Sonntag, 6. November 2022

In dieser Nacht

 

Manchmal lobe ich mir doch die Evangelen: "Das Wort sie sollen lassen stahn", das führt dazu, daß alte Kirchenlieder eben so bleiben, wie sie ursprünglich verfasst worden sind, während in katholischen Gesangbüchern häufig kein Stein auf dem anderen bleibt. Selbst dieses, doch sehr einfache und kindliche Abendgebet wurde umgeschrieben, wahrscheinlich mit dem Argument, es müsse "dem heutigen Sprachgebrauch" angepasst werden. Sinnentstellend sind diese Änderungen nicht, aber daß man im dritten Vers die "gnäd´ge" Frau Maria durch die "große Frau" ersetzt hat, bringt mich ins Grübeln. Wollte man die Verwechslung mit der Anrede "gnädige Frau" vermeiden (die heute als so was von old school gilt)? Oder ist Maria nun nur noch groß, aber nicht mehr gnädig?

Der neue Text taucht erst in den Nachkriegs-Gesangbüchern auf. Hier das Original:

  1. In dieser Nacht / sei du mein Schirm und Wacht / O Gott durch deine Macht / Wollst mich bewahren / Vor Sünd und Leid / Vor Satans List und Neid / Hilf mir im letzten Streit / In Todsgefahren
  2. O Jesu mein / Die heil´gen Wunden dein / Soll´n meine Ruhstatt sein / Das Bett der Seelen / In dieser Ruh / Schließ mir die Augen zu / Mein´n Leib und alles tu / Ich dir befehlen.
  3. O gnäd´ge Frau / Maria auf mich schau! / Mein Herz dir anvertrau´ / In meinem Schlafen / Auch schütze mich / Sankt Joseph väterlich; / Schutzengel streit für mich / mit deinen Waffen.

Verfasser des Liedes ist Joseph Mohr. Die Melodie ist älter

Samstag, 29. Oktober 2022

Müde bin ich, geh zur Ruh

Snowwhite praying
 

Es ist wohl das populärste Abendlied Deutschlands. Im Gotteslob findet es sich allerdings nicht, in den Diözesangesangbüchern war es noch abgedruckt, nicht ganz im Original, aber doch ganz vorne bei den Abendgebeten für Kinder.

Und weil es so populär ist, ist es auch immer wieder umgedichtet und parodiert worden, zum Beispiel so:

Müde bin ich, geh zur Ruh´/ decke mich mit Kuhdreck zu / kommt der böse Feind herein / greift er in den Kuhdreck rein

Das Original geht so

  1. Müde bin ich, geh zur Ruh / schließe beyde Äuglein zu : Vater laß die Augen deyn / über meinem Bette sein
  2. Hab ich Unrecht heut getan / sieh es, lieber Gott, nicht an! / Deine Gnad und Jesu Blut, Macht ja allen Schaden gut.
  3. Alle, die mir sind verwandt. / Gott, laß ruhn in deiner Hand. / Alle Menschen,  groß und klein, / sollen dir befohlen sein.
  4. Kranken Herzen sende Ruh, / Nasse Augen schließe zu; / Laß den Mond am Himmel stehn, / Und die stille Welt besehn.

Im Allgemeinen sieht man das Lied - oder das Gebet - als Kinderlied an, auch wegen der "Äuglein". Daß Luise Hensel, die das Lied im Alter von 18 Jahren gedichtet hat, es so sah, ist nicht plausibel. Jedenfalls ist es wohl gelungen und es ist zu Recht mit der Aufnahme in das "Geistliche Wunderhorn" als "Großes deutsches Kirchenlied" geadelt worden.

Es findet sich allerdings nur selten unumgedichtet in den Sammlungen. Meist traf es die "Äuglein", die man als zu kindlich ansah, in fast allen Fällen gefielen die zwei letzten Zeilen nicht. Man hat sie wohl als zu "ungeistlich" angesehen. 

Nun ist aber der Mond in vielen geistlichen Abendlieder das Nachtlicht Gottes ("Der Mond ist aufgegangen"), das er an den Himmel gehängt hat, um über uns zu wachen und unseren Schlaf zu bescheinen. Die Augen Gottes aus dem ersten Vers haben ihre Entsprechung im Mond, der über uns wacht. Also paßt es, warum es ändern?

