunderts, die diesen Text selbstverständlich aufnahmen, war eher daran gelegen, die ekklesiologische Botschaft des Liedes noch einen Tick stärker zu betonen, Joseph Mohr etwa macht aus dem "in seine Kirch´" ein "Zur Wahren Kirch´", womit dann klargestellt wäre, was mit der "Kirch´" gemeint ist.

Die Popularität des Liedes drückt sich darin aus, daß es mehrere alternative Melodien gibt - die heute gebräuchliche geht auf Bierbaum zurück - und eine kaum noch überschaubare Zahl von Ergänzungen und Umdichtungen. Verspoell selbst hat das Lied unter das Kapitel "Lieder zum Fronleichnamsfeste" eingeordnet, sein Text thematisiert das Heilige Meßopfer, und nicht, wie die erste Zeile erwarten läßt, die Taufe.
  1. Fest soll mein Taufbund immer stehn, / Ich will die Kirche hören. / Sie soll mich allzeit gläubig sehn / und folgsam ihren Lehren / Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad / In seine Kirche berufen hat;  / nie will ich von ihr weichen.
  2. Du Gottmensch bist mit Fleisch und Blut / Wahrhaftig hier zugegen, / Und dein Genuß, o höchstes Gut! / Bringt meiner Seele Segen. / Dir, ew´ge Wahrheit! glaube ich; / In diesem Glauben stärke mich, / Bis ich dich ewig sehe.
  3. Dein Fleisch und Blut wird meinem Geist´ / Im Guten Stärke geben;  /  Und führt mich wie´s dein Mund verheißt, / Gewiß zum ew´gen Leben. /  Dir, güt´ge Allmacht traue ich; / In dieser Hoffnung stärke mich, / bis ich dich einst besitze.
  4. Du littest, starbst, und setztest ein / ein Denkmal dieser Liebe, / Daß du ganz mein und ich ganz dein / In Ewigkeit verbliebe. / Mein Jesu! liebvoll dank ich dir, / Vermehre deine Lieb´ in mir; / Laß mich dich ewig lieben.
Das Stichwort "Taufe" hat nun andere Liederdichter dazu gereizt, das Thema in weiteren Strophen zu erweitern, und aus dem Prozessionslied zu Fronleichnam ein Tauflied zu machen. Eine der populärsten Versionen, von der ich leider den Texter nicht kenne, macht aus Verspoells Gedicht ein Tauf- und Bekenntnislied
  1. Fest soll mein Taufbund immer stehn,  ...
  2. Dem bösen Feind und seiner Pracht /  gelob’ ich zu entsagen; / verachte seine ganze Macht, / will lieber Schmach ertragen. / Ich fliehe alle Werke sein; / sie enden mit der Hölle Pein, / bereiten ew’ge Qualen.
  3. Die rechten Wege wandle ich, / solang’ ich leb’ auf Erden. / Getreuer Gott, beschütze mich / Und lass mich selig werden! / O mach mich ähnlich Deinem Sohn, / dass ich erhalte meinen Lohn / im Himmel einst auf ewig.
Die Version von Johannes Pinsk variiert ebenfalls das Thema Taufe, und hat wegen seiner poetischen und theologischen Qualität einen Ehrenplatz verdient.
  1. Fest soll mein Taufbund immer stehn,...
  2. O Seligkeit getauft zu sein: / In Christus eingesenket! / Am Leben der Dreieinigkeit / Ward Anteil mir geschenket. / Ich bin nun Kirche, Christi Glied, / Ein Wunder ist's, wie das geschieht. / Ich bete an und glaube. 
  3. An Jesu Christi Priestertum / Hab ich nun teil in Gnaden. / Zum Opferdienst, zum Gotteslob / Hat er mich eingeladen. / Ich bin gesalbt zum heilgen Streit, / Bin Christi Königreich geweiht; / ihm will ich leben, sterben.
Das Bild zeigt einen kleinen Ausschnitt aus der astonomischen Uhr im Dom zu Münster, wo Christoph Bernhard Verspoell als Vikar gedient hat.

