Donnerstag, 3. Mai 2012

Maria, Maienkönigin


Aus dem aktuellen Gotteslob ist "Maria, Maienkönigin" verschwunden, jedenfalls aus seinem Stammteil. In verschiedenen Diözesanteilen findet sich noch eine allerdings meistens veränderte, teilweise regelrecht verhunzte Fassung, bei der im Vergleich zur ursprünglichen Version kein Stein auf dem anderen geblieben ist.

An der Qualität des Liedes kann es nicht gelegen haben. Die Autoren des bei C.H.Beck erschienen "Geistlichen Wunderhorns" zählen das Lied unter die von Ihnen sorgfältig ausgewählten und kommentierten "Großen Deutschen Kirchenlieder". Noch weniger kann es an der Prominenz des Dichters oder des Komponisten gelegen haben. Das Lied geht auf Guido Görres zurück, der Text ist Teil eines Gedichtbandes zur Feier der Maiandacht. Für jeden Tag hatte Görres ein Gedicht geschrieben, unser Lied gehört in diesem Gedichtband zum dritten Mai.

Gewidmet waren die späteren Ausgaben des Bandes einem prominenten Dichterfreund: "Blumen dankbarer Erinnerung auf das Grab meines seligen Freundes des Dichters Clemens Brentano". An den Referenzen kann es also nicht gelegen haben. Auch nicht an der Komposition. Es existieren gleich mehrere Vertonungen, die prominenteste stammt auch nicht von einem ganz Unbekannten, Joseph Mohr, einem der einflußreichsten katholischen Komponisten und Dichter des 19. Jahrhunderts.

Dennoch verschwand das Lied, das bis nach der Mitte des 20. Jahrhunderts in der überwiegenden Mehrheit der diözesanen Gesangbücher abgedruckt war aus dem Stammteil des Gotteslobs. Die Motive für diese Ausrodung lassen sich an den Umdichtungen ablesen, die hier und da sich noch in den Diözesananhängen findet. So haben die Osnabrücker es geschafft, bei der Umdichtung außer den ersten vier Zeilen keine Zeile unangetastet zu lassen.
Der anonymen Umdichtung, die hier ins Werk gesetzt ist, war die ganze Mai-Theologie des Liedes sichtlich ein Dorn im Auge. Die romantische Frühlingsbilderwelt wird durch ein Arrangement zeitgemäßer theologischer Topoi ... ersetzt, die sich zu einem trinitarischen Gebilde ... fügen sollen. Das alles wird mit konventionellen Versatzstücken (Maria rein; die Kinder dein usw.) und missglückten Reimen (Erden-Ehren; Befreier-Treue; stimme-singen; flammen - Amen) so zusammengestückt, daß sich aus der trinitarischen Modernisierung des alten Marienlieds kaum etwas ergibt, was das Görresche Gedicht plausibel beerben könnte. (Geistliches Wunderhorn, S. 428 f.)
Offenbar wußten die Umdichter auch nicht mehr, auf welche geistliche Tradition sich dieses Marienlied bezieht - die marianische Interpretation des Hohenlieds "Ego flos campi/ et lilium convallium/ Sicut lilium inter spinas/ Sic anima mea". (Hld 2,1 f.)

Durchgesetzt hat sich in der Liedtradition die auf Mohr zurückgehende, nur leicht abweichende Fassung des ursprünglichen Gedichtes Görres zum dritten Mai:
  1. Maria, Maienkönigin! / Dich will der Mai begrüßen; / O segne ihn mit holdem Sinn, / Und uns zu Deinen Füßen. / Maria! Dir befehlen wir, / Was grünt und blüht auf Erden; / O laß es eine Himmelszier / In Gottes Garten werden!
  2. Behüte uns mit treuem Fleiß, / O Königin der Frauen, / Die Herzensblüten lilienweiß / Auf grünen Maiesauen! / Laß diese Blumen um und um / In allen Herzen sprossen, / Und mache sie zum Heiligtum, / Drin sich der Mai erschlossen!
  3. Die Seelen kalt und glaubensarm, / Die mit Verzweiflung ringen, / O mach sie hell und liebeswarm, / Damit sie freudig singen; / Daß sie mit Lerch und Nachtigall / Im Lied empor sich schwingen, / Und mit der Freude höchstem Schall / Dir Maienlieder singen!