Die am häufigsten gesungene Melodie

Montag, 3. Oktober 2022

Quem pastores laudavere

Taddeo Gaddi Verkündigung

Wer heute den Text und die Melodie des "Quem pastores" in irgendeinem Gesangbuch sucht, wird nicht fündig werden. Dabei hat dieses Lied eine ganze Tradition geprägt: das Quempas-Singen. In evangelischen Liederbüchern findet sich immerhin die weitestgehend wörtliche Übersetzung "Den die Hirten lobeten sehre" von Matthäus Ludecus, im Gotteslob findet sich lediglich eine gruselige Nachdichtung von Markus Jenny "Hört es klingt und singt mit Schalle".

Das Lied gehört wie das "Nunc angelorum Gloria", das "Resonet in Laudibus" und "Magnum nomen domini" zu den sogenannten Wiegenliedern. Es gibt zahlreiche Belege dafür, daß diese Lieder während des "Kindelwiegens" gesungen wurde. Dabei zogen die Sänger mit einer Abbildung des Christkinds durch die Straßen und jedes Gemeindemitglied durfte das Kind nehmen und wiegen. Auch für Gottesdienste ist eine ähnliche Praxis bezeugt.

Text und Melodie finden sich erstmals 1460 im Hohenfurter Liederbuch des Zisterzienser-Kloster Hohenfurt in Böhmen: 

  1. Quem pastores laudavere / Quibus angeli dixere /Absit vobis iam timere / Natus es rex gloriae. 
  2. Ad quem reges ambulabant / Aurum, Thus, Myrrham portabant / Immolabant haec sincere / Leoni victoriae
  3. Christo regi Deo nato / Per Mariam nobis dato / Merito resonat vere / Dulci cum melodia
  4. Exultemus cum Maria / in coelesti hierarchia / Natum promat voce pia / Laus, honor et gloria
Diese vier Verse sind keineswegs die einzigen. es gibt Versionen mit bis zu 21 Versen, was die Popularität des Liedes - und seiner Melodie bezeugt. 

Populär wurde das Lied vor allem als Kerntext des sogenannten Quempas-Singen. Die Verse werden dabei in ihre vier Zeilen unterteilt, jede Zeile wird von je einem (Knaben/Schüler/Mädchen)-Chor gesungen, die jeweils in einer der vier Ecken des Kirchenschiffs stehen, so daß der "Quempas umgeht", im Anschluß singt der Chor einen Vers des "nunc angelorum gloria" und im Anschluß daran die Gemeinde das "Magnum nomen domini". Großes Theater und in Deutschland, England, Süd-Skandinavien, Finnland und Böhmen sehr populär.

Daß diese Festivität nicht nur in protestantischen Gemeinden populär war, sondern auch in katholischen, läßt sich daran ablesen, daß Leisentrit in seine "Geistlichen Liedern und Psalmen" 1567  "Ein schön Lied vor die Knaben in der Kirchen zu singen auff vier Chor" wiedergibt, mit einer Melodie, die der des "Quem pastores" enstpricht. Der Text ist eine Neudichtung, die auf Valentin Trillers "Schlesich Singebüchlein" (1555) zurückgeht. Man schrieb damals also unbefangen voneinander ab.

Mit  Praetorius Arrangement des "Quem Pastores" sowie des "nunc angelorum gloria", sowohl in latein als auch in deutsch, ist der Quempas im protestantischen Umfeld kanonisch geworden. Er findet sich in allen protestantischen Gesangbüchern bis heute.

Das QuempasSingen selbst ist während des 19. Jahrhunderts außer Mode gekommen, mit den Lateinschulen verschwanden auch die Quempas-Hefte, die fleißige Schüler für den feierlichen Weihnachtsgottesdienst gestalteten.

Im Gegensatz zur protestantischen Tradition ist das Lied aus den katholischen Gesangbüchern verschwunden. Es findet sich weder in den Diözesan-Gesangbüchern vor dem Krieg, noch in denen nach dem Krieg. 

Erst mit dem Gotteslob 1975 erscheint ein Lied, das so tut, als habe es etwas mit dem alten "quem pastores" zu tun: "Hört es klingt und singt mit Schalle" von Markus Jenny. Verstehen kann man dieses Werk nun dann, wenn man Jennys Intention kennt: Jenny, einer der maßgeblichen Macher der "AöL" und des Gotteslobs 1975 war der festen Überzeugung, daß es gar keine konfessionellen Gesangbücher mehr geben dürfe, vielmehr müsse die Christenheit nicht nur mit einer Stimme sprechen, sie müsse auch die selben Lieder singen. Das funktioniert nun aber nur, wenn man alles wegrasiert, was dem von Jenny imaginierten Standard-Christen aufstoßen könnte: von der Marienverehrung bis zum Glauben an die letzten Dinge, an Hölle, Tod und Teufel. Kurz gesagt, das Wassersuppen-Christentum, diätetisch, bekömmlich, nur leicht gesalzen, aber keinesfalls und für gar überhaupt niemanden anstößig.

