Sonntag, 11. September 2022

Nun komm der Heiden Heiland

Bischof von Mailand

339 in Augusta Treverorum  (Trier) geboren, seit 365 als Anwalt tätig, wurde Ambrosius 374 zum Bischof von Mailand gewählt, wo er 397 starb.  In die Geschichte ging er ein als einer der vier Kirchenväter aber vor allem als Verfasser der "ambrosianischen" Hymnen, die bis heute nach mehr als 1.600 Jahren noch immer in Gebrauch sind.

In meinem geliebten Konfirmandengesangbuch stand als erstes Lied diese Kontrafaktur seines Hymnus "Veni redemptor gentium":
  1. Nun komm der Heiden Heiland / der Jungfrauen Kind erkannt / daß sich wunder alle Welt, / Gott solch Geburt ihm bestellt.
  2. Nicht von Manns Blut noch von Fleisch / allein von dem Heil'gen Geist / ist Gotts Wort worden ein Mensch / und blüht ein Frucht Weibes Fleisch.
  3. Er ging aus der Kammer sein / Dem könglichen Saal so rein, / Gott von Art und Mensch, ein Held, / sein' Weg er zu laufen eilt.
  4. Sein Lauf kam vom Vater her / und kehrt wieder zum Vater, fuhr hinunter zu der Höll' / und wieder zu Gottes Stuhl
  5. Dein Krippen glänzt hell und klar, die Nacht gibt ein neu Licht dar, / Dunkel muss nicht kommen drein, / der Glaub bleibt immer im Schein.
  6. Lob sei Gott dem Vater g'tan; / Lob sei Gott sei'm ein'gen Sohn, /Lob sei Gott dem Heil'gen Geist / immer und in Ewigkeit.
Die Übersetzung geht auf Martin Luther zurück, womöglich auch die Melodie, die sich an die mittelalterliche gregorianische Melodie anlehnt, ihr aber nicht entspricht.

Luther hat, wie zu seiner Zeit bereits üblich, nicht die erste Strophe des ambrosianischen Hymnus übersetzt, sie war nicht mehr in Gebrauch, ursprünglich begann der Hymnus mit folgendem Vers.

Intende, qui regis Israel,
Super Cherubim qui sedes,
Appare Ephrem coram, excita
potentiam tuam et veni.
Und erst dann folgt

Veni, redemptor gentium;
Ostende partum virginis;
Miretur omne saeculum.
Talis decet partus Deo.

Ambrosius entfaltet in 8 Strophen zu je vier Zeilen mit je 8 Silben das Mysterium der Geburt des Gottessohnes. Nicht nur der Text, sondern auch seine Form hat Bedeutung, die Zahl 8 steht für den 8 Tag, den Tag, an dem Jesus Christus geboren ist, der achte Tag der Schöpfung.

Man hat sich häufig über die auffällige "Kunstlosigkeit" des lutherschen Textes ausgelassen, wo sich der Reim eher nur ausnahmsweise reimt, wo sich die eine oder andere Formulierung findet, die schon manchen ratlos zurückgelassen hat.  Lieselotte von der Pfalz, hat sich in einem Brief an das "wunderliche" Lied  erinnert, dessen Text sie schon als kleines Kind irritiert hat. Dafür gibt es eine Erklärung: Luther hat den Text so akribisch wie möglich übersetzt, auf den Reim oder auf die Umgangssprache kam es ihm dabei weniger an.

Letzteres war aber auch der Grund, warum der Luther-Text auch in katholische Gesangbücher aufgenommen wurde, von Beuttner über Corner bis zum "Rheinfelsischen Gesangbuch", wo er wiederum auf Platz 1 steht. Corner hat sich in einem ausführlichen Vorwort dazu bekannt, daß er in sein "Groß Catolisch Gesangbüch" auch evangelische Texte aufnimmt, sofern sie den authentischen katholischen Glauben wiedergeben. Bei der wortgetreuen Übersetzung des "Veni redemptor gentium" war das zweifellos der Fall.

Bei den Katholischen geriet der Luther-Hymnus ausgerechnet in einer Zeit, in der soviel von "Ökumene" die Rede war wie nie, in Verruf. In den Diözesan-Gesangbüchern vor 1945 findet sich keine Übersetzung des ambrosianischen Hymnus mehr, nach 1945 taucht der Hymnus wieder in der Übersetzung von Petronia Steiner auf. Die Übersetzung ist nicht gelungen, sie verschwand mit dem Gotteslob 1975 wieder und wurde durch einen Text vom Markus Jenny ersetzt.

Damit haben sich die Nachkonziliaren für das Werk eines evangelischen Theologen und Hymnologen entschieden, statt des Werkes des Ur-Evangelen Luther selbst. Das Jenny-Lied halte ich für eines der schröcklichsten Liedlein in dem an geschmack-, kunst-, lieb- und glaubenslosen Liedern überreichen Gotteslöbern.

Die Übersetzung ist sinnverfälschend, das Ganze ist völlig kunstlos, enthält unpassende altertümelnde Vokabeln wie "darob", "entströmt" und "obsiegt", es ist wirklich richtig schlecht.

Es bleibt nur noch die alte, auf Luther zurückgehende Melodie, sonst bleibt wieder kein Stein auf dem anderen.