Sonntag, 16. Oktober 2011

Alles meinem Gott zu Ehren


Die erste Strophe des Liedes stammt aus dem Duderstädter Gesangbuch von 1724. Weitere Strophen sind mir aus der Urfassung nicht bekannt, bis zur Entstehung des Gotteslobs war in den meisten Gesangbüchern eine in "Düsseldorf 1759" entstandene Folgedichtung mit 4 weiteren Strophen gebräuchlich. Das Gotteslob ( Nr. 615) hat diese Fassung nicht übernommen. Stattdessen findet sich im Gotteslob als Verse 2. und 3. ein von Georg Thurmair 1963 gestalteter Text. Dem Inhaltsverzeichnis zufolge, handelt es sich um eine "ökumenische" Version des alten katholischen Liedes.

Dieses Vorhaben ließ sich offenkundig ohne eine völlige Neudichtung nicht umsetzen. Ökumene im Kirchenlied, so lernen wir, bedeutet den Totalverlust katholischer Gebetspraxis.

Die Verse 2. bis 5. der traditionellen Fassung folgen der Struktur des ältesten Verses von Lob und Bitte. Richtet sich das Lob in der ersten Strophe an Gott und die Bitte an den Gottessohn, so folgen in den Versen 2. bis 4. Maria, Joseph und der Schutzengel, eine Dreiheit, die auch andere katholische Kirchengesänge (z.B. "In dieser Nacht") kennen. Das Lied endet im 5. Vers mit dem Lob aller Heiligen und der Bitte um ihre Hilfe.

Thurmairs Version wiederholt im Kern sowohl den Text wie auch das Thema des ersten Verses, das Lied entwickelt sich nicht fort, sondern kreist gewissermaßen poetisch und thematisch in sich.

In der Regel wurde dieses Lied als Morgenlied eingeordnet. Die Melodie geht auf das Bamberger Gesangbuch von 1723 zurück, die gebräuchliche Fassung beruht aufauf  Melchior Ludolf Herolds Choralmelodien von 1808.


  1. Alles meinem Gott zu Ehren / In der Arbeit in der Ruh´ / Gottes Lob und Ehr´ zu mehren / Ich verlang´ und alles tu / Meinem Gott allein will geben / Leib und Seel, mein ganzes Leben / Gib, o Jesu, Gnad dazu; / Gib o Jesu Gnad dazu.
  2. Dich Maria, will ich ehren, / Die du uns das Heil gebracht; / Und dein Leben soll mich lehren, / Was uns ewig selig macht. / Laß mich dich recht kindlich lieben, / Nie durch eine Sünd betrüben; / Schütze mich bei Tag und Nacht! ...
  3. Heiliger Joseph, ich befehle / Freund und Feinde, Hab und Gut, / meinen Leib und meine Seele / voll Vertrauen deiner Hut. / Bin dein Kind; o hab Erbarmen, / trag auch mich auf deinen Armen, / drauf das Gotteskind geruht. ...
  4. Dich, Schutzengel, auch ich grüße; / was du willst, das soll geschehn´; / Kreuz und Arbeit mir versüße; / Eile stets, mir beizustehn! / Zu dem Guten mich antreibe, / Daß ich dein sei und verbleibe, / Bis ich Gott werd ewig sehn! ...
  5. Alle Heilgen, die ihr droben / Gottes Güte ewig preist, / Laßt in euerm Bund uns loben / Vater, Sohn und Heilgen Geist; / Daß gleich euch in diesem Leben / Gott allein die Ehr wir geben; / Dazu Hilfe uns erweist. ...
Die hier wiedergegebenen Fassung entspricht bis auf eine kleine Änderung in der vierten Strophe der mir bekannten ältesten Fassung.

Dienstag, 4. Oktober 2011

Rosenkranzkönigin

Das Rosenkranzfest Albrecht Dürer

Der Text des Liedes geht auf Johannes Tafratshofer zurück. Die Melodie auf Michael Haller. Das Lied ist in einigen Textanhängen des Gotteslobs zu finden und ist besonders in Süddeutschland und Österreich verbreitet.