Der Versrhythmus, immerhin, wird beibehalten, aber nun reimt sich nicht mehr laudavere auf dixere und timere, sondern Schalle auf alle und Stalle. Und - BürokratenSprech - nicht mehr die Hirten loben, sondern das "ES" singt und klingt. Der dritte Vers fällt völlig aus dem Rahmen, denn nun ist nicht mehr die Rede von Maria, die uns den König, den Christus geboren hat, sondern von den "Hohen und Geringen", mit denen wir Gaben bringen und voll Freude singen. Daß die Hohen Theologen, die das Gotteslob doch letztlich verantwortet haben, den letzten Vers haben durchgehen lassen, spricht Bände:
Denn er ist zur Welt gekommen / für die Sünder und die Frommen / hat uns alle angenommen / uns zum Heil und Gott zur Ehr

Das riecht nach Allerlösungslehre, nicht?

Die Verantwortlichen sind die selben, die sich jahrelang dagegen gesperrt haben das "pro multis" richtig mit "für Viele", statt mit "für Alle".zu übersetzen.

Melodie und Text und Noten finden sich hier.

Mittwoch, 21. September 2022

Adeste fideles

 

Bonnie Prince Charlie

Wo ist die AöL (Arbeitsgemeinschaft ökumenisches Liedgut), wenn man sie mal braucht? Daß dieses Lied in zwei Versionen, einer evangelischen und einer katholischen exisitiert, hat sie jedenfalls nicht verhindert.

Das "Adeste fideles" findet sich vielmehr in einer jeweils anderen Übersetzung beruhend auf einem jeweils anderen lateinischen Urtext sowohl im EG wie auch dem Gotteslob.  Die Fassung im EG beruht auf der älteren lateinischen Version, die auf John Francis Wade zurückgeht, die Fassung des Gotteslobs auf der jüngeren lateinischen Version, die mit Jean François Borderies in Verbindung gebracht wird. Beide Autoren nehmen nicht für sich in Anspruch, die jeweilige Fassung auch gedichtet und komponiert zu haben, aber sie haben sie jeweils veröffentlicht und für ihre Verbreitung gesorgt. Unbekannt ist ebenso der Komponist der Melodie.

Beide Autoren der lateinischen Fassung teilen ein Migrantenschicksal. Wade mußte nach der Niederschlagung des Jacobiten-Aufstands 1746, in dessen Folge es zur Verfolgung englischer Katholiken kam, nach Frankreich fliehen. Wade war also ein Anhänger des Anwärters auf den englischen Thron aus dem Haus Stuart, offiziell "Charles III", inoffiziell "Bonnie Prince Charlie". Daß nun ausgerechnet ein Lied, das auf einen jacobitischen Flüchtling zurückgeht, in der englischen Übersetzung "O come alle ye fathful", zu einem der populärsten Weihnachtslieder im englischen Sprachraum geworden ist,  ist  doch ein Beweis, das das Katholische sich stets durchsetzt, nicht?

Abbé Bordieres flüchtete nach der französischen Revolution 1789 nach England, und kehrte erst nach der Beendigung des Terreur und der Hinrichtung Robespierres 1795 nach Frankreich zurück.

Wades Fassung des Hymnus ist spätestens für 1751 bezeugt, die Fassung von Bordieres für 1822, Wades Fassung ist also die ältere. Der protestantische Pfarrer (und Universalgelehrte) Ranke hat 1823 die Wade-Version ins Deutsche übersetzt, seine Fassung findet sich im EG. Joseph Mohr übersetzte die Bordieres-Fassung 1873. Beide Übersetzungen sind gut gelungen, daß wir nun zwei Hymnen mit der selben "Wurzel" haben, statt nur einer, darüber muß sich also keiner grämen.

Die katholischen Gesangbücher, die die jüngere, "französiche" Fassung aufnehmen, haben sich inhaltlich für die eindeutig bessere Version entschieden. Beide lateinischen Hymnen teilen den selben Anfangsvers, die weiteren Verse von Wade beschränken sich jedoch auf Glaubenssätze, ein roter Faden ist nicht erkennbar.  Bordieres hingegen entfaltet das Thema des ersten Verses mit der Verehrung des Kindes durch die Hirten, die zum Stall eilen. und ihre Herden verlassen.  Das Lied fordert die "Gläubigen Seelen" auf, es den Hirten gleichzutun, verkündet, was sie erwartet, und fordert sie auf, das Kind zu umarmen ("piis foveamus amplexibus") und liebend zu verehren.