Sonntag, 18. September 2011

Maria zu lieben

© Mostholyvirgin.blogspot.com

Einige der Einträge in diesem blog sind darauf zurückzuführen, daß in unserer Kirche GL-Lieder gesungen werden, unter denen sich ein Eintrag findet wie "Text, Herr Sowieso, Melodie Paderborn 1765". Das reizt mich meist dazu, in meiner Sammlung historischer Gesangbücher nachzusehen, wie wohl der Originaltext von "Paderborn 1765" ausgesehen hat. In diesem Fall hat er so ausgesehen:

  1. Maria zu lieben, ist allzeit mein Sinn; / In Freuden und Leiden ihr Diener ich bin. / Mein Herz, o Maria, brennt ewig zu dir / In Liebe und Freude, o himmlische Zier.
  2. Maria, du milde, du süße Jungfrau, / Nimm auf meine Liebe, so wie ich vertrau´. / Du bist ja die Mutter; dein Kind will ich sein, / Im Leben und Sterben dir einzig allein.
  3. Gib, daß ich von Herzen dich liebe und preis; / Gib, daß ich viel Zeichen der Liebe erweis´ ; / gib daß mich nichts scheide, nicht Unglück noch Leid, / Um treu dir zu dienen in Glück und in Freud.
  4. Ach hätt ich der Herzen nur tausendmal mehr! / Dir tausend zu geben, das ist mein Begehr; / Sooft mein Herz klopfet, befehl ich es dir; / Sooft ich nur atme, verbind ich dich mir.
  5. Du Trost der Betrübten zur Hilf´ sei bereit; / Du Stärke der Schwachen, beschütz mich im Streit; / Wenn wider mich kämpfen Fleisch, Hölle und Welt, / Sei du mir als Zuflucht zur Seite gestellt!
  6. Du Meerstern, ich bitte, dein Licht auch erteil / Verfinsterten Seelen zum ewigen Heil; / Die irren im Glauben, erleucht´ und bekehr / Zur wahren Erkenntnis der christlichen Lehr´!
  7. Verwandte und Freunde mit Leib und mit Seel´ / Ich dir, o Maria auf ewig empfehl´; / Du Mutter der Gnaden, barmherzig und mild, / Sei meine Patronin, mein Schutz und mein Schild!
  8. O wolle in Gnaden auch eingedenk sein / Der leidenden Seelen in Fegfeuers Pein; / Du bist ihre Hoffnung, dir rufen sie zu; / Ach laß sie gelangen zur ewigen Ruh´!
  9. O Mutter, nun segne den ewigen Bund, / Dein Nam´mir versiegle das Herz und den Mund; / Sei bei mir im Tode, dann reich mir die Hand / und zieh mich nach oben ins himmlische Land!
Vergleicht man nun diesen Text mit dem Text  (Maria dich lieben) Friedrich Dörrs von 1972 (GL 594), stellt man fest, daß kein Stein auf dem anderen geblieben ist.

Hermann Ühlein (Kirchenlied und Textgeschichte) kommentiert Dörrs Dichtung, die als Umdichtung zu bezeichnen schon eher euphemistisch wäre, wie folgt:
Das an erotischer Metaphorik reiche Marienlied geriet in der Neudichtung Dörrs zur christologisch zentrierten Mariologie in gesungener Form. Maria zuvor begehrenswert und angebetet, ist bibelfest und hausbacken geworden.
Scheint fast so, als hätten die Autoren des "Gotteslobes" folgenden Kommentar verinnerlicht:
"typisch katholisches Elend aus Selbstbeschuldigung und Selbstverleugnung"
"Typisch katholisch" wollte man offenkundig keinesfalls mehr sein.

Passend zum Lied ein wunderschönes Marienbildchen aus einer französischen Edition. War gar nicht so einfach eine Mariendarstellung mit Schlafzimmerblick zu finden.

Samstag, 10. September 2011

Maria, wir dich grüßen


Das alte Marienlied findet sich im "Gotteslob" nicht mehr im Stammteil. In den Diözesananhängen finden sich zum Teil Lieder, die auf dieses alte Prozessionslied zurückgehen, die Texte wie auch die Melodie sind jedoch kaum mehr kenntlich. 

So konnte sich die Diözese Mainz (GL 907) offenkundig nicht mehr damit anfreunden, daß die Sänger dieses Liedes Maria "zu Füßen fallen", ganz zu schweigen davon, daß heute ja nirgendwo mehr von einer "falschen Lehre" die Rede sein darf, die es zu tilgen gelte. Daß in diesem Lied nicht von der "versöhnten Verschiedenheit" die Rede ist, ist offenkundig. Alles in allem schien der Text, in dem um eine gute Ernte gebetet wird und um Verschonung vor der Pest, wohl zu "mittelalterlich".