  1. Rosenkranzkönigin, Jungfrau der Gnade / lehre uns wandeln auf himmlischem Pfade / Freudig erheben wir unser Gebet zu Dir / Jungfrau, Jungfrau der Gnade
  2. Rosenkranzkönigin, Mutter, du Reine, / Gib, daß Dir unser Herz ähnlicher erscheine! / Freudig erheben wir unser Gebet zu Dir, / Jungfrau, Jungfrau Du Reine! 
  3. Rosenkranzkönigin, Fürstin Du Hehre, / Flehe bei Deinem Sohn, daß er gewähre, / Was von dem Himmel kommt und uns zum Heile frommt, / Fürstin, Fürstin, du Hehre! 
  4. Rosenkranzkönigin, Pforte des Lebens, / Laß uns nicht flehn zu Dir, rufen vergebens! / Ein Wort zu Deinen Sohn, schenkt uns ja Sieg und Lohn, / Pforte, Pforte des Lebens! 
  5. Rosenkranzkönigin, Hilfe im Streite, / Wehre die Feinde ab, treulich uns leite / Zum ewgen Vaterland an Deiner Mutterhand, Hilfe, Hilfe im Streite.



Montag, 3. Oktober 2011

Tröst die Bedrängten

Schüler von Adam Elsheimer: Tobias, der Fisch, Erzengel Raphael.

Mit der Kalenderreform verschwand auch das Fest des heiligen Erzengels Raphael aus dem Kalender. Daß an Raphael nun gemeinsam mit Gabriel und Michael am Erzengelfest gedacht wird, ist nur eine schwacher Trost. Denn die Kirche begeht den 29. September wie schon seit mehr als 1.500 Jahren als Fest des Erzengels Michael. Dabei ist es auch faktisch, trotz Umbenamsung in "Erzengelfest" geblieben. Das Lied des Erzengels Raphael, das auf Friedrich Spee zurückgeht, ist konsequenterweise aus den Liederbüchern verschwunden. Schade, denn Friedrich Spee hat sich erkenntlich Mühe gegeben, für Raphael ein passendes Lied zu schaffen. Zu einem kraftvollen Text gesellt sich eine lebendige Melodie, die so ganz anders ist als das getragene, bedächtige Michaelslied.

Damit ist nun auch, nachdem die Hochzeitsliturgie grundstürzend umgewandelt wurde, ein zweites Mal in der Liturgie ein Bezug zum Buch Tobit verschwunden. Denn die 1. Lesung des 24. Oktober ist aus dem Buch Tobit (12, 7-15) entnommen, das Graduale zitiert Tob. 8, 3.  Der Engel des Herrn, der in Joh. 5, 1-4 (Lesung) von Zeit zu Zeit in den Tech Bethesda steigt, um die Kranken zu heilen, die an diesem Teich lagern, ist nach alter, schon vorchristlicher Überlieferung der Ezengel Raphael.
  1. Tröst die Bedrängten / und hilf den Kranken / St. Raphael / Bresten und Schaden uns überladen / O hilf, o hilf, Sankt Raphael.
  2. Ach tu das beste / halt ab die Peste / St. Raphael; Fieber und Plagen / sich zu uns schlagen/ O hilf … 
  3. Zu uns mit Haufen / Krankheiten lauffen / S. Raphael; Allerlei Wunden werden gefunden / O hilf … 
  4. Wann wir uns legen / tu unser pflegen / S. Raphael; Unsere Schmerzen, nim doch zu Herzen / O hilf … 
  5. Hin zum Verderben / laß niemand sterben / S. Raphael; Beichten und büßen / alle wir müssen / O hilf …
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Freitag, 30. September 2011

Unüberwindlich starker Held


Das Michaelslied des Gotteslobs unter Nr. 606 gibt als Autoren des Textes Friedrich Spee an. So ganz stimmt das nicht. Denn der Text ist nicht unwesentlich verändert. In diesem Fall aber nicht nur zu seinem Nachteil. Das Original beginnt nicht mit den Worten "Unüberwindlich starker Held" sondern holprig mit "O unüberwindlicher Held". Die leichten Textvariationen, die in der Folgezeit vorgenommen wurden, dienten der Anpassung an die Melodie. Es kann jedenfalls nicht ganz schlimm sein, wenn man die Texte des Heros Spee ein bißchen verändert, damit sie singbarer werden.