"Veni redemptor gentium" übersetzt Jenny mit "Komm du Heiland aller Welt", das ist zwar im klassischen Latein richtig, nicht aber im kirchlichen Gebrauch, wo das Wort gentes in der Regel mit "Heiden", also den nichtjüdischen Völkern übersetzt wird. Schlimmer wirds im zweiten Satz "Ostende partum virginis", heißt nicht "Sohn der Jungfrau mach dich kund" sondern "Verkünde die Geburt aus der Jungfrau". "Miretur omne Seculum" würde mein Lateinlehrer mit "darüber möge alle Welt staunen" übersetzen und nicht mit "Darob staune was da lebt", das "darob" wirkt in einem Text des 20. Jahrhundert außerdem gequält altertümelnd. "Talis decet partus deo" könnte man mit "Solche Geburt ist Gottes würdig" übersetzen auf keinen Fall aber mit "Also will Gott werden Mensch", denn die richtige Übersetzung spricht noch einmal die Geburt aus der Jungfrau an und nicht die Inkarnation.

Es wird ja immer wieder dementiert, daß protestantische Theologen den Novus Ordo mitformuliert haben, bei katholischen Gesangbüchern ist es nicht zu verbergen.

Ich plädiere für das Original oder eben für Luther, solange mir keiner einen besseren Text zeigt und übrigens, was Johann Sebastian Bach inspiriert hat, das kann auch uns inspirieren.

Das Lied steht übrigens auch im EKD-Gesangbuch nicht mehr auf Platz Eins, dort steht nun Weissels "Macht hoch die Tür". Ein schönes Lied, würde es nicht vor Weihnachten aus jedem Supermarktlautsprecher düdeln.

Die Melodie kann man sich hier anhören

Samstag, 3. September 2022

O Heiland reiß die Himmel auf

Denkmal für Friedrich Spee und
Katharina Henot am Kölner Rathaus

1622 ist dieses Lied entstanden. Der Verfasser, Friedrich Spee von Langenfeld, war damals 31 Jahre alt und stand am Ende seines Studiums, ein Jahr später wurde er zum Priester geweiht. Schon mit 19 war er dem Jesuitenorden beigetreten. 

In Deutschland war der Dreißigjährige Krieg ausgebrochen. Die Pest wütete in den Städten. Der Hexenwahn forderte Todesopfer, auch Freunde und Verwandte Friedrichs fielen dem Wahn zum Opfer. Einem der prominentesten und mit Sicherheit unschuldigen Opfer des Hexenwahns, Katharina Henot, errichteten die Kölner gemeinsam mit Friedrich Spee von Langenfeld ein Denkmal am Kölner Rathaus. Spee dürfte Katharina Henot gekannt haben.

Friedrich war einer der ersten, der dem Hexenwahn entgegentrat. Letztlich erfolgreich, doch zunächst wurde er deshalb gemaßregelt.

Bei der Betreuung und Pflege von verwundeten und erkrankten Soldaten infizierte sich Friedrich Spee an der Pest und starb 1935. 

Das Lied wurde früher unter dem Titel "Säufftzen der Altvätter in der Vorhöll" veröffentlicht, bedenkt man die Lebensumstände Friedrich Spees, geht es keinesweg um die Väter in der Vorhölle, sondern ganz irdisch und konkret um das in der Hölle des Dreißigjährigen Krieges leidende Volk.

Das Lied gehört zu den beliebtesten Liedern der ganzen deutschen Christenheit. Abgesehen von einem kleinen "Versanhang" der bald wieder aus den Liederbüchern verschwand, ist es auch nie ergänzt, verändert oder umkomponiert worden.

  1.  O Heiland reiß die Himmel auf / herab, herab vom Himmel lauf / reiß ab vom Himmel Tor und Tür / reiß ab, wo Schloß und Riegel für
  2. O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß, / im Tau herab, o Heiland, fließ. / Ihr Wolken, brecht und regnet aus / den König über Jakobs Haus
  3. O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd, / dass Berg und Tal grün alles werd. / O Erd, herfür dies Blümlein bring, / o Heiland, aus der Erden spring. 
  4. Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, / darauf sie all ihr Hoffnung stellt? / O komm, ach komm vom höchsten Saal,  / komm, tröst uns hier im Jammertal. 
  5. O klare Sonn, du schöner Stern,  / dich wollten wir anschauen gern; / o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein / in Finsternis wir alle sein. 
  6. Hie leiden wir die größte Not / vor Augen steht der ewig Tod / Ach komm, führ uns mit starker Hand / vom Elend zu dem Vaterland

Melodie

Samstag, 27. August 2022

Es kommt ein Schiff geladen

 

Colchicum bulbocodium
Lichtmeßblume

Die Katholischen  haben sich mit Sudermanns Interpretation des aus dem 15. Jahrhundert stammenden Liedes "es kommt ein Schiff geladen" immer schon schwer getan. Als im 19. Jahrhundert das Lied von Hymnologen wiederentdeckt wurde blieben die Verfasser katholischer Gesangbücher zurückhaltend. Sie zogen zwar mit der Veröffentlichung nach, doch in Form der "katholischeren" Version aus dem Andernacher Gesangbuch. Auch Heinrich Bone hat sich mit diesem Lied befasst, und hat es zur Enttäuschung des katholischen Publikums in der Sudermannschen Fassung mit leichten Änderungen veröffentlicht. Erfolg hatte er damit wenig, bis zum Gotteslob 75 blieb Sudermann draußen.

Georg Thurmair hat es  in seinem "Kirchenlied" mit einer weitgehend originalen Version in der Fassung des Andernacher Gesangbuchs versucht, wo das Lied mit den Worten "Uns kommt ein Schiff gefahren" beginnt. Auch das hat niemanden überzeugen können. Das Gotteslob 75 hat die Sudermann-Version übernommen, sie aber mit einem Marienvers ergänzt, wohl um etwas "katholisches Kolorit" beizufügen. Im Gotteslob 2013 finden wir das Sudermann-Lied ohne marianischen Schlußvers.