Ganz besonders mittelalterlich erschien den Verfassern des GL offenbar der Begriff des "Jammertals", der mittlerweile flächendeckend, und nicht nur in diesem Lied, durch das windelweich-nichtssagende "Erdental" ersetzt wurde. Damit hat das "neue" Lied denn auch eine zentrale theologische Aussage getilgt.
Krone aller Frauen, o Maria hilf! Wir auf dich vertrauen, o Maria hilf! O Maria hilf uns all, hier in diesem Erdental.
Heißt es in der ersten Strophe der Mainzer Diözesanvariante. Daß das alte Lied da kaum noch kenntlich ist, ist da fast schon ein wenig unpräzise. Selbstredend sind die modernen Versionen, die allenfalls schlappe 8 Verse bieten, für ein ordentliches Prozessionslied viel zu kurz.

Wer die Pest übrigens für ausgerottet hält, befindet sich im Irrtum.
  1. Maria, wir Dich grüßen, O Maria, hilf! Und fallen Dir zu Füßen, O Maria, hilf! Maria, hilf uns all' in diesem Jammertal 
  2.  Voll Zuversicht wir bitten, Durch das, was Du gelitten. 
  3.  Durch Jesu Kreuz und Sterben, Wollst Gnade uns erwerben. 
  4.  Dass wir Verzeihung finden, Für uns're vielen Sünden. 
  5.  Dass wir vor Gott bestehen, Den Weg der Tugend gehen. 
  6.  Neid, Zwietracht, Schmach und Schande Halt' ab von jedem Stande. 
  7.  In Trübsal, Angst und Leiden, Gib Trost und Seelenfreuden! 
  8.  Sieh an die Not der Armen, Weck' Mitleid und Erbarmen.
  9. In Krankheit und Beschwerden, Lass Heil und Hilfe werden. 
  10. Den Witwen und den Waisen, Auf Pilgerfahrt und Reisen. 
  11. Vor Mord und Kriegsgefahren, Wollst Volk und Fürst bewahren. 
  12. Die Strafen von uns wende, Den lieben Frieden sende. 
  13. Vor Teurung, Pest und Brande, Gib Schutz dem Vaterlande. 
  14. Bitt', dass die Frucht der Erde, Gesegnet reichlich werde. 
  15. Den wahren Glauben mehre, Tilg' aus die falsche Lehre. 
  16. Bitt', dass auch bald hier werde Ein Hirt und eine Herde! 
  17. Bitt' Gott für unsere Freunde, Bitt' Gott für unsere Feinde. 
  18. Im Leben und im Sterben, Wollst Gnade uns erwerben. 
  19. Auf dass wir all' dort oben, Mit Dir Gott ewig loben.
Hinsichtlich Text und Melodie habe ich mich an Joseph Mohrs zweistimmiger Version aus dem "Cantate" von 1899 orientiert. Mohr hat zur älteren Melodie eine zweite Stimme hinzukomponiert. Das "Gebet- und Gesangbüchlein" Cantate war im übrigen durchgehend zweistimmig. Ein Standard, der heute unvorstellbar scheint.

Freitag, 15. Juli 2011

O heilge Seelenspeise ...



Der Text des Liedes geht auf das lateinische Sakramentsliedes "O Esca viatorum" zurück. Der Ursprung des Liedes ist nicht bekannt, erstmals erscheint es 1647 in einem Gebetbuch des "Keuschen Meerfrewlein". Seit dem haben sich viele an einer deutschen Übersetzung versucht, und auch das "Gotteslob" hat sich dieses Liedes angenommen. Die heute gebräuchliche Melodie, geht auf Heinrich Isaak (1450 - 1517) berühmtes "Innsbruck ich muß dich lassen"zurück.

Das Lied hat in vielen Jahrhunderten so manche Umgestaltung erfahren, auch die Redaktion des Gotteslobs hat der Versuchung nicht widerstanden, den Text erneut umzuwälzen. (O wunderbare Speise, Nr. 503). Das Gotteslob kürzt im Gegensatz zu den Einheitsliedern von 1947 die Strophen um eine, es entfällt die in unserer Fassung unter 4. wiedergegebene Strophe, die von Christi Blut, dem Brunnen des Lebens und dem Durst der Seelen spricht. Erstaunlich, wird die "blutlose" Fassung des Gotteslob doch in einer Zeit veröffentlicht, in der der ökumenische Pater Frère Rogers vom "soif sprituelle" spricht, dem "geistlichen Durst", den es zu stillen gelte.