Das Gotteslob nimmt allerdings eine Änderung vor, die nicht nur der poetisch/musikalischen Harmonisierung dient, sondern den Sinn des Liedes ändert. Der Anwortvers lautet im Original "Hilf uns hie kämpfen, die Feind zu dämpfen" und wurde über die Jahrhunderte, in denen das Lied in katholischen Liederbüchern erschien, auch nicht verändert. Den Gotteslob-Redakteuren erschien dies wohl zu irdisch-militaristisch, das "Hilf uns im Streite, zum Sieg und leite" der Gotteslobversion ist zwar poetisch nicht zu kritisieren, entkörperlicht aber den Kampf zum Streit. Das Lied ist aber, wie vor allem die lateinische Version zeigt, aus der Situation des Dreißigjährigen Krieges entstanden, und kann durchaus als Kampflied des "Deutschen Michel" verstanden. oder auch mißverstanden werden. Da ruft nicht nur die Kirche um Hilfe gegen ihre Feinde, sondern auch das deutsche Volk, das in den letzten Phasen des Dreißigjährigen Krieges Schauplatz eines mörderischen Kriegs der europäischen Nationen geworden war, der 2/3 der deutschen Bevölkerung das Leben kostete.

Nachdem im zwanzigsten Jahrhundert aber nun alles deutsch-nationale in Verrruf geraten war, geriet auch dieses Lied in Verruf. Teilweise hat man das Michaelslied als deutsch-nationales Kampflied sehen wollen.  Daß das Gotteslob den "Kampf" gegen "die Feinde" (und nicht etwa "den Feind") zensuriert, vollzieht dies nach. Die lateinische Version geriet in Vergessenheit, obwohl sie, wie dieses kleine Zitat aus Gottfried Kellers Züricher Novellen zeigt, im deutschen Sprachraum durchaus populär gewesen sein muß.
»Willst du schöne Bücher schreiben und malen lernen mit Gold und bunten Farben, Lieder singen und die Fiedel spielen,« sagte der Singmeister, »schöne Mailieder, kluge Sprüche und das Michaelslied: O heros invincibilis dux – oder wie hast du heut gesungen?« »O Herr, o Vizibiliduxi heißt es,« rief Johannes eifrig, und lachend fragte Konrad, wer ihn das gelehrt habe.
Darf man als Katholik "deutsch" empfinden, oder haben wir catholically correct ultramontan zu denken? Ich glaube, man darf, und auch der deutsche Papst versteht sich keineswegs als Internationalist.
Hölderlin hat gesagt: Am meisten vermag doch die Geburt. Und das spüre ich natürlich auch. Ich bin in Deutschland geboren, und die Wurzel kann nicht abgeschnitten werden und soll nicht abgeschnitten werden. Ich habe meine kulturelle Formung in Deutschland empfangen. Meine Sprache ist deutsch, und die Sprache ist die Weise, in der der Geist lebt und wirksam wird. 
Und auch dieses Lied, das wohl nicht nur in seiner deutschen, sondern wohl auch in seiner lateinischen Fassung auf Spee zurückgeht, läßt dies, die Identifikation mit der eigenen Nation zu, es ruft den Erzengel der Kirche, aber auch dem deutschen Volk zu Hilfe.