Als Sudermann die heutige Fassung zusammenfügte, mit einem Text, der weitgehend aus der Straßburger Version stammt, lag im wohl mindestens die Fassung von 1450 vor, die dem Dominikanerinnen-Kloster in Straßburg zuzuordnen ist. Daneben finden sich noch zwei weitere Fassungen aus Inzigkofen und Deventer, die gleichfalls aus Frauenklöstern stammen, mit teilweise stark abweichendem Text. 

In jedem Fall ist es ihm gelungen, eine Marienhymne völlig von jedem Verweis auf die Gottesmutter zu bereinigen. Damit hängt der Text allerdings in der Luft, denn wer oder was soll denn nun das Schiff sein: die Kirche, die Seele oder doch die Gottesmutter?

Sudermann hat eine poetisch höchst anrührende Version des Liedes geschaffen, mit der marianischen Urfassung hat sie nur bedingt etwas zu tun, am besten sehen wir uns das Vers für Vers an.

(Im folgenden habe ich die historischen Versionen sprachlich dem heutigen Sprachgebrauch angenähert, und hinsichtlich des Vers-Rhythmus angepasst auf die heute meist verwandte Melodie aus dem Andernacher Gesangbuch)

1.

In der Straßburger Fassung:

Es kommt ein Schiff geladen / bis an sein höchsten Bord / es trägt den Sohn des Vaters / das ewigliche Wort

Sudermann formuliert um:

... trägt Gottes Sohn voll Gnaden / des Vaters ewigs Wort. 

das reimt besser, aber ist der Sohn Gottes wirklich "voll Gnaden" oder ist er nicht vielmehr die Gnade selbst?

Es macht Sinn, sich mit der ersten lateinischen Strophe der zweisprachigen Andernacher Version zu beschäftigen, denn sie macht deutlich, wer denn das Schiff sein soll

En navis institoris / Procul ferens panem / Longis adest ab oris / novam vehens mercem

Die erste Hälfte des Verses ist ein wörtliches Zitat aus dem Liber Proverbium 31.10 ff. (14): Facta est quasi navis institoris, de longe portans panem suum. "Sie (die "starke Frau",  mulierem fortem) ist wie ein Handelsschiff, das sein Brot von ferne heranträgt." Die zweite Hälfte; es kommt aus weiter Ferne / und trägt eine neue Ware/Lohn/Sold verweist auf die Eucharistie.

Völlig getilgt hat Sudermann den Refrain des Liedes : Maria, Gottes Mutter / gelobet mußt du sein / .... .

2.

Der zweite Vers wird ebenfalls reimlich versäubert

Das Schiff das geht so stille / Es trägt ein teure Last / das Segel ist die Minne / der heilig Geist der Mast

Sudermann: das Schiff geht still im Triebe / ... / das Segel ist die Liebe / ...

Das wirkt heute eher seltsam, denn mittlerweile ist Liebe/Triebe peinlich. Still im Triebe ist genauso altertümlich wie die "Minne", also dann doch besser Minne. Der dritte Vers:

3.

Der Anker ist ausgeworfen / das Schiff das geht an Land / Gott ist uns Mensch geworden / der Sohn ist uns gesandt

 Sudermann:

Der Anker haft auf Erden / und das Schiff ist am Land / Gotts Wort tut uns Fleisch werden / der Sohn ist uns gesandt

Das klingt heute so verstolpert, daß die Evangelischen es selbst versäubert haben : "das Wort will Fleisch uns werden". Reim gerettet, nur das "Wort" "will" nicht, es "ist" Mensch geworden. Wenn man schon ein Loch im Stoff stopft, sollte man aufpassen, daß man dabei nicht ein anderes aufreißt.

4.

Der vierte Vers ist wohl Sudermanns Eigengewächs, denn das "verlorene Kind" leitet direkt über zu "leiden", "Pein und Marter" und "sterben". 

Zu Betlehem geboren / ist uns ein Kindelein / gibt sich für uns verloren / gelobet muß es sein

Die Andernacher hingegen schließen die ersten drei Verse mit folgendem Vers ab:

Maria hat geboren / aus ihrem Fleisch und Blut / das Kindlein auserkoren / Wahr Mensch und wahrer Gott

In der Straßburger Version findet sich folgender Krippenvers:

Es lieget in der Krippen / das liebe hübsche Kindelein / Ist unser Bruder geworden / gelobet muß es sein

der in der Andernacher und Deventer Version so lautet:

Es liegt hie in der Wiegen / das liebe Kindelein / Sein Gesicht leucht wie ein Spiegel / Gelobet mußt du sein. 

5.

Und wer dies Kind mit Freuden  / umfangen, küssen will / muß vorher mit ihm leiden / groß Pein und Marter viel

Der mystische Kuß war das einzige, was Bone - typisch für seine Zeit - weggelassen hat, der ansonsten Sudermanns Version teilt. Aber der Kuß, vom dem Sudermann schreibt, wird von den braven Nonnen aus dem Deventer Kloster ganz anders eingeordnet 

Ich möcht das Kindlein küssen / auf seinen roten Mund / das möcht mich wohl gelüsten / von Sünden würd ich gsund

Der Kuß allein erlöst von Sünden. Die Pein und Marter braucht es nicht.