Die Gründe sind vorgeblich theologischer Art. Ich halte die Kürzung für einen Verlust an Ausgewogenheit im buchstäblichen Sinn. 

Die Ersetzung der "heiligen Seelenspeise" durch die "wunderbare Speise" halte ich hingegen für einen Fehlgriff, der wie so manche andere semantische Entgleisung der deutschen nachkonziliaren Kirche tief blicken läßt.
Die Ersetzung des Ausdrucks Seelenspeise durch wunderbare Speis ist zu kurz gedacht und vernebelt ins Mysteriöse, was spirituell zu klären wäre. Daß dies in Zeitläuften geschieht, in denen die Psychologie nahezu herrschende Weltauffassung ist, gehört zu den eigentümlichen Anachronismen kirchlicher Selbstmodernisierungsversuche und paßt mit der nachfolgenden psychoanalytischen Überschwemmung der Pastoral durchaus zusammen
heißt es in einer kritischen Kommentierung. Aus der allerhöchsten Speise, von der während des Barock die Rede war über die "Seelenspeise" wird die "wunderbare" Speise, ein Begriff, der eher kulinarisch mißzuverstehen als geistlich zu verstehen ist. So wird aus Mystischem Mysteriöses.

Auch die Umgestaltung der letzten Strophe mag zwar theologisch interessant sein, doch die Ersetzung des neuerdings unbeliebten H-Wortes Himmel durch "ewig", hat  Methode. Die Licht-Geist-Kraft-Poetik des Gotteslobs dient der Anpassung an einen Sprachstil, der deutliche Wort möglichst durch Theospeak ersetzt. Zwei H-Wörter, die Wörter Heilig und Himmel hat es in unserem Fall erwischt. Die folgendeVersion versucht es deshalb mit dem "ad fontes":
  1. O heilge Seelenspeise / Auf dieser Pilgerreise / O Manna, Himmelsbrot!/ Wollst unsern Hunger stillen/ Mit Gnaden uns erfüllen/ Uns retten vor dem ewgen Tod.
  2. Du hast für uns dein Leben,/ O Jesu hingegeben / Und gibst Dein Fleisch und Blut / Zur Speise und zum Tranke/ Wer preist mit würdgem Danke / Dies unschätzbare, ewge Gut?
  3. „Kommt alle, die auf Erden / Von Not bedränget werden.“ / So spricht Dein eigner Mund/ „Ich will euch wiedergeben / Mit meinem Blut das Leben! / Dies ist der neue, ewge Bund.“
  4. O süßer Bronn des Lebens, / Fließ nicht für uns vergebens, / Du unsres Heilands Blut! / O lösch den Durst der Seelen, / So wird uns nichts mehr fehlen, / Du unser allerhöchstes Gut!
  5. Mit Glauben und Vertrauen / Wir dich verdeckt hier schauen / In Deiner Niedrigkeit. / Ach, laß es, Herr, geschehen, / Daß wir im Himmel sehen / Dich einst in Deiner Herrlichkeit!“


Mittwoch, 13. Juli 2011

Ein Haus voll Glorie schauet ...


Als Joseph Hermann Mohr sein wohl bekanntestes Lied dichtete und komponierte, hatte er womöglich nicht nur "die Stadt auf dem Berg" im Sinn, sondern auch seine Heimatstadt Siegburg und das Kloster Michaelsberg, das ganz real "weit über alle Land" sieht. Joseph Mohr schrieb dieses Lied, das auch "Siegburger Hymne" genannt wird, im Jahre 1876 auf dem Höhepunkt des Kulturkampfes. Joseph Mohr war zu diesem Zeitpunkt selbst Opfer des Kulturkampfes geworden. Als Jesuit mußte er nach dem Verbot des Jesuitenordens im Deutschen Reich Deutschland verlassen und konnte erst nach dem Austritt aus dem Orden wieder nach Deutschland zurückkehren. Über den Charakter der Komposition, ein "Kampflied" das von der preußischen Militärmusik inspiriert ist, muß man sich deshalb nicht wundern.
Mohr übertrug den Stil der patriotischen Lieder seiner Zeit sehr geschickt auf dieses Kirchenlied, das damals schnell populär wurde. Der Rhytmus ist stark vom preußischen Militärmarsch beeinflußt, die Melodie suggeriert Macht und Kraft.
heißt es in einem auf der Seite des Siegburger Stadtarchivs wiedergegebenen Kommentar.