  1. Unüberwindlich starker Held, / Sankt Michael, / komm uns zu Hilf / zieh´ mit zu Feld / Hilf uns zu kämpfen, die Feind zu dämpfen/ Sankt Michael.
  2. Die Kirch dir anbefohlen ist; / St. Michael / du unser Schutz- und Schirmherr bist / hilf uns ...
  3. Du bist der himmlisch Bannerherr / - / die Engel sind dein Königsheer./ hilf uns..
  4. Groß ist dein Macht / groß ist dein Heer/ - / Groß auf dem Land, / groß auf dem Meer / hilf uns ..
  5. Von deiner Macht zu sagen weiß/ - / der höllisch Drach´und sein Geschmeiß/ hilf uns..
  6. Den Drachen du ergriffen hast / - / und unter deinen Fuß gefaßt/ hilf uns ...
  7. Mit Lucifer hast du gekämpft / - / und hast sein Heer mit Macht gedämpft/ hilf uns ...
  8. O starker Held groß ist dein Kraft/ - / Ach komm mit deiner Ritterschaft/ hilf uns ...
  9. Beschütz mit deinem Schild und Schwert / - / die Kirch, den Hirten und die Herd. / hilf uns ...
  10. Vor Pest, vor Krieg, vor Hungersnot / - / errette vor dem jähen Tod/ hilf uns ...
  11. O großer Fürst verlaß uns nit / -/ das ist einhellig unsre Bitt´/ hilf uns
Die lateinische Version ist jedenfalls nicht älter als die deutsche, ein erster Abdruck der deutschen Version erschien 1621 im "Würzburger Lustgärtlein" , ein erster Abdruck der lateinischen Version erschien 1642 im "Psalteriolum Harmonicum". Nimmt man diese Erscheinungsdaten für das Alter der beiden Versionen, so erklärt sich die nicht unwesentlich veränderte textliche Fassung vielleicht mit der Entwicklung des dreißigjährigen Krieges, der sich von einem Konfessionskonflikt zu einem europäischen Weltkrieg entwickelte hatte.

  1. O heros invincibilis, / Dux Michael/ Adesto nostris praeliis / Ora pro nobis, pugna pro nobis / Dux Michael
  2. Tu noster dux militiae / - / defensor es ecclesiae. 
  3. Coelestes omnes spiritus / - / Pars tui sunt exercitus.
  4. Per terras atque maria / - / Sunt note tua proelia.
  5. Per te, o heros belliger / - / prostratus iacet Lucifer.
  6. O magne Heros gloriae / - / Protector sis Germaniae.
  7. Ad arma, ad arma angelos / - / Ad arma voca subditos
  8. Erectis procul hostibus / - / Fer opem desperantibus.
  9. Afflictae pridem patriae / - / Optatam pacem reddite.
  10. A fame, peste libera / - / A servitute vindica.
  11. O Michael, Archangele / - / Hac voce oro supplice.
Ab der sechsten Strophe wandelt sich dieses Lied zum Bittgebet des in der Katastrophe des Dreißigjährigen Kriege verheerten Germaniens um Hilfe: O großer, ruhmreicher Held, sei der Beschützer Germaniens, ruf deine Engel zu den Waffen, vertreib die Feinde, bring Hilfe den Mutlosen, gib dem betrübten Vaterland den ersehnten Frieden zurück, befrei vor Hunger und Pest, errette vor Knechtschaft, O Michael, erhör dies flehentlich Gebet.

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Mittwoch, 28. September 2011

Tu auf, tu auf, du schönes Blut


Einer der Leser dieses Blogs hat in einer Anmerkung ein barockes Bußlied erwähnt, das mir völlig unbekannt war. Dabei findet es sich in meiner Sammlung alter Liederbücher gleich mehrfach. Schon in der bemerkenswerten Sammlung katholischer (und evangelischer) Kirchenlieder, dem "Rheinfelsischen Gesangbuch" von 1666 findet sich das Lied. Es findet sich aber auch in fast allen "vorkonziliaren" Gesangbüchern, etwa im münsteranischen "Laudate". Heute ist das Lied aus dem Repertoire fast ganz verschwunden. Die Redaktion des Gotteslobs hat das Stück nicht in den Stammteil aufgenommen, es findet sich nur noch vereinzelt in den Diözesananhängen.

Dabei ist der Autor der neben Johannes Scheffler produktivste und interessanteste Dichter der Gegenreformation: Friedrich Spee. Das Lied stammt aus seiner Trutz-Nachtigal, im Lauf seiner Rezeption ist es, wie fast alle Lieder Friedrich Spees, von Liederbuchautoren immer wieder abgedruckt worden, es hat dabei meist nur wenig Veränderung erfahren.

Der Inhalt ist aber nun einmal urkatholisch, was erklärt, daß das Lied auf die katholischen Liederbücher beschränkt blieb. Vielleicht erklärt es auch das fast völlige Verschwinden aus dem Gotteslob.