Ebenso Straßburg

Und wer das Kind will küssen / auf seinen roten Mund / empfängt wohl große Freuden / von ihm zur selben Stund

und Andernach

Möcht ich das Kindlein küssen / An seinen lieblichen Mund / und wär ich krank vor gewisse / ich würd davon gesund

6.

Die Nonnen von Inzigkofen haben noch einen weiteren Vers:

Maria du edle Rose / aller Seligkeit ein Zweig  / du schöne Zeitenlose / mach uns von Sünden frei

Die Zeitenlose ist eine Blume, die mitten im kalten Winter blüht. Es ist eine ganze Pflanzenart, zu der auch die Herbstzeitlose gehört, die Lichtmeßblume blüht im Februar an Maria Lichtmeß.

Es ist möglicherweise deutlich geworden, daß ich die Sundermann-Version nicht mag, Wie könnte eine Sudermann-freie Version aussehen:

  1. Es kommt ein Schiff geladen / bis an sein höchsten Bord / es trägt den Sohn des Vaters / das ewigliche Wort
  2. Das Schiff das geht so stille / Es trägt ein teure Last / das Segel ist die Minne / der heilig Geist der Mast
  3. Der Anker ist ausgeworfen / das Schiff das geht an Land / Gott ist uns Mensch geworden / der Sohn ist uns gesandt
  4. Es liegt hie in der Wiegen / das liebe Kindelein / Sein Gsicht leucht wie ein Spiegel / Gelobet muß es sein
  5. Und wer das Kind will küssen / auf seinen roten Mund / empfängt wohl große Freuden / von ihm zur selben Stund
  6. Maria edle Rose / du Zweig der Seligkeit / du schöne Zeitenlose / mach uns von Sünden frei

Mittwoch, 24. August 2022

Tauet Himmel den Gerechten

Rorate Antiphon

 

Michael Denis Lied "Tauet Himmel den Gerechten" von 1774, das 1777 von Thomas Hauner vertont wurde, ist nie unter die "Einheitslieder" aufgenommen worden, es taucht in Georg Thurmairs Sammlung "Kirchenlied" nicht auf und ist weder im Stammteil des Gotteslobs 1975 noch im Stammteil des Gotteslobs 2013 zu finden.  Dennoch ist es eines der populärsten Adventslieder.

Auch wenn es nicht zum "Kirchenlied-Adel" gehört, findet es sich in praktisch allen Gesangbüchern, es ist in allen Diözesan-Gesangbüchern vor dem "Gotteslob" 1975 abgedruckt, Joseph Mohr hat es überarbeitet und in sein "Cantate" aufgenommen, und wenn es schon nicht in den Stammteil des Gotteslobs aufgenommen wurde, so ist es doch in sämtlichen Diözesan-Anhängen zu finden. 

Der Grund für diesen Widerspruch ist nicht schwer zu finden: es gibt keine einheitliche Fassung,  weder im Hinblick auf den Text, noch im Hinblick auf die Melodie. Der Text ist schon sehr früh umgeschrieben worden, die Fassung, die erstmals 1801 im Münsteraner Gesangbuch veröffentlich wurde, ist der am meisten bekannte Text. Die beiden ersten Verse dieser Fassung haben sich als gleichsam kanonischer Text entwickelt, die Folgeverse sind in jeder Fassung anders. Jede Diözese folgt bis heute eigenen Traditionen, und da diese Traditionen nun einmal durchaus ehrwürdig sind, wird es auch dabei bleiben.. Eine "Einheitsfassung" wird es also nicht geben, man muß sich also, ob man will oder nicht, schon für eine Fassung entscheiden.

Das selbe gilt für die Vertonung. Die ursprünglich Fassung geht auf Thomas Hauner zurück, aber Hauner hatte bei dieser Kompostion offenbar einen Solisten oder einen mindestens semiprofessionellen Chor vor Augen, für den Gemeindegesang war seine Komposition nicht gedacht.  1790 schon wurde deshalb diese Komposition für den Gemeindegesang umgestaltet, die heutige Singweise geht auf Michael Haydn zurück, aber auch die ist keineswegs"kanonisch". Sie ist lediglich die älteste statistisch gesehen am häufigsten verwandte Melodie.

Um es dann noch etwas komplizierter zu machen, wird auch diese Melodie wiederum vereinfacht, die Folge ist, daß es buchstäblich keine einzige Diözesan-Fassung gibt, die mit einer anderen übereinstimmt.. Im folgenden also die Fassung, die Joseph Mohr dem Lied gegeben hat, und die Melodie Michael Haydns. 

Traditionsgemäß, wird das Lied am 4. Advent gesungen, passend zum Introitus der Messe.

  1. Tauet Himmel den Gerechten / Wolken regnet ihn herab / Rief das Volk in bangen Nächten / dem Gott die Verheißung gab : Einst den Mittler selbst zu sehen / und zum Himmel einzugehen / Denn verschlossen war das Tor / Bis ein Heiland trat hervor  
  2. Gott der Vater ließ sich rühren / Daß er uns zu retten sann / Und den Ratschluß auszuführen / Trug der Sohn sich selber an. / Schnell flog Gottes Engel nieder / Brachte diese Antwort wieder : "Sieh ich bin des Herren Magd / Mir gescheh wie du gesagt"
  3. Dein Gehorsam ist uns Leben / Jungfrau demutvoll und keusch / Gottes Geist wird dich umschweben / Und des Vaters Wort wird Fleisch / Erde! jauchze auf in Wonne / Bei dem Strahl der neuen Sonne / Fernhin bis zum Niedergang / Werde alles Lobgesang!
  4. Ja er kommt in Menschenhülle / Wie der Seher Mund versprach; / Leben, Licht und Gnadenfülle / Folgen dem Verheißnen nach / Seht, des Todes Schatten schwinden / Nieder sinkt das Reich der Sünden /: Und der Schuldgen Sklavenband / Bricht der Herr im Knechtsgewand


Melodie


Montag, 22. August 2022

Veni, veni Emmanuel

O-Antiphon Antiphonale Poissy 14. Jhdt.