In den katholischen Gesangbüchern nach dem Krieg findet sich die Version von Mohr, allerdings keineswegs in allen Diözesangesangbücher. Die Redakteure des Gotteslobs 1975 nehmen das Lied in den Hauptteil auf, waren offenbar der Meinung, man müsse Joseph Mohrs Übersetzung "verbessern". So lautete der Titel nun aus unerfindlichen Gründen "Nun freut euch ihr Christen", statt "Auf! Gläubige Seelen!". Wie es scheint, war "Seele" und "gläubig" anno 1975 gerade nicht angesagt. Schlimmer noch:  die vierte Strophe der Bordieres/Mohr-Version ersetzt das GL 75 durch die dritte von Wade/Ranke, statt mit der Krippen-Strophe endet das Lied mit einer Gloria-Strophe. Abrißunternehmen Gotteslob (Ansgar Franz in "Geistliches Wunderhorn"). Ansgar Franz Kritik hat immerhin ein bißchen gefruchtet: das GL2013 kehrt zur Version von Mohr so in etwa zurück, die sinnentstellenden Umdichtungen bleiben aber erhalten. Leider findet sich bis heute in keinem Gesangbuch die lateinische Version, die trotz des redlichen Bemühens von Joseph Mohr doch noch ein bißchen besser ist als die beste Übersetzung. Dafür ist Mohrs Version die einzige mit Reim.

Die lateinische Version in der "französischen" Tradition:

  1. Adeste fideles / laeti triumphantes, / venite, venite / in Bethlehem. / Natum videte / Regem angelorum. / Venite adoremus / Dominum.
  2. En grege relicto / humiles ad cunas / vocati pastores / approperant: / Et nos ovanti gradu / festinemus. / Venite ... .
  3. Aeterni parentis / splendorem aeternum /  velatum sub carne / videbimus, / Deum infantem / pannis involutum. / Venite ...
  4. Pro nobis egenum / et foeno cubantem / piis foveamus / amplexibus. / Sic nos amantem / quis non redamaret? / Venite ... .

Joseph Mohrs Übersetzung:

  1. Auf gläubige Seelen /  singet Jubellieder  / Und kommet / kommt alle nach Betlehem / Christus der Heiland / stieg zu uns hernieder / Kommt lasset uns anbeten / unseren Herrn
  2. Die Hirten verlassen / eilends ihre Herden / und suchen das Kind / nach des Engels Wort / Gehn wir mit ihnen / Friede soll uns werden / Kommt ... 
  3. Der Abglanz des Vaters  / Herr der Herren alle / ist heute erschienen  / in unserem Fleisch / Gott der in Windeln liegt im kalten Stalle / Kommt ... .
  4. Seht wie er in Armut / liegt auf Stroh gebettet / O schenken wir / Liebe für Liebe ihm / Christus das Kindlein / das uns all errettet / Kommt ... .

Melodie

Montag, 19. September 2022

Es ist ein Ros entsprungen

 

Maria im Garten 15. Jhdt.

In 400 Jahren haben es Katholiken und Protestanten nicht geschafft, sich auf eine einheitliche Version dieses Liedes zu einigen, eines der meist gesungenen und gespielten Weihnachtslieder überhaupt. 

Die Bifurkation - hie gut katholisch - dorten gut evangelisch - setzte bereits 1609 ein, kurze Zeit, nachdem das Lied erstmals 1599 in einem katholischen Gesangbuch abgedruckt wurde. Das Lied ist älter, das älteste Textzeugnis datiert von 1587, es dürfte damals schon viele Jahre mündlich überliefert worden sein. Die ersten beiden Strophen, die wir bis heute singen - wie gesagt, je nachdem auf welcher Seite des Konfessionsgraben wir stehen - haben folgenden Wortlaut:

  1. Es ist ein Ros entsprungen / aus einer Wurzel zart / als uns die Alten sungen / aus Jesse kam die Art / und hat ein Blümlein bracht / mitten im kalten Winter / wohl zu der halben Nacht 
  2. Das Röslein das ich meine / davon Jesaja sagt / ist Maria die reine / die uns das Blümlein bracht / aus Gottes ewgem Rat / hat sie ein Kindlein gboren / und blieb ein reine Magd.

 In der ersten gedruckten Version von 1599 folgen 21 weitere Verse, die man als Erzähllied einstufen kann.