Ich habe es in einer von Clemens Brentano "romantisch" veränderten Fassung übernommen, die lediglich altertümliche Schreibweisen vermeidet.

Die Melodie folgt dem Rheinfelsischen Gesangbuch, ist also Barock pur, und hoffentlich nicht zu schwierig zu singen.

  1. Tu auf, tu auf, du schönes Blut / Gott will zu dir sich kehren! / O Sünder greif nun Herz und Mut / Hör auf die Sünd zu mehren; / Wer Buß zu rechter Zeit verricht´, / Der soll in Wahrheit leben. / Gott will den Tod des Sünders nicht / Wann willst du dich ergeben?
  2. Vergebens ist all Rat und Tat, / Was will du länger säumen ? / Es sei nun gleich früh oder spat, / Die Festung mußt du räumen. / O armes Kind! O Sünder blind! / Was hilft das Widerstreben? / Dein Stärk verschwindt als wie der Wind, / Laß ab, es ist vergebens!
  3. Tu auf, tu auf, glaub mir´s fürwahr, / Gott läßt mit sich nicht scherzen! / Dein arme Seel steht in Gefahr, / und wird dich´s ewig schmerzen. / Kehr wieder, o verlorner Sohn, / reiß ab der Sünden Banden! / Ich schwör dir bei dem Gottesthron / Die Gnad ist noch vorhanden.
  4. Geschwind, geschwind, all Uhr und Stund / Der Tod auf uns kommt eilen; / ist ungewiß, wen er verwundt / Mit seinen bleichen Pfeilen. / Wen er nicht findt in Gnadenzeit, wär nützer nie geboren; / Wer unbereit von hinnen scheidt, ist ewiglich verloren.
  5. O Ewigkeit, o Ewigkeit! / Wer wird sich können messen? / Sind deiner doch schon allbereit / Die Menschenkind vergessen./ O Gott vom höchsten Himmel gut, / Wann wird es besser werden? / Die Welt nur immer scherzen tut. / Kein Sinn ist mehr auf Erden.

Die büßende Maria Magdalena ist von El Greco gleich mehrfach dargestellt worden.

Sonntag, 25. September 2011

Fest soll mein Taufbund


Bei seiner Predigt im Berliner Olympiastadion hat Papst Benedikt XVI dieses Lied Christoph Bernhard Verspoells erwähnt, im Zusammenhang mit einer Anmerkung, in der er das selbstverschuldete "Leiden an der Kirche" thematisiert.
Wenn ... der Blick auf das Negative fixiert bleibt, dann erschließt sich das große und tiefe Mysterium der Kirche nicht mehr. Dann kommt auch keine Freude mehr über die Zugehörigkeit zu diesem Weinstock "Kirche" auf. Es verbreiten sich Unzufriedenheit und Missvergnügen, wenn man die eigenen oberflächlichen und fehlerhaften Vorstellungen von "Kirche", die eigenen "Kirchenträume" nicht verwirklicht sieht! Da verstummt dann auch das frohe "Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad´ in seine Kirch´ berufen hat", das Generationen von Katholiken mit Überzeugung gesungen haben.
Dieses Lied ist nun auch im "Gotteslob" "verstummt". In den Hauptteil des Gotteslobes ist das Lied nicht mehr aufgenommen worden, es findet sich nur teilweise noch in den Diözesanteilen und dort häufig in einer Weise umgedichtet, daß man den ursprünglichen Sinn des Textes kaum noch erkennen kann. So wird der Text etwa im Mainzer Diözesanteil gewissermaßen ekklesiologisch ausgedünnt. Wo es bei Verspoell heißt : "Sie (die Kirche) soll mich allzeit gläubig sehen, und folgsam ihren Lehren", heißt es in Mainz "Ich will den Weg des Glaubens gehen, und folgen Gottes Lehren". Statt "Nie will ich von ihr (der Kirche) weichen" liest man da "ihm (Gott) will ich allzeit leben." Da wird ökumistig, was ökumenisch gedacht war. Daß die Määnzer nur den ersten, auch noch verstümmelten Vers bieten, zeigt die bemerkenswerte Lieblosigkeit, mit der die Verfasser kirchenamtlicher Liederbücher mit katholischem Liedgut verfahren.