Reisen bildet. Das gilt nicht nur für Personen, sondern auch für Lieder. Manchmal kommen sie nach einer langen Weltreise zu uns zurück, erfrischt und verjüngt. Das gilt auch für die Paraphrase der O-Antiphonen, das Adventslied  Veni, Veni Emmanuel, oder auf deutsch "Herr send herab uns deinen Sohn" (Bone), oder "Herr sende, den du senden willst" (wieder Bone) oder "O komm, o komm Emanuel" (Verspoell)

Die O-Antiphonen, die Magnificat - Antiphonen zu den letzten sieben (oder acht, oder neun, oder zehn oder zwölf) Vespern vor dem 24.12. sind schon im 6. Jahrhundert nachzuweisen. Die Zahl von sieben Antiphonen gilt als kanonisch O Sapientia, O Adonai, O radix Jesse, O Clavis David, O Oriens, O Rex gentium, O Emmanuel.

Paraphrasen dieser Antiphonen sind erst seit dem 18. Jahrhundert nachzuweisen, die früheste aus dem 18. Jahrhundert in Johannes Heringsdorfs "Psalteriolum Cantionum Catholicarum", dem "Psälterlein Katholischer Gesänge". Der Text, der nur eine Auswahl der Antiphonen in geänderter Reihenfolge enthält, ist nun in mehr als 200 Jahren wiederum kanonisch geworden, nämlich im angelsächsischen Raum. Der hochkirchliche gesinnte (und deshalb angefeindete später jedoch hochverehrte) anglikanische Pastor John Mason Neale veröffentlichte den Text 1851 in seiner Sammlung "Hymni ecclesiae" und lieferte dann 1861 die endgültige - und gleichsam kanonische - Übersetzung nach: "O come, O come Emmanuel". Thomas Helmore verband 1851 den Text mit einer Melodie die er in einem alten französischen Manuscript gefunden hatte und : der Nummer-Eins-Hit der englischen Adventslieder war geboren.

Veni, veni Emmanuel / Captivum solve Israel / qui gemit in exilio / Pivatus dei filio / Gaude, gaude Emmanuel / nascetur pro te israel
Veni o Jesse virgula / Es hostis tuos ungula / De specu tuos tartari / Educ e anthro barathri / Gaude ...
Veni, veni o oriens / Solare nos adveniens / Noctis depelle nebulas / Dirasque mortis tenebras / Gaude ...
Veni clavis Davidica / Regna reclude coelica / Fac iter tutum superum / Et claude vias inferum / Gaude ...
Veni, veni Adonai / Qui populo in Sinai / Legem dedisti vertice / In Maiesta grloriae / Gaude ...

Heute finden sich ungezählte Varianten des Liedes, eine Motette von Zoltan Kodaly, Kompositionen für Orchester und Chor, SynthiePop (die Lieblingsvariante meiner Herzallerliebsten Ehefrau) und viele viele teils aber auch unglaublich kitschige Versionen.

Das deutsche Gotteslob hat sich für die Melodie Helmores entschieden, leider auch für den dazu nicht passenden Text Bones. Dadurch "landen" die Betonungen der Melodie auf den "falschen" Wörtern. 

Warum man sich vor einer zweisprachigen Version scheut - also einer wörtlichen, nicht unbedingt singbaren Übersetzung des für die Melodie auch gedachten lateinischen Textes - läßt sich eigentlich nur mit der seit DEM KONZIL verbreiteten Idiosynkrasie gegen das Lateinische erklären. In Corners "Groß Catolisch Gesangbüch" waren die zweisprachigen Text noch die Regel - nun kommen sie gar nicht mehr vor. 

Die englische Übersetzung ist sehr gut gelungen, die engere Verwandtschaft des Englischen mit den lateinischen Sprachen hilft. Schade, daß die Gotteslob-Redakteure wieder mal falsch abgebogen sind.

Ich hätte es vorgezogen, wenn man den lateinischen Text des "Veni Emmanuel" wählt - mit einer lesbaren, aber nicht notwendig singbaren Übersetzung und als Alternative Verspoells Eigenschöpfung, die unter den deutschen Alternativen noch den höchsten poetischen Wert hat, und sich sehr gut auf die Melodie Helmores singen läßt.

  1. O komm, o komm Emmanuel / mach frei dein armes israel / In hartem Elend liegt es hier / In Tränen seufzt es auf zu dir! / Bald kommt dein Heil, Emanuel / Frohlock und jauchze Israel
  2. O komm, o komm du Licht der Welt / Das alle Finsternis erhellt / O komm und führ aus Trug und Wahn / Dein Israel auf recht Bahn / Bald kommt ...
  3. O komm, o komm du Himmelskind / Das aller Welt das Heil gewinnt / Dein Israel seufzt tief in Schuld / O bring im deines Vaters Huld / Bald kommt ...
  4. O komm, o komm du Gottessohn / Zur Erde steig vom Himmelsthron / Gott Herr und Heiland tritt hervor / O komm schließ auf des Himmel Tor / Bald kommt ....