Es handelt sich um ein Rätsellied. Wer ist das "Ros", wer ist die Wurzel und wer das Blümlein? Der erste Vers enthält schon ein paar Hinweise, mit denen ein bibelfester Codeknacker in Windeseile das Rätsel lösen könnte, vor allem wenn er die Vulgata kennt.

"Egredietur virga de radice Jesse / et flos de radice eius ascendet" (Jesaja 11,1) "Es wird hervorgehen ein Reis aus der Wurzel Jesse / und eine Blume wird aus ihrer Wurzel aufgehen". Schon die Kirchenväter haben die "virgo" mit der "virga" in Verbindung gesetzt, die Virgo, die aus der Wurzel Jesse stammt, bringt das Blümlein hervor. Rätsel gelöst, der zweite Vers bringt die Lösung noch einmal für die weniger Bibelfesten, das Reis ist Maria, das Blümlein ist das Kindlein und Maria blieb ante partum, peri partum und post partum Jungfrau. 

Des Rätsels Lösung gefiel schon 1609 dem protestantischen Komponisten Praetorius nicht, und so lautet bei Praetorius der zweite Vers:

Das Röslein das ich meine / davon Jesajas sagt / hat uns gebracht alleine / Mary die reine Magd / aus Gottes ewgem Rat / hat sie ein Kind geboren / ...

Bei der letzten Zeile hat den Hofkapellmeister und geheimen Kammersekretär Praetorius die Dichtkunst gleich ganz verlassen, es waren andere, die dann die letzte Zeile mit "wohl zu der halben Nacht" oder anderswie beendeten. Nun blieb das Rätsel ungelöst, denn daß das Röslein jetzt gleich dem Blümelein sein soll und daß das Röslein aber trotzdem ein Blümelein hervorbringt, das kann man ja gar nicht glauben. Dichtkunst und Logik leiden, aber Praetorius Komposition war sehr erfolgreich und gehört zum klassischen Repertoire jedes Chors.

Woher die Melodie stammt ist unbekannt, schön ist sie jedenfalls und sie hat uns das Lied gerettet bis heute.

Das Lied verschwand wie viele andere im Zeitalter der "Aufklärung", das ja schon qua Programm keine Rätsel mag, im Dunkel der Archive. Aus diesem Dunkel befreit hat sie unter anderen ein protestantischer Pastor, der Pfarrer Layriz. Layriz hat wohl zunächst nur die beiden ersten Verse vorgefunden. Er fand es offenbar schade, daß das schöne Lied nach nur zwei Strophen endet und hat gleich drei weitere Strophen dazu gedichtet, eine davon ist wiederum "kanonisch" geworden, eine zweite kann man schon singen, wenn man unbedingt noch eine Strophe dranhängen will. Chordirigenten machen das gerne, sie sehen das genauso wie Pfarrer Layriz. Die Strophe gebe ich in der aktuellen, leicht verbesserten (Blümlein statt Röslein) Version wieder, denn der Herr Pastor ist Praetorius unlogischer Neudichtung gefolgt.

Das Blümelein so kleine das duftet uns so süß / mit seinem hellen Scheine vertreibts die Finsternis /  Wahr Mensch und wahrer Gott / hilft uns aus allem Leide / rettet von Sünd und Tod
O Jesu bis zum Scheiden / aus diesem Jammertal / laß dein Hilf uns geleiten / hin in den Freudensaal / In deines Vaters Reich / da wir dich ewig loben / O Gott uns das verleih

 Das Lied wird auch in die Diözesan-Gesangbücher übernommen, allerdings in der Vorkriegsversion ergänzt durch meist zwei "Erzählstrophen" aus der Urfassung von 1599, die poetisch mit den ersten beiden Strophen nicht mithalten können und so wirken, wie sie schon vor vierhundert Jahren gewirkt haben, nämlich lieblos drangeklebt.

Das "Kirchenlied" (von Georg Thurmair et. al.) nimmt stattdessen die beiden Ur-Strophen, fügt als dritte Layriz duftendes Blümlein dazu und prägt damit die Diözesan-Gesangbücher nach 1945. 

Das Gotteslob 1975 "erfreut" uns mit einer "ökumenischen" Version, die den zweiten Vers im Sinne von Praetorius "christologisch" umdichtet. Praetorius "Röslein"-Fehler wird beseitigt, so daß uns Maria nunmehr das "Blümlein" bringt , Maria bleibt konsequenterweise keine reine Magd, stattdessen macht uns nun das Blümlein selig. Die Bifurkation ist beseitigt - zu lasten der katholischen Tradition.