Den Liederbuchmachern des 19. Jahrhunderts, die diesen Text selbstverständlich aufnahmen, war eher daran gelegen, die ekklesiologische Botschaft des Liedes noch einen Tick stärker zu betonen, Joseph Mohr etwa macht aus dem "in seine Kirch´" ein "Zur Wahren Kirch´", womit dann klargestellt wäre, was mit der "Kirch´" gemeint ist.

Die Popularität des Liedes drückt sich darin aus, daß es mehrere alternative Melodien gibt - die heute gebräuchliche geht auf Bierbaum zurück - und eine kaum noch überschaubare Zahl von Ergänzungen und Umdichtungen. Verspoell selbst hat das Lied unter das Kapitel "Lieder zum Fronleichnamsfeste" eingeordnet, sein Text thematisiert das Heilige Meßopfer, und nicht, wie die erste Zeile erwarten läßt, die Taufe.
  1. Fest soll mein Taufbund immer stehn, / Ich will die Kirche hören. / Sie soll mich allzeit gläubig sehn / und folgsam ihren Lehren / Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad / In seine Kirche berufen hat;  / nie will ich von ihr weichen.
  2. Du Gottmensch bist mit Fleisch und Blut / Wahrhaftig hier zugegen, / Und dein Genuß, o höchstes Gut! / Bringt meiner Seele Segen. / Dir, ew´ge Wahrheit! glaube ich; / In diesem Glauben stärke mich, / Bis ich dich ewig sehe.
  3. Dein Fleisch und Blut wird meinem Geist´ / Im Guten Stärke geben;  /  Und führt mich wie´s dein Mund verheißt, / Gewiß zum ew´gen Leben. /  Dir, güt´ge Allmacht traue ich; / In dieser Hoffnung stärke mich, / bis ich dich einst besitze.
  4. Du littest, starbst, und setztest ein / ein Denkmal dieser Liebe, / Daß du ganz mein und ich ganz dein / In Ewigkeit verbliebe. / Mein Jesu! liebvoll dank ich dir, / Vermehre deine Lieb´ in mir; / Laß mich dich ewig lieben.
Das Stichwort "Taufe" hat nun andere Liederdichter dazu gereizt, das Thema in weiteren Strophen zu erweitern, und aus dem Prozessionslied zu Fronleichnam ein Tauflied zu machen. Eine der populärsten Versionen, von der ich leider den Texter nicht kenne, macht aus Verspoells Gedicht ein Tauf- und Bekenntnislied
  1. Fest soll mein Taufbund immer stehn,  ...
  2. Dem bösen Feind und seiner Pracht /  gelob’ ich zu entsagen; / verachte seine ganze Macht, / will lieber Schmach ertragen. / Ich fliehe alle Werke sein; / sie enden mit der Hölle Pein, / bereiten ew’ge Qualen.
  3. Die rechten Wege wandle ich, / solang’ ich leb’ auf Erden. / Getreuer Gott, beschütze mich / Und lass mich selig werden! / O mach mich ähnlich Deinem Sohn, / dass ich erhalte meinen Lohn / im Himmel einst auf ewig.
Die Version von Johannes Pinsk variiert ebenfalls das Thema Taufe, und hat wegen seiner poetischen und theologischen Qualität einen Ehrenplatz verdient.
  1. Fest soll mein Taufbund immer stehn,...
  2. O Seligkeit getauft zu sein: / In Christus eingesenket! / Am Leben der Dreieinigkeit / Ward Anteil mir geschenket. / Ich bin nun Kirche, Christi Glied, / Ein Wunder ist's, wie das geschieht. / Ich bete an und glaube. 
  3. An Jesu Christi Priestertum / Hab ich nun teil in Gnaden. / Zum Opferdienst, zum Gotteslob / Hat er mich eingeladen. / Ich bin gesalbt zum heilgen Streit, / Bin Christi Königreich geweiht; / ihm will ich leben, sterben.
Das Bild zeigt einen kleinen Ausschnitt aus der astonomischen Uhr im Dom zu Münster, wo Christoph Bernhard Verspoell als Vikar gedient hat.