Mittwoch, 13. Juli 2011

Ein Haus voll Glorie schauet ...


Als Joseph Hermann Mohr sein wohl bekanntestes Lied dichtete und komponierte, hatte er womöglich nicht nur "die Stadt auf dem Berg" im Sinn, sondern auch seine Heimatstadt Siegburg und das Kloster Michaelsberg, das ganz real "weit über alle Land" sieht. Joseph Mohr schrieb dieses Lied, das auch "Siegburger Hymne" genannt wird, im Jahre 1876 auf dem Höhepunkt des Kulturkampfes. Joseph Mohr war zu diesem Zeitpunkt selbst Opfer des Kulturkampfes geworden. Als Jesuit mußte er nach dem Verbot des Jesuitenordens im Deutschen Reich Deutschland verlassen und konnte erst nach dem Austritt aus dem Orden wieder nach Deutschland zurückkehren. Über den Charakter der Komposition, ein "Kampflied" das von der preußischen Militärmusik inspiriert ist, muß man sich deshalb nicht wundern.
Mohr übertrug den Stil der patriotischen Lieder seiner Zeit sehr geschickt auf dieses Kirchenlied, das damals schnell populär wurde. Der Rhytmus ist stark vom preußischen Militärmarsch beeinflußt, die Melodie suggeriert Macht und Kraft.
heißt es in einem auf der Seite des Siegburger Stadtarchivs wiedergegebenen Kommentar.

Mohr schrieb seine Lieder nicht für den Gottesdienst. Seine Liederbücher "Cäcilia" und "Cantate" enthielten Gesänge und Gebete, die nach Mohrs Wunsch und Willen vorwiegend für Prozessionen und Andachten vorgesehen waren. Deutsche Gemeindegesänge während der Messe empfand Mohr als unpassend, gar als "andachtsstörendes Geschrei". Für Mohr war der gregorianische Choral die einzig geeignete musikalische Begleitung für das Mysterium der Heiligen Messe.

Daß die Siegburger Hymne von einer in der preußischen Tradition stehenden Militärkapelle, dem "Trompeterkorps 8. Husaren" vorgetragen wird, hat damit seine Richtigkeit. Joseph Mohr hätte sicher seine Freude daran.

Das Liederbuch Cantate und mit dem Liederbuch der Originaltext des Liedes erschien bis zum Zweiten Weltkrieg in insgesamt 40 Auflagen. In der Nazi-Zeit wurde das Lied, vor allem wegen seiner sechsten Strophe, die man als Anti-Horst-Wessel-Hymne verstehen konnte, noch einmal populär als Hymne eines antinazistischen, freien Christentums. Man kann sich gut vorstellen, daß der Löwe von Münster dieses Lied mit besonderer Inbrunst mitgesungen hat. nec laudibus, nec timore.

Das Gotteslob hat den Text radikal verändert. Nur noch die erste Strophe geht auf Joseph Mohr zurück. Hans W. Marx dichtete vier Strophen dazu
und machte aus der stolzen "Kriegsschar" der Gläubigen, die "liebentzündet" und in festem Glaubensmut zum "heiligen Streit eilt" eine Herde frommer Lämmer, die unter dem Schutz des Friedensfürsten der ewigen Seligkeit entgegenwandert
Aus einem Kampflied wurde ein Friedenslied im Stil der friedensbewegten ökopazifistischen 70er. Die "reinste der Junfrauen" wird nicht mehr erwähnt, und daß das H-Wort (Hölle) vermieden wird, entspricht so recht dem Stil der tütteligen nachkonziliaren Zeit. Natürlich durfte dann auch das aggiornamentalistische Lieblingsmotto, das"wandernd Volk", die ecclesia peregrinans (5. Strophe) nicht fehlen. Mohrs Lied ist dagegen unverkennbar ein Lied der ecclesia militans, der kämpfenden Kirche:

  1. Ein Haus voll Glorie schauet / weit über alle Land, / aus ew'gem Stein erbauet / von Gottes Meisterhand. /  Gott! Wir loben dich. /Gott! Wir preisen dich. /O laß im Hause dein / uns all geborgen sein!
  2. Gar herrlich ist's bekränzet / mit starker Türme Wehr, / und oben hoch erglänzet / des Kreuzes Zeichen hehr. / Gott! Wir loben dich ...
  3. Wohl tobet um die Mauern / der Sturm in wilder Wut; / das Haus wird's überdauern, / auf festem Grund es ruht. / Gott! Wir loben dich ...
  4. Ob auch der Feind ihm dräue, / Ansturm der Hölle Macht: / Des Heilands Lieb und Treue / auf seinen Zinnen wacht. / Gott! Wir loben dich ...
  5. Dem Sohne steht zu Seite / die reinste der Jungfraun; / um sie drängt sich zum Streite / die Kriegsschar voll Vertraun. / Gott! Wir loben dich ...
  6. Viel tausend schon vergossen / mit heil'ger Lust ihr Blut; / die Reihn stehn fest geschlossen / in hohem Glaubensmut. / Gott! Wir loben dich ...
  7. Auf eilen liebentzündet / auch wir zum heil'gen Streit; / der Herr, der's Haus gegründet, / uns ew'gen Sieg verleiht. / Gott! Wir loben dich ...


Eine pdf-Version des Liedes ist in Vorbereitung.

Kommentare:

  1. Toller Einstieg! Sehr gut.
    Genauso hatte ich mir das vorgestellt.
    Dann begebe ich mich mal auf die Suche nach den Quellen des Tiroler Herz-Jesu-Liedes.
    Oder hast Du dazu auch schon was greifbar?

    Wie kann ich Dich anmailen?

    Grüße,
    Laurentius

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  2. http://www.blattwelt.de/siegburger_blaetter/nr_21.pdf

    Gruß

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  3. @U. Danke für den Hinweis, habe mir heute das Original besorgt. L Laurentius: Meine e-mail ist hans_mohrmann@mac.com

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  4. Hallo, ich suche "Ein Haus voll Glorie schauet" im Originaltext gesungen. Ich kann es nirgendwo bei youtube finden. Existiert das ueberhaupt irgendwo?
    Marianne

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