Wirklich glücklich ist damit nun keiner geworden, so daß das GL2013 wieder zur Urfassung von 1587 zurückkehrt, ergänzt um einen Layriz-Vers, den mit dem duftenden Blümlein/Röslein. Dafür muß nun das ach so schwer erarbeitete "ö" in Klammer gesetzt werden, im EKG bleibt es ungeklammert erhalten. (Es erhob sich übrigens darob großes Wehklagen unter den Ö-Katholen zwegens des Verrats an der ökumenischen "Idee"). Der erste Layriz-Vers bleibt erhalten. 

Ich bekenne: Layriz "duftendes Blümlein" finde ich gut, der Vers darf bleiben. Aber mit den ersten beiden Versen allein kann man auch gut leben, natürlich nur mit den echt ehrlich wirklich wahren Ur-Versen (in meiner Gemeinde werden sowieso meist nur zwei Verse gesungen). Eine Fassung aus dem Urtext und einem Teil der Layriz-Nachdichtung könnte so aussehen:

  1. Es ist ein Ros entsprungen / aus einer Wurzel zart / als uns die Alten sungen / aus Jesse kam die Art / und hat ein Blümlein bracht / mitten im kalten Winter / wohl zu der halben Nacht 
  2. Das Röslein das ich meine / davon Jesaja sagt / ist Maria die reine / die uns das Blümlein bracht / aus Gottes ewgem Rat / hat sie ein Kindlein gboren / und blieb ein reine Magd.
  3. Das Blümelein so kleine / das duftet uns so süß / mit seinem hellen Scheine / vertreibts die Finsternis /  Wahr Mensch und wahrer Gott / hilft uns aus allem Leide / rettet von Sünd und Tod
  4. O Jesu bis zum Scheiden / aus diesem Jammertal / laß dein Hilf uns geleiten / hin in den Freudensaal / In deines Vaters Reich / da wir dich ewig loben / O Gott uns das verleih

Melodie

Mittwoch, 14. September 2022

In dulci Jubilo

In dulci jubilo, älteste bekannte Fassung Ende 14. Jhdt.

Angeblich soll Heinrich Seuse (* 1295 +1366) , der seliggesprochene Gelehrte und Mystiker, persönlich das Lied gedichtet haben. Konkrete Nachweise dafür gibt es nicht, bekannt ist aber, daß Seuse die Melodie des Liedes kannte. Das Lied war daher wohl schon spätestens Mitte des 14. Jahrhunderts bekannt. Die frühesten Zeugnisse sind zwei Handschriften von Ende des 14. Jahrhundert und Anfang des 15. Jahrhunderts. Das Lied besteht in der ältesten überlieferten Fassung aus vier Strophen zu je zehn Zeilen, es wird noch eine acht-zeilige Version gegeben haben, über die nicht viel bekannt ist. Hier die Version, die um 1440 in der Kartause zu Köln entstanden ist:

  1. In dulci jubilo / singet und weset froh / all unsres Herzen Wonne / liegt in praesepio / hie leucht recht als die Sonne / matris in gremio / ergo merito / ergo merito / des sollen alle Herzen / schweben in gaudio
  2. O Jesu parvule / nach dir ist mir so weh / tröst du mein Gemüte / tu puer inclite / hilf uns durch deine Güte / tu puer optime / trahe me post te / trahe me post te / in deinesVaters Reich / tu princeps gloriae
  3. Ubi sunt gaudia / nirgend dann allda / da hört man Saiten klingen / in regis curia / da hört man Engel singen / nova cantica / eya qualia  eya qualia / O Mutter aller Güten  bring uns ad talia
  4. Maria nostra spes / Jungfrau helf uns des / daß wir so selig werden / als dein progenies / vergib uns unsre Sünden / viel mehr denn septies / Vitam nobis des / vitam nobis des / daß uns zuteile werde / aeterna requies
Diese Fassung hat vier Strophen zu je zehn Zeilen, durchgesetzt hat sich schließlich eine kürzere Fassung mit acht Zeilen. Die heute bekannteste Fassung der ersten drei Strophen findet sich in Michael Vehes "New Gesangbüchlin" von 1567:
  1. In dulci jubilo  nun singet und seid froh / unsers Herzens Wonne liegt in praesepio / und leuchtet wie die Sonne matris in gremio / Alpha es et O, Alpha es et O
  2. O Jesu parvule, nach dir ist mir so weh / Tröst mir mein Gemüte, o puer optime / durch alle deine Güte, o princeps gloriae. / Trahe me post te , trahe me post te
  3. Ubi sunt gaudia? Nirgends mehr denn da, / wo die Engel singen nova cantica / und die Zimbeln klingen in regis curia / eja qualia, eja qualia !
Es blieb nun nicht bei diesen drei, denn ursprünglich hatte das Lied ja 4 Strophen, und der letzte Satz der zehnzeiligen Variante lautet schließlich "O Mutter aller Güten, bring uns ad talia". Es mußte also Ersatz her, und der lautete dann:
Mater et filia ist Jungfrau Maria / wir wären gar verloren per nostra crimina / so hast du uns erworben coelorum gaudia / Maria hilf uns dar! Maria hilf uns dar!