Donnerstag, 18. August 2022

Ave Maria Zart

Lochner, Madonna im Rosenhag

Johann Georg Franz Braun hat nicht nur den Text gedichtet, sondern auch die Musik komponiert. 1675 ist sie in seinem "Echo hymnodiae coelestis" erstmals veröffentlich worden.
 
So hätte es eigentlich bleiben können:

  1. Ave Maria zart / du edler Rosengart / Lilien weiß ganz ohne Dornen : ich grüße dich zur Stund / mit Gabrielis Mund / Ave die du bist voller Gnaden.
  2. Du hast des Höchsten Sohn / Maria rein und schön / in deinem Leib verschlossen gtragen : Jesum das liebe Kind / so da die Sünder blind / errettet hat aus allem Schaden
  3. Durch Evae Apfel-Biß / Gott uns verstoßen ließ / und sollten sein ewig verloren : da ist göttliches Wort / Jesu dein Söhnlein zart / zu unserm Heil ein Mensch geworden.
  4. Durch sein kostbares Blut / ist des Satanas Mut / gestürzt / der Höllen Pfort zerbrochen : durch sein fünf Wunden rot / und sein schmerzlichen Tod / des Tods und Teufels Trutz gerochen
  5. Darum o Mutter mild / befiel uns deinem Kind / bitt, daß er uns die Sünd verzeihe: endlich nach diesem Leid / die ewig Himmels-Freud / durch dich Maria uns verleihe / Amen.

Dazu noch eine wundervolle Melodie, einfach makellos. Aber nicht ganz. Das Lied hat seine kleinen Unvollkommenheiten, Dornen reimt sich nicht auf Gnaden, gtragen nicht auf Schaden, verloren nicht auf geworden, was das Wort gerochen bedeutet, muß man einem Sprecher des 21. Jahrhunderts schon erklären. Auch bei Sohn/schön Wort/zart mild/Kind Leid/Freud holpert es etwas. Aber wen stört das?

Die Kirchengesangbuchredakteure stört es natürlich. Zunächst aber ist das Lied nach 1701 erst einmal ganz verschwunden. Wiederentdeckt hat es 1833 Ludwig Aurbacher, kein Hymnenforscher, sondern ein Dichter. Bis Georg Thurmair in seiner äußerst einflußreichen Liedersammlung "Kirchenlied" das Lied überarbeitet und wieder populär macht, bleibt es nur wenig beachtet. Positiv zu vermerken wäre, daß "Ave Maria zart" danach in den Diözesangesangbüchern und bis heute im Stammteil des Gotteslobs zu finden ist, negativ, daß am Ende der "Überarbeitung" kaum noch ein Stein auf dem anderen blieb.

Das ist weniger auf Thurmair zurückzuführen, der offenbar vor allem die Reime versäubern wollte, als vielmehr auf die Abrißbirnen der GL75-Redaktion.

Thurmair ersetzt im ersten Vers "Dornen" durch "Schaden", so daß nun der Reim reimt, aber leider der Sinn verloren geht, denn Braun hatte doch den "hortus conclusus" des Hohen Liedes vor Augen. "Sicut lilium inter spinas", wie die Lilie unter den Dornen.

Auch der zweite Vers hat gelitten, in den Gotteslöbern lesen wir:

Du hast des Höchsten Sohn, Maria rein und schön / in deinem keuschen Schoß getragen / den Heiland Jesu Christ / der unser Retter ist / aus aller Sünd und allem Schaden.

Wieder wird der Verweis auf das Hohe Lied unterschlagen. "Meine Schwester, liebe Braut, du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born (Hld 4,12) - daher das Wort verschlossen in Brauns Text. Der "keusche" Schoß meint nun etwas anderes als die Gebetbuch-Verfasser denken. Keusch, mittelhochdeutsch kiusche, ist ein ethischer Begriff, der sich nur auf eine Person beziehen kann, zu denken ist an "sittsam". Der keusche Schoß ist daher, ethymologisch betrachtet, Non-Sens. Das "liebe Kind" wird uns ebenso vorenthalten wie die "Sünder blind", beides ließ Thurmair unangetastet, stattdessen begegnet uns nun der konventionelle Pleonasmus Heiland/Retter. Von innig zu billig, kein guter Tausch.

Ganz übel hat es die dritte Strophe erwischt:

Denn nach dem Sündenfall, wir warn verstoßen all, und sollten ewig sein verloren, / da hast du reine Magd / wie dir vorhergesagt/ uns Gottes Sohn zum Heil geboren.

 Der innere Frauenbeauftragte, der in jedem modernen Katholiken wohnt, wollte ja schon immer Eva aus der Schußlinie holen, auch dem "lieben Gott" darf man ja nichts Böses nachsagen. Aber nun tritt an Stelle der personalen Eva und des personalen Gottes der abstrakte "Sündenfall". In der Rhetorik nennt man das "Deagentivierung".  Bürokratendeutsch schreibt so, denn wovor der Bürokrat am meisten scheut, ist die Übernahme von Verantwortung. Und auch das noch: anstelle der Anspielung auf das Wort, das Fleisch geworden ist, lesen wir nun dröge Standard-Mariologie. 

Den vierten Vers hat Thurmair nicht angerührt, nicht so die Gotteslob-Redakteure, der ganze Vers fiel der "Delete"-Taste zum Opfer. Begründung? Im Redaktionsbericht zum Gotteslob I heißt es, die Streichung sei wegen "einiger veralteter Ausdrücke" erfolgt. Für "veraltet" hält die Redaktion offenbar die Ausdrücke "kostbares Blut" , "Satanas Mut" , "Höllen Pfort" und "Wunden rot".