Mohr schrieb seine Lieder nicht für den Gottesdienst. Seine Liederbücher "Cäcilia" und "Cantate" enthielten Gesänge und Gebete, die nach Mohrs Wunsch und Willen vorwiegend für Prozessionen und Andachten vorgesehen waren. Deutsche Gemeindegesänge während der Messe empfand Mohr als unpassend, gar als "andachtsstörendes Geschrei". Für Mohr war der gregorianische Choral die einzig geeignete musikalische Begleitung für das Mysterium der Heiligen Messe.

Daß die Siegburger Hymne von einer in der preußischen Tradition stehenden Militärkapelle, dem "Trompeterkorps 8. Husaren" vorgetragen wird, hat damit seine Richtigkeit. Joseph Mohr hätte sicher seine Freude daran.

Das Liederbuch Cantate und mit dem Liederbuch der Originaltext des Liedes erschien bis zum Zweiten Weltkrieg in insgesamt 40 Auflagen. In der Nazi-Zeit wurde das Lied, vor allem wegen seiner sechsten Strophe, die man als Anti-Horst-Wessel-Hymne verstehen konnte, noch einmal populär als Hymne eines antinazistischen, freien Christentums. Man kann sich gut vorstellen, daß der Löwe von Münster dieses Lied mit besonderer Inbrunst mitgesungen hat. nec laudibus, nec timore.

Das Gotteslob hat den Text radikal verändert. Nur noch die erste Strophe geht auf Joseph Mohr zurück. Hans W. Marx dichtete vier Strophen dazu
und machte aus der stolzen "Kriegsschar" der Gläubigen, die "liebentzündet" und in festem Glaubensmut zum "heiligen Streit eilt" eine Herde frommer Lämmer, die unter dem Schutz des Friedensfürsten der ewigen Seligkeit entgegenwandert
Aus einem Kampflied wurde ein Friedenslied im Stil der friedensbewegten ökopazifistischen 70er. Die "reinste der Junfrauen" wird nicht mehr erwähnt, und daß das H-Wort (Hölle) vermieden wird, entspricht so recht dem Stil der tütteligen nachkonziliaren Zeit. Natürlich durfte dann auch das aggiornamentalistische Lieblingsmotto, das"wandernd Volk", die ecclesia peregrinans (5. Strophe) nicht fehlen. Mohrs Lied ist dagegen unverkennbar ein Lied der ecclesia militans, der kämpfenden Kirche:

  1. Ein Haus voll Glorie schauet / weit über alle Land, / aus ew'gem Stein erbauet / von Gottes Meisterhand. /  Gott! Wir loben dich. /Gott! Wir preisen dich. /O laß im Hause dein / uns all geborgen sein!
  2. Gar herrlich ist's bekränzet / mit starker Türme Wehr, / und oben hoch erglänzet / des Kreuzes Zeichen hehr. / Gott! Wir loben dich ...
  3. Wohl tobet um die Mauern / der Sturm in wilder Wut; / das Haus wird's überdauern, / auf festem Grund es ruht. / Gott! Wir loben dich ...
  4. Ob auch der Feind ihm dräue, / Ansturm der Hölle Macht: / Des Heilands Lieb und Treue / auf seinen Zinnen wacht. / Gott! Wir loben dich ...
  5. Dem Sohne steht zu Seite / die reinste der Jungfraun; / um sie drängt sich zum Streite / die Kriegsschar voll Vertraun. / Gott! Wir loben dich ...
  6. Viel tausend schon vergossen / mit heil'ger Lust ihr Blut; / die Reihn stehn fest geschlossen / in hohem Glaubensmut. / Gott! Wir loben dich ...
  7. Auf eilen liebentzündet / auch wir zum heil'gen Streit; / der Herr, der's Haus gegründet, / uns ew'gen Sieg verleiht. / Gott! Wir loben dich ...


Eine pdf-Version des Liedes ist in Vorbereitung.