 Für die protestantische Seele war nun der Marienvers nicht tragbar, so daß man sich einen protestantisch-theologisch korrekteren ausdachte:

O patris charitas o Nati lenitas / wir wären all verloren per nostra crimina / so hast du uns erworben coelorum gaudia / Eya wer wir da  Eya wer wir da

So das Bapstsche Gesangbuch von 1545. Aber der marianische Vers ist ja auch nicht ganz falsch, und das "Eja wern wir da" paßt nicht zum Schlußvers, sondern zum dritten Vers, der den Himmel beschreibt. Die schlüssigste Version macht das so, sie findet sich, gewissermaßen als katholisch-protestantisches Mischlied bei Ingeborg Weber-Kellermanns "Buch der Weihnachtslieder". Auch wenn damit ein Formprinzip aufgegeben wird, nämlich die durchgehende Zweisprachigkeit so macht die Abfolge der Himmels- und Marienstrophe Sinn.

  1. In dulci jubilo  nun singet und seid froh / unsers Herzens Wonne liegt in praesepio / und leuchtet wie die Sonne matris in gremio / Alpha es et O, Alpha es et O
  2. O Jesu parvule, nach dir ist mir so weh / Tröst mir mein Gemüte, o puer optime / durch alle deine Güte, o princeps gloriae. / Trahe me post te , trahe me post te
  3. Ubi sunt gaudia? Nirgends mehr denn da, / wo die Engel singen nova cantica / und die Zimbeln klingen in regis curia / eja wärn wir da! eja wärn wir da !
  4. Mater et filia ist Jungfrau Maria / wir wären gar verloren per nostra crimina / so hast du uns erworben coelorum gaudia / Maria hilf uns da! Maria hilf uns da!
Zur Rezeptionsgeschichte ist zu sagen, daß das Lied in den meisten Gesangbücher des 16. und 17. Jahrhunderts in der einen - protestantischen - oder anderen - katholischen - Version auftaucht. Corner, der ja einen konfessionsverbindenden Ansatz hat, verbindet beide Schlußverse mit der Folge, daß zwei nahezu gleichklingende Verse aufeinander folgen.  Das "Rheinfelsische" verzichtet auf eine Marienanrufung und setzt stattdessen den Bapstschen Vers auf den dritten Platz - das RGB versteht sich als ökumenisches Gesangbuch.

Das Lied überlebt die Aufklärung nicht, jedenfalls nicht in der zweisprachigen Version, erst im 20. Jahrhundert wird es wiederentdeckt, es findet sich erstmals in der dreistrophigen Version von Vehe im "Singeschiff" und dann in allen folgenden Diözesangesangbüchern. Das Gotteslob und das Schweizer Gesangbuch und leider auch das "Laudate Patrem" wählen die protestantisierende Version des RGB und dürfen sich als Trostpflaster mit dem Label ö+ schmücken. 

Besser wirds dadurch nicht, katholischer auch nicht, und die Evangolen sind sowieso bei ihrer teutschen Version geblieben, die auch ganz nett klingt, aber doch weniger OUMPF!!! hat als die zweisprachige Version.

Dienstag, 13. September 2022

Puer natus in Betlehem

Giotto Krippenszene

Noch eine Vermißtenmeldung. Noch ein Lied, das in Richtung der Konzertsäle entschwunden ist. Die älteste lateinische Fassung desymnus "puer natus in Betlehem", verbunden mit einer lebendigen gregorianischen Melodie, stammt von Anfang des 14. Jahrhunderts, die älteste deutsche Übersetzung stammt von Heinrich Laufenberg aus dem Jahre 1439. Sie hat mal sechs, mal bis zu fünzehnVerse.

Die bekannteste deutsche Text-Version ist im (lutheranischen) Bapstschen Gesangbuch von 1545 abgedruckt,  die volkstümliche Melodie, die auch hier nicht auf der gregorianischen beruht, findet sich erstmals bei Lucas Lossius 1553. Interessant ist bei diesem Lied, das in der Regel sowohl die lateinische Version als auch die deutsche (auch die dänische und die schwedische) Version zusammen abgedruckt wird, also wohl im Wechselgesang (Schola: latein, Gemeinde: Volkssprache) gesungen wurde.

Seit dem 16. Jahrhundert gehört das Lied zum Standardrepertoire aller katholischen (Beuttner, Corner, Rheinfelsisches Gesangbuch,Leisentrit) wie auch evangelischen Gesangbücher. Joseph Mohr hat das Lied nicht radikal, aber doch ziemlich deutlich umgedichtet und umkomponiert, und auch in den Diözesangesangbücher bleibt das Lied nicht vom typisch katholischen UDF, dem UmDichtFimmel verschont, meist in Richtung Wassersuppe. Das Lied findet sich noch im Stammteil des Gotteslobs 1975, und wird dann mit dem Gotteslob 2013 endgültig in die Diözesananhänge verdrängt.

Das schweizerische katholische Gesangbuch hat es noch im Stammteil. Die 10 populärsten Strophen haben folgenden Text in Latein:

  1. puer natus in Betlehem / alleluia / unde gaudet Jerusalem / alleluia, alleluia / in cordis jubilo / christum natum adoremus / cum novo cantico
  2. Hic iacet in praesepio / ... / qui regnat sine termino / ...
  3. Cognovit bos et asinus / ... / quod puer erat dominus / ...
  4. Reges de Saba veniunt / ...  / Aurum thus Myrrham offerunt / ...
  5. De Matre natus virgine / ... / Sine virili semine / ...
  6. Sine serpentis vulnere / ... / De nostro venit sanguine / ...
  7. In carne nobis similis / ... / Peccato sed dissimilis / ...
  8. Ut redderet nos homines / ...  / Deo et sibi similes / ...
  9. In hoc natali gaudio / ... / Benedicamus domino / ...
  10. Laudetur sancte trinitas / ... / Deo dicamus gratia / ...
Die entsprechenden deutschen Strophen:
  1. Ein Kind geborn zu Betlehem / Betlehem / des freuet sich Jerusalam / Hallelujah Hallelujah
  2. Hier liegt es in dem Krippelein / ... / ohn Ende ist die Herrschaft sein /...
  3. Das Öchslein und das Eselein / ... / erkannten Gott den Herren sein / ...
  4. Die König aus Saba kamen dar / ... / Gold Weihrauch Myrrhen bracht´n sie dar / ...
  5. Sein Mutter ist die reine Magd / ... / die ohn´ ein Mann geboren hat / ...
  6. Die Schlang ihn nicht vergiften konnt / ... / ist worden unser Blut ohn Sünd / ...
  7. Er ist gar uns gleich nach dem Fleisch / ... / der Sünd nach ist er uns nicht gleich / ...
  8. Damit er uns ihm machte gleich / ... / und wieder brächt zu Gottes Reich / ...
  9. Für solche gnadenreiche Zeit / ... /sei Gott gelobt in Ewigkeit / ...
  10. Lob sei der heilgen Dreieinigkeit / ... / von nun an bis in Ewigkeit / ...
Die gregorianische Melodie läßt sich auch mit dem deutschen Text singen,  die volkstümliche Melodie paßt auch zur lateinischen Fassung. Für den Gesang bieten sich daher viele Möglichkeiten. Man kann den lateinischen Text durch eine Schola singen lassen, anschließend den deutschen Text durch die Gemeinde, lateinisch-deutsch mit der gregorianischen Melodie oder der volkstümlichen. Bei Lucas Lossius sind zum Beispiel beide Texte mit der volkstümlichen Melodie unterlegt. Sie wurden offenbar im Wechselgesang gesungen.

Warum das Lied außer Mode kam? Ich vermute den morbus modernicus. Der lateinische Text geriet schon im 19. Jahrhundert in Vergessenheit, der  deutsche Text wurde so verwässert,und verkürzt bis die Langeweile das Lied umbrachte. In der letzten Gotteslob-Fassung fehlt die dritte Strophe mit Ochs und Esel, die fünfte mit der Reinen Magd,  die sechste mit der Schlange und die siebte, in der es um Fleisch und Sünde geht. Die 8. in der es um Gottes Reich geht, hat folgenden sturzbanalen Text: "Sie fielen nieder auf die Knie und sprachen Gott und Mensch ist hie". Der Griff in die Textbausteinkiste, nicht? Selbst die Heilige Dreieinigkeit (Vers 10) wird vermieden.

Hier kann man den gregorianischen Choral hören, und hier die deutsche