Mit der Streichung verliert der nunmehr vierte Vers seinen Bezugspunkt. Das "Darum o Mutter mild" bezieht sich nun auf Jesu Geburt, und nicht mehr auf Jesu Passion. So war´s jedenfalls nicht gemeint.

In Wahrheit hat die Redaktion vor dem Zeitgeist eine bodentiefe Verbeugung geleistet. Denn nur vier Jahr zuvor hatte ein Lied die Charts gestürmt, das sich bei Lichte betrachtet, als lupenreine neokommunistische Hymne entpuppt, John Lennons "Imagine"

  1. Imagine there´s no heaven/ It´s easy if you try, No hell below us, Above us only sky
  2. Imagine there´s no countries, It isn´t hard to do, Nothing to kill or die for, And no religion too
  3. Imagine no possessions, I wonder if you can, No need for greed or hunger, A brotherhood of men
Ein "Friedenslied" das die meisten Spät-Hippies - zu denen so mancher unbedarfte Katholik zählt - noch immer in hymnischen Tönen preisen. Aber teilt John Lennon seine Idee von einer Welt ohne Religion, ohne Vaterländer und ohne Privateigentum nicht mit Karl Marx, Friedrich Engels, Josef Stalin, Pol Pot und Kim Il Sung?


Mittwoch, 17. August 2022

Der Tag der ist so freudenreich

Aus der Medinger Handschrift

Wie man ein Kirchenlied "um die Ecke bringt" habe ich ja schon mehrfach beschrieben. Eine lebendige und einprägsame, aber vielleicht nicht ganz einfache Melodie wird mit dem Argument der "Singbarkeit" durch kompositorische Dutzendware ersetzt. Vorgeblich "altertümliche" Wörter werden neugermanisch umformuliert, vermeintlich unverständliche Texte in "einfache Sprache" übersetzt, dramatische Begriffe abgeflacht, Worte wie "Hölle", "Jammertal", "Satan" werden ausgemerzt, 

Das Kirchenlied stirbt nach dieser Behandlung häufig einen stillen Tod. Bei der "Erledigung" des uralten Liedes "der Tag der ist so freudenreich" ist so vorgegangen worden. Sehr schade, denn dieses Lied könnte als Beweis dafür dienen, daß einst der Vorrat an gemeinsamen Überzeugungen der Konfessionen größer war als heute, und daß es keiner "Arbeitsgemeinschaft ökumenisches Liedgut" bedurfte, um einen Schatz von Liedern zu schaffen, den Evangelische wie Katholische singen konnten, ohne daß sich jemand darum scherte, ob das Lied nun von einem Katholiken oder einem Protestanten verfasst war. 

Bei der deutschen Version des Liedes handelt es sich um die (sehr freie) Kontrafaktur eines älteren lateinischen Hymnus, der vermutlich schon aus dem 14. Jahrhundert stammt: "Dies est laetitiae". Die Melodie ist identisch, wobei die deutsche Melodie im Lauf der Zeit noch ein wenig aufgehübscht wird, der Text hat nur wenige Ähnlichkeiten.

  1. Dies est laetitiae / in ortu regali, / nam processit hodie / De ventre virginali / puer admirabilis, / totus delectabilis / in humanitate, / qui inaestimabilis / est et ineffabilis / in divinitate.
wörtlich übersetzt:
  1. Es ist ein Tag der Freude / über eine königliche Geburt, / denn heute ging hervor / aus jungfräulichem Schoß / der bewundernswerte Knabe, / ganz köstlich / in [seiner] Menschheit, / der unschätzbar / ist und unbeschreiblich / in [seiner] Gottheit.
Im Gegensatz zur englischen Sprache, findet sich für dieses Lied keine echte Kontrafaktur. Bei Bartolomeus Gesius (1601) und Beuttner (1602) läßt sich eine Version finden, bei David Gregor Corner (1625) findet sich eine Fassung, die lange Zeit unangetastet bleibt:
  1. Der Tag der ist so freudenreich / aller Creaturen : Dann Gottes Sohn vom Himmelreich / über die Naturen / Von einer Jungfrau ist geborn / Maria du bist auserkorn / daß du Mutter werdest / was geschah so wunderlich / Gottes Sohn vom Himmelreich / der ist Mensch geboren.
  2. Ein Kindelein so löbelich / ist uns geboren heute / von einer Jungfrau säuberlich / zu Trost uns armen Leuten / wär uns das Kindlein nicht geborn / so wärn wir allzumal verlorn / das Heil ist unser aller / ei du süßer Jesu Christ / weil du Mensch geworden bist / behüt uns vor der Höllen.
  3. Als die Sonn durchscheint das Glas / mit ihrem hellen Scheine : und doch nicht versehret das / so merket allgemeine / In gleicher Weis geboren ward / von einer Jungfrau rein und zart / Gottes Sohn der werte /  in ein Kripp wird er gelegt / große Marter für uns trägt / allhie auf dieser Erden
  4. Die Hirten auf dem Felde warn / erfuhren neue Märe : von den engelischen Scharn / wie Christ geboren wäre / ein König über alle König groß / die Red Herodem sehr verdroß / aussandt er seine Boten / Ei wie gar ein falsche List / erdacht er wider Jesum Christ / die Kindlein ließ er töten.
Der zweite Vers läßt sich nicht als Übersetzung der lateinischen Version einordnen , er ist offenbar unabhängig entstanden. Corner druckt das Lied zusammen mit einer vollen Version des dies est laetitiae ab, die Melodie ist identisch, der Text eben nur "angelehnt"

Wer der Verfasser dieser Versionist, ist unbekannt. Luther war das Lied jedenfalls bekannt, er hat es mehrfach erwähnt, aber als Verfasser scheidet er aus. In der weiteren Entwicklungsgeschichte bleiben nun nur die ersten beiden Verse konstant, ab der dritten Strophe wechseln die Texte, mal werden sie wieder aus dem lateinischen Text übernommen, mal frei hinzugedichtet. Doch der Text inklusive der Strophe 3 war ursprünglich sowohl in lutherischen wie auch katholischen Gesangbüchern zu finden. Luther teilte das Mariendogma wonach Maria ante partum, peri partum et post partum Jungfrau blieb. In vielen älteren lutheranischen Gesangbücher wird er sogar als Autor bezeichnet.

Die lateinische Version des Liedes hat Luther offenbar sehr geschätzt, er bezeichnet sie als vom Heiligen Geist inspiriert. Viele lutherische Gesangbücher (zumindest die deutsch-amerikanischen) drucken  bis zum Ende des 19. Jahrhunderts das Lied in der von Corner wiedergegebenen Version ab. Als Autor wird vorwiegend Luther selbst angegeben. Das Lied bleibt bei beiden Konfessionen mehr als 300 Jahr sehr stabil.

In meinem geliebten Konfirmandengesangbuch  (Erstauflage1951) findet sich das Lied nun nur noch mit den ersten beiden Strophen, die 3. und vierte Strophe fehlt,  Heute ist das Lied, das noch Bach und Praetorius zu Kompositionen inspiriert hat, weder in den katholischen noch in den evangelischen Gesangbüchern zu finden.

In den Diözesangesangbüchern findet sich das Lied schon nicht mehr durchgehend. Das Münsteraner Gesangbuch gibt die Strophen 1. - 3. wieder, in anderen Gesangbüchern fehlt es, oder es wird nur in einer stark umgetexteten Version wiedergegeben. Die Diözese von Speyer schießt da wirklich den Vogel ab, sie betätigt sich in jeder nur erdenklichen Weise an der Kirchenlied-Ermordung. Die Melodie wird "vereinfacht" und der 3. Vers hat folgenden führwahr schröcklichen Text (die anderen sind keineswegs besser) :
Wie sang die frohe Engelschar / in jener heiligen Stunde / die Luft war wie die Sonne klar / Und hallte von der Kunde / Heut ist der Erde Heil geschehn / Des freuen sich die Himmelshöhn / Und öffnen ihre Pforten / Dem Herrn sei Preis in Ewigkeit / Den Menschen Fried und Einigkeit / Und Segen allerorten
Dutzendware aus der Textbausteinkiste so weit das Auge blicket, aber irgendwie hatte der Autor in Erinnerung, daß es um "Sonne" und "klar" ging, warum aber nun die Luft, und nicht das Glas klar ist, ist ein Geheimnis, daß er wohl mit in sein Grab genommen hat. Das Buch nennt keinen Autor, denn sonst hätte ganz bestimmt die Schutzheilige der Musiker einen Würgeengel geschickt.

Zur Motivlage spreche ich mal eine Vermutung aus: man badet gerne lau.

Was die schon frühe Tilgung der dritten Strophe angeht, ist der Grund nicht schwer zu finden: das Dogma der "immerwährenden" Jungfräulichkeit der Gottesmutter, also auch nach der Geburt, ist den modernen Christen, vorsichtig gesagt, fremd.

In das Gotteslob ist das Lied ebensowenig aufgenommen worden, wie in das gemeinsame evangelisch Gesangbuch.

Zur Ehrenrettung des Gotteslobs 1975 muß man allerdings sagen, daß Marie-Luise Thurmair sich  stattdessen an einer direkten Übersetzung des lateinischen Urtextes versucht hat. Dort lautete der dritte Vers wie folgt:
Wie die Sonn das Glas durchdringt, / ohne es zu trüben / so ist, die den Herrn uns bringt / allzeit Jungfrau blieben / O Maria rein und groß / selig bist du, deren Schoß / Gottes Sohn getragen / selig Mutter Gottes wert / die den Herrn der Welt genährt / in den Erdentagen
Durchgesetzt hat sich das Lied nicht, 2013 verschwand es wieder aus dem Stammteil.

Warum nimmt man nicht - wie schon David Gregor Corner - den nur "verwandten" deutschen Text und den lateinischen auf? 
Ut vitrum non læditur, sole penetrante / Sic illæsa creditur, post partum et ante; / Felix hæc puerpera cujus casta viscera / Deum genuerunt, / Et beata ubera in ætate tenera / Christum lactaverunt.

Wörtlich übersetzt ist das allerdings schon ein bißchen erdennäher, als der schüchterne Text Marie-Luises:

Wie die Sonn das Glas durchdringt, ohn es zu zerbrechen / So glauben wir daß sie unverletzt blieb vor und nach der Geburt / Glücklich die Wöchnerin, deren jungfräuliche Eingeweide / Gott gebaren / und deren heilige Brüste, die in Ewigkeit jung bleiben / Christum Milch gaben.
Musiker und "Kulturschaffende" mögen das Lied, die FAZ hat es in ihre Sammlung aufgenommen, wenn man genau hinhört, hört man ihm gesungenen Text die "unerhörte" Strophe